Schach: Ein Besuch beim SC Sendenhorst
Ein kluger Fallensteller

Schach gilt gemeinhin als das Spiel der Könige. Vielen erschließt sich die Faszination dieser Sportart allerdings erst auf den zweiten Blick. Wir haben den Schachclub Sendenhorst besucht und mitgespielt. Gar nicht so einfach...

Freitag, 08.02.2019, 11:32 Uhr
Kurz vor dem Beginn der Partie: Die Figuren stehen auf dem Schachbrett in Formation.
Kurz vor dem Beginn der Partie: Die Figuren stehen auf dem Schachbrett in Formation. Foto: Ulrich Schaper

Hätte ich das sehen müssen? War es das jetzt schon? Ich habe keine Ahnung, ob es der 20. oder 40. Zug in dieser Partie war. Fest steht: Ich bin soeben in eine Falle getappt. Der schwarze Turm meines jungen Gegenübers hat mir soeben meinen eigenen Turm genommen – ohne, dass ich mich dagegen habe wehren können. Ich war so fokussiert auf einen anderen Teil des Schachbrettes, dass mir die drohende Gefahr verborgen geblieben ist. Mehr und mehr gerate ich unter Druck; nicht nur zahlenmäßig bin ich ins Hintertreffen geraten, auch qualitativ hat Tino Ben Moussa die besseren Karten.

Es ist Freitagabend, und im Haus Siekmann in Sendenhorst findet das Jugendtraining des örtlichen Schachclubs statt. Rund zehn Jugendliche sitzen sich paarweise gegenüber und spielen. „Natürlich bringen wir den Kindern auch Theorie bei. Sein eigenes Spiel entwickelt man aber am besten in der Praxis“, sagt Ralf Westhues , der das Training an diesem Abend leitet.

Schach: Ein Besuch beim Schachclub Sendenhorst

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  • Foto: Ralf Westhues
  • Schach: Ein Besuch beim Schachclub Sendenhorst Foto: Ulrich Schaper
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Schnell, so berichtet Westhues, lernen die Kinder die Zugwege der sechs verschiedenen Figuren, und natürlich, auf welche Art sie jeweils gegnerische Steine schlagen können. „Und das ist am Anfang auch schon alles. Die Theorie, die Eröffnungen und die Sonderzüge, wie die Rochade oder das Schlagen en passant, das kommt erst viel später dazu.“

Gemeinsam beobachten Westhues und ich das Schlachtengetümmel an den einzelnen Tischen. Ich hatte absolute Stille erwartet, Konzentration, abwesend wirkende, in tiefe Gedankengänge versunkene Spieler. Stattdessen müssen der Schach-Obmann und ich relativ laut reden, um einander zu verstehen. Für die Nachwuchs-Genies ist das ganze offenbar noch mehr Spaß als ernster Sport.

Mein Kontrahent stellt sich mir höflich vor. Das Los verschafft mir die Farbe Weiß – was unter Schachspielern als Vorteil gewertet wird. Ich kann mich an irgendeine Eröffnung erinnern, die mir mein Patenonkel in meiner Jugend beigebracht hat. Keine Ahnung, wie sie heißt. Dem Zwölfjährigen ist diese Eröffnung offenkundig ebenfalls bekannt, er kontert meine ersten Züge locker aus.

Offener Schlagabtausch folgt vorsichtigem Abtasten

Ein paar Minuten tasten wir uns gegenseitig ab, dann lassen wir uns auf einen Schlagabtausch ein. Ich verliere genauso wie Timo Ben Mouassa einen Springer und einen Läufer.

Ein paar Kinder stehen um uns herum. Ich bin froh, nicht gegen den Jungen mit dem Monster-Pullover spielen zu müssen. Wenn ich gegen den verlieren würde... Der ist bestimmt gerade einmal zehn. Das kann ich in der Redaktion keinem verkaufen.

Rund 70 Mitglieder hat der Schachlub Sendenhorst – 35 davon sind unter 18 Jahre alt. Eine beeindruckende Quote. „Wir bieten unter anderem Schulschach an, da haben wir viele junge Menschen für den Sport begeistern können“, erklärt Westhues. Das sei auch ein Verdienst von Jugendwart Stefan Janz, der sich in dieser Sache verdient gemacht hat, und den Nachwuchs teilweise sogar über Skype unterrichtet. Vor kurzem hat der Verein einen Beamer, ein Laptop und eine entsprechende Software angeschafft. „Das erleichtert es uns, richtige Spielanalysen zu machen. Mit einem Klick können wir fünf oder zehn Züge zurückspringen und sehen, wie sich eine Partie bei veränderter Zugfolge entwickelt hätte.“

Ein Remis als Lösung?

Auf meinem Brett ist es deutlich übersichtlicher geworden. Mouassa und ich haben weitere Figuren getauscht. Eben dann übersehe ich eine Stellung und verliere meinen Turm. Ich versuche mir das nicht anmerken zu lassen. Aber innerlich frage ich mich, wie zum Henker ich bitteschön mit solch einem Nachteil noch gewinnen soll. Ich überlege kurz, ob ich Remis anbieten soll. Aber wo bleibt denn dann der Spaß?

Wenige Züge später setzt Timo Ben Mouassa mich Schachmatt.

Ralf Westhues eilt zum Brett und bringt die Steine in die Position zurück, in der sich seiner Meinung nach die Partie entschieden hat. Ohne Software, rein aus der Erinnerung heraus. Ich finde das verblüffend.

„Oftmals sind die Züge völlig logisch, weil sie aus einer Stellung heraus erzwungen werden“, erklärt er. Aha, interessant – ich dachte immer, die Großmeister denken 27 Züge im Voraus. Irgendwie macht es aber Sinn, was der Schachexperte mir da erklärt.

Schach: Die Mutter aller Sportarten

Im Grunde, so sagt er, ist Schach die Mutter aller Sportarten. „Jeder kennt ja den Ausdruck Rasenschach beim Fußball. Das kommt nicht von ungefähr.“ Auch zum Boxen fällt ihm eine Analogie ein: „Man kann den Gegner noch so gut beherrschen – der Knockout droht jederzeit. Das ist beim Schach genauso.“ Man lerne beim Spiel der Könige fürs Leben; Gedanken entwickeln, Pläne schmieden und nicht gleich die erste, die offensichtliche Chance ergreifen. Es könnte eine Falle sein.

Ich jedenfalls musste mich dem zwölfjährigen Mouassa geschlagen geben. Und spiele seitdem wieder am Computer. Irgendwann komme ich wieder und möchte meine Revanche.

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