Fußball: Statistiker
Bitte Zahlen – Michael Diepenbrocks große Passion

Ottmarsbocholt -

Als Fußballer war Michael Diepenbrock, wie er selbst einräumt, nicht so dolle. Im Archivieren von Tabellen und Ergebnissen ist der 51-jährige Ottmarsbocholter hingegen ein Ass. Beides hat der Mann auf faszinierende Art zusammengeführt.

Donnerstag, 04.03.2021, 19:25 Uhr aktualisiert: 04.03.2021, 19:32 Uhr
Dick wie ein Telefonbuch: das jüngste Werk des Fußballstatistikers Michael Diepenbrock.
Dick wie ein Telefonbuch: das jüngste Werk des Fußballstatistikers Michael Diepenbrock. Foto: flo

Michael Diepenbrock macht die Probe aufs Exempel. „Ihr Heimatverein?“ „SC Jülich 10“, erwidert man wahrheitsgemäß. Die „Zehner“ waren mal eine große Nummer im Amateurfußball. Ist aber ein halbes Jahrhundert her, später versank der Klub für immer in der Versenkung. Findet der nie auf die Schnelle, denkt man noch. Findet er doch, binnen Sekunden: „Hier, Kreisliga A Düren, im Vorjahr mit Jülich 12 zur SG Jülich fusioniert.“ Das Unfassbare daran: Diepenbrock schmeißt für seine Blitz-Recherche nicht das Internet an, sondern wird in einem Almanach für untere Spielklassen an Mittel- und Niederrhein fündig.

Einige der Nachschlagewerke hat der Ottmarsbocholter vor sich ausgebreitet, an allen hat der 51-Jährige mitgeschrieben. Gerade ist sein neues Werk erschienen: „Die Benelux-Chronik 1950 bis 2020.“ Dick wie ein Telefonbuch. Sieben Jahrzehnte. Erste Liga, zweite Liga, Pokal. Der Laie würde ja vermuten, dass es im Großherzogtum Luxemburg nur eine Handvoll Klubs gibt. Diepenbrock lächelt nachsichtig: „Vertun Sie sich da nicht, auch dort gibt es über 100 Vereine.“

DSFS-Mitglied

Obwohl er sechs Jahre an dem Wälzer gesessen hat: Ganz ohne fremde Hilfe hätte der Mann aus der Stevergemeinde das alles nicht zusammentragen können. Etwa 400 Gleichgesinnte gehören wie er dem „Deutschen Sportclub für Fußball-Statistiken“ (DSFS) an. Jeder hilft, wo er kann. Er selbst habe einen Mittelsmann vor Ort, falls es irgendwo hakt. Ebenfalls Benelux-Experte.

Als Quelle tauge dieser allemal mehr denn Google und Konsorten: „Je weiter man zurückgeht und je tiefer die Spielklasse ist, desto eher stoßen Suchmaschinen an Grenzen.“ Also: Papierarchive durchforsten, Microfiches scannen. Eine Heidenarbeit, ja. Aber auch: erfüllend. Zahlen, Daten, Ergebnisse, Tabellen: „Da geht mit das Herz auf“, erklärt der Controller. Mit Namen habe er es nicht so. Doch auch Kader und Aufstellungen sind fein säuberlich vermerkt.

Wer die Abnehmer dieser zum Selbstkostenpreis gedruckten Spezial-Chroniken sind? „Zum Beispiel Vereine, die einen runden Geburtstag begehen. Die dafür historisches Material brauchen. Und natürlich wir Autoren untereinander.“ Natürlich.

Auf den DSFS wurde der Fan von Borussia Mönchengladbach (bei dessen Auftritten ihm zuletzt eher nicht das Herz aufging) 2010 durch eine Kleinanzeige im „Kicker“ aufmerksam, in zwischen sitzt er im Bundesvorstand – kommissarisch, die Wahl und das große Jubiläum (die Statistiker feiern 2021 ihr 50-Jähriges): bis auf Weiteres verschoben.

Fass ohne Boden

Apropos Corona: Drehen die Mitglieder gerade Däumchen, wo – außer in den Profiligen – kein Ball rollt? „Nein. Uns geht es nicht darum, sonntags die aktuellen Ergebnisse nachzuhalten.“ Die DSFSler verstünden sich als Archivare. Gerade hat sich Diepenbrock die englischen Ligen eins bis elf vorgeknöpft. Paar Jahre her. 227 Tabellen, 61 000 Partien, 99 Pokalrunden mit 4300 Matches. Unterm Strich nicht ganz eine Saison. „Ein Fass ohne Boden“, stöhnt Diepenbrock. Oder huscht da vielleicht doch ein Lächeln über sein Gesicht?

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