Fortuna Walstedde: Prävention vor sexueller Gewalt im Sport
„Man meint immer, das sei weit weg“

Walstedde -

„Sexuelle Gewalt im Sport“ ist bei vielen noch ein Tabuthema. „Man meint immer, das sei weit weg“, sagt Clemens Kuhn. „Völlig unverständlich“, wie der Vorsitzende von Fortuna Walstedde findet. Mit seinem Verein hat er deshalb ein weitreichendes Konzept zur Prävention entwickelt.

Samstag, 13.01.2018, 07:00 Uhr
Sensibilisieren statt tabuisieren: Clemens Kuhn ist es wichtig, dass Fortuna Walstedde mit dem Thema „sexuelle Gewalt im Sport“ offensiv umgeht und klar benennt, welche Präventionsmaßnahmen der Verein ergreift.
Sensibilisieren statt tabuisieren: Clemens Kuhn ist es wichtig, dass Fortuna Walstedde mit dem Thema „sexuelle Gewalt im Sport“ offensiv umgeht und klar benennt, welche Präventionsmaßnahmen der Verein ergreift. Foto: Simon Beckmann

„Sexuelle Gewalt im Sport“ ist bei vielen noch ein Tabuthema. „Völlig unverständlich“, wie Clemens Kuhn findet. Unser Mitarbeiter Simon Beckmann sprach mit dem Vorsitzenden von Fortuna Walstedde über die sensible Thematik, die bisherige und zukünftige Vorgehensweise des Sportvereins in diesem Bereich und die Kontrolle von Führungszeugnissen.

Wie kam die Thematik überhaupt an den Verein heran? Was waren die Hintergründe?

Clemens Kuhn: Wir haben im März 2017 eine sogenannte Rahmenvereinbarung zur Sicherstellung des Schutzauftrages mit dem Jugendamt des Kreises Warendorf unterzeichnet. Damit haben wir uns verpflichtet, von den Trainern, Betreuern, Übungsleitern und allen, die in irgendeiner Weise im Jugendbereich tätig sind, Führungszeugnisse einzufordern und zu überprüfen. So soll verhindert werden, dass vorbestrafte Triebtäter an die Kinder und Jugendlichen herankommen. Wir gehen aber sofort einen Schritt weiter und holen uns die Führungszeugnisse von allen Trainern und Betreuern im Verein, auch aus dem Senioren-Bereich.

Wir wollen die Reihen schließen und sagen: Ihr habt hier keine Chance!

Clemens Kuhn

Warum gibt es diese Ausweitung?

Kuhn: Weil es immer wieder vorkommen kann, dass zum Beispiel der Trainer der ersten Mannschaft plötzlich einen Jugendspieler im Training hochziehen will. Der ist unter 18, und schon hast du die Thematik. Zudem geht es auch darum, dass eine Person, die vorbestraft ist, über diese Ebene – also quasi über einen Umweg – Kontakt mit den Kindern und Jugendliche im Verein aufnehmen könnte. Wir wollen die Reihen schließen und sagen: Ihr habt hier keine Chance!

Sind Ihnen sexuelle oder gewalttätige Übergriffe im Verein bekannt?

Kuhn: Nein, aber man meint immer, das sei weit weg und es würde sowieso nichts passieren. Zum Glück ist die Prozentzahl solcher Vorfälle auch relativ gering, aber trotzdem geschieht es. Es wäre fahrlässig, ein schützendes Werkzeug nicht zu nutzen. Klaus-Peter Kühn vom Landessportbund NRW referierte im Juni 2017 bei einer Infoveranstaltung über sexuelle Gewalt im Sport. Foto: Simon Beckmann

Wie ist der Verein nach der Unterzeichnung der Vereinbarung weiter vorgegangen?

Kuhn: Wir hatten im Juni 2017 eine Infoveranstaltung, um die Thematik allen Mitgliedern näherzubringen. Wir wollten zeigen, dass hier etwas passiert, und das Ganze nicht tabuisieren, sondern breit auffächern und damit offensiv umgehen. Bisher ging es darum, eine gewisse Struktur zu schaffen und datenschutzrechtliche Bedingungen zu prüfen. Wir brauchten außerdem Ansprechpartner und haben jetzt mit Udo Kerkmann und Wiebke Kosela zwei Personen als Kinder- und Jugendschutzbeauftragte eingesetzt, die sich um die ganze Abwicklung in Zukunft kümmern werden. Bis Ende Februar soll der Prozess abgeschlossen sein.

Wie waren die Reaktionen bei den Vereinsmitgliedern?

Kuhn: Es gab keine negativen Reaktionen. Die Kon­trolle des Führungszeugnisses wird akzeptiert. Trotzdem fand ich die Anzahl der anwesenden Betreuer und Trainer bei der Infoveranstaltung enttäuschend. Da müssen wir noch mehr sensibilisieren. Denn die, die anwesend waren, haben dort erst mitbekommen, was für eine Tragweite das Ganze haben kann und worauf man achten muss, um Missbrauch zu erkennen. Überschaubare Resonanz: einige Übungsleiter bei der Infoveranstaltung im Juni 2017. Foto: Simon Beckmann

Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Kuhn: Anfang Januar wurden mit den Abteilungsleitern die letzten Details abgeklärt. Bei diesem Termin waren auch unsere beiden Kinder- und Jugendschutzbeauftragten vor Ort, um die Termine zur Kontrolle der Führungszeugnisse offenzulegen. Es wird zudem die Möglichkeit geben, die Schutzbeauftragten privat zu treffen. Danach werden Listen erstellt, in denen festgehalten wird, ob das Führungszeugnis des jeweiligen Trainers überprüft wurde. Einbehalten dürfen wir die Führungszeugnisse nicht. Geplant ist, die Listen dann halbjährig zu aktualisieren. Außerdem wollen wir in Zukunft mehr Infoveranstaltungen und Schulungen anbieten, wie man beispielsweise Missbrauch erkennen kann und wie man damit umgehen soll. Die Trainer und Betreuer sollen so eine Art Handlungsmuster an die Hand bekommen, um zu wissen, wie sie zu reagieren haben, falls ein Verdacht bestehen sollte. Man muss ebenfalls bedenken, dass es immer zwei Seiten gibt.

Der Schutz von Kindern und Jugendlichen steht ganz klar im Fokus, aber wir müssen auch darauf achten, dass es keine haltlosen Beschuldigungen gibt.

Clemens Kuhn

Was heißt das konkret?

Kuhn: Wenn ich einen Verdacht äußere, geht es auf der einen Seite klar um den Schutz eines Kindes. Aber ich beschuldige gleichzeitig auch jemanden. Wenn diese Beschuldigung keine Basis hat, wäre das ebenfalls fatal. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen steht ganz klar im Fokus, aber wir müssen auch darauf achten, dass es keine haltlosen Beschuldigungen gibt.

Man merkt, welch hohen Stellenwert das Thema in Ihrem Verein hat . . .

Kuhn: Für mich ist das ganz wichtig. Ich weiß, dass viele Vereine Präventionsmaßnahmen durchführen, aber man liest oder hört nur selten was davon. Ich habe den Eindruck, dass das in irgendeiner Form wieder tabuisiert wird. Deswegen wollen wir offensiv mit dem Thema umgehen und es nach außen tragen. Auch, um gewisse Signale zu senden. Wir wollen Vorbestraften sagen, dass sie bei uns keine Chance haben, und allen Eltern signalisieren, dass wir alles tun, um die Kinder und Jugendlichen zu schützen.

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