Handball: WM-Kritik
Kein Ort für Schlachtenbummler – ASV-Chef Jungblut fassungslos

Senden -

Am Mittwoch hat die Mega-WM mit 32 Teams in Ägypten begonnen. Das aufgeblähte Teilnehmerfeld mag man ebenso kritisieren wie die Tatsache, dass in hochinfektiösen Zeiten überhaupt gespielt wird. Jochen Jungblut (ASV Senden) treibt indes etwas ganz anderes um.

Mittwoch, 13.01.2021, 17:47 Uhr aktualisiert: 14.01.2021, 14:32 Uhr
Uwe Gensheimer (l.) und Antonio Metzner flachsen nach der WM-Generalprobe am Sonntag, Jochen Jungblut (kl. Bild) hält die Vergabe der Weltmeisterschaft eher für ein Trauerspiel.
Uwe Gensheimer (l.) und Antonio Metzner flachsen nach der WM-Generalprobe am Sonntag, Jochen Jungblut (kl. Bild) hält die Vergabe der Weltmeisterschaft eher für ein Trauerspiel. Foto: dpa/rau

Jochen Jungblut liebt den Handball. Im Kleinen wie im Großen. Bei den Partien der ersten Mannschaft ist der langjährige Abteilungsleiter des ASV Senden ebenso Stammgast wie bei Begegnungen der Junioren. Und auch auf internationalem Parkett trifft man Jungblut regelmäßig an. Zuletzt hatte ein kleiner ASV-Tross um den Handball-Vorsitzenden internationale Meisterschaften in Breslau, Zagreb und Wien vor Ort verfolgt.

Prof. Jochen Jungblut

Prof. Jochen Jungblut

Einen Besuch der WM, die seit gestern in Ägypten ausgetragen wird, hatten die Sendener dagegen – lange vor Corona – ausgeschlossen. In ein Land, dessen Militär sich 2014 an die Macht geputscht habe, das Oppositionelle aus Politik, Religion und Medien zu Tausenden inhaftiere, foltere oder sogar hinrichten lasse, „fährt man nicht als Schlachtenbummler. Denn dort werden noch echte, blutige Schlachten geschlagen.“

So griffig hat Jungblut es in einem offenen Brief an Andreas Michelmann formuliert. Eine Antwort des DHB-Präsidenten steht noch aus. Er rechne auch nicht zwingend mit einer Replik, räumt der ASV-Mann ein.

Menschenrechtsverstöße kein Thema

Die „Sprachlosigkeit“, die Jungblut in seinem Schreiben anprangert, hätten die Verbandsverantwortlichen indes nicht exklusiv. Selbst in der überregionalen Qualitätspresse seien die krassen Menschenrechtsverstöße im WM-Gastgeberland in den vergangenen Monaten so gut wie gar nicht thematisiert worden: „Corona hat alles überlagert. Es ging allein darum, ob das Hygienekonzept trägt oder die WM vor Publikum stattfinden soll.“ Kaum ein Wort auch über den skandalumtosten IHF-Chef Hassan Moustafa, selbst Ägypter.

Die Spieler nimmt Jungblut bei der Gelegenheit ebenfalls „uneingeschränkt“ in die Pflicht. Superstars wie Uwe Gensheimer oder der Däne Mikkel Hansen, denen Kinder und Jugendliche auf der ganzen Welt nacheifern, dürften sich auf den Social-Media-Kanälen gern über ihr geschmeidiges Händchen auslassen, sie hätten aber zusätzlich eine gesellschaftliche Verantwortung.

Jungbluts Wunsch: Dass die in den internationalen Gremien zwar verblüffend unterrepräsentierten, aber sportlich wie wirtschaftlich mächtigen Deutschen mit anderen nord- sowie mitteleuropäischen Nationen eine Front bilden und gemeinsam aufbegehren gegen die regelmäßige Vergabe von Großereignissen an autokratisch gelenkte Staaten.

Denn: Der Sendener hat noch ein zweites Lebensthema, die Erziehungswissenschaft. Der emeritierte Hochschullehrer schlägt damit den Bogen zurück auf die lokale Ebene. Beim ASV, in der Jugend zumal, würden neben leistungsorientiertem Handball eben auch Fairness, Respekt und ein soziales Miteinander verhandelt – Werte, „die die ägyptische Regierung offensichtlich mit Füßen tritt“. Aus diesem Dilemma herauszufinden und nicht noch stärker in Erklärungsnot gegenüber kommenden Generationen zu geraten: Das, so Jungblut, sei ein allemal lohnenderes Ziel als ein erfolgreiches WM-Abschneiden in Nordafrika.

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