Alles begann in Rockenhausen
1997/98: Das Märchen vom Betzenberg – Kaiserslauterns Durchmarsch zum Titel

Es ist – neben dem Abstieg des amtierenden Meisters 1. FC Nürnberg 1968/69 – die größte Sensation der Bundesligageschichte. Experten sind sich einig: Es wird sich nicht wiederholen, dass ein Aufsteiger durchmarschiert zur Meisterschaft.

Freitag, 08.11.2013, 17:11 Uhr

Das Wunder von Kaiserslautern: Trainer Otto Rehhagel (rechts als FCK-Profi) freut sich mit Ratinho und Andreas Brehme.
Das Wunder von Kaiserslautern: Trainer Otto Rehhagel (rechts als FCK-Profi) freut sich mit Ratinho und Andreas Brehme. Foto: imago

Das Märchen beginnt im Sommer 1996. Otto Rehhagel schluckt noch schwer an der Entlassung beim FC Bayern München – in der Wochenzeitung „Die Zeit“ beklagt er sich darüber, dass man ihm die Chance auf den Gewinn von Meisterschaft und Uefa-Cup genommen habe. Er erzählt von Intrigen und Machenschaften, die nicht mit seinen Idealen in Einklang stünden.

Die Frage, was er jetzt machen werde, wischt er beiseite. Er weiß es nicht. Dann kommt der Anruf eines alten Freundes: „Atze“ Friedrich macht ihm das Angebot, den gerade in die 2. Bundesliga abgestiegenen 1. FC Kaiserslautern zu übernehmen: „Komm zu uns – hier kannst Du wieder Mensch sein und musst kein Versteck spielen.“

Rehhagel kannte die eigentümlichen Verhältnisse in der kleinen Stadt, deren provinzielle Enge stets auch den besonderen Zusammenhalt zwischen ihren Einwohnern und dem FCK befeuert hat. Von 1965 bis 1972 hatte er sich bei den „Roten Teufeln“ als knallharter Verteidiger einen Ruf erworben.

In seinem letzten Profijahr versuchte sich Rehhagel als Trainer, die Fußball-Lehrerlizenz hatte er 1970 erworben. Beim A-Ligisten FV Rockenhausen, im März abgeschlagenes Schlusslicht, schaffte er das Unmögliche – die Rettung vor dem Abstieg . Noch heute schwärmt der Mann, der danach fast alles gewann, was es im Fußball zu gewinnen gibt, von der Begeisterung, die er damals säte und erntete. Vielleicht war es die Erinnerung an diese Zeit, die ihn Ja sagen ließ zur Idee seines ehemaligen Mitspielers Friedrich.

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Die sofortige Rückkehr in die Bundesliga war angesichts eines rekordverdächtigen 27-Millionen-DM-Etats eher eine Pflichtübung, und Rehhagel war noch keinesfalls König in der Kaiserstadt. Nach dem programmierten Aufstieg musste er sich der Attacken des Ex-Nationalspielers Hans-Peter Briegel erwehren, der als Manager mehr Einfluss wollte – und vom diesbezüglich sehr empfindlichen Rehhagel aus dem Amt gedrängt wurde. Von da an regierte der Trainer zusammen mit zwei Vertrauten allein: Aufsichtsratschef Friedrich, einst der erste Exprofi im Präsidentenamt, und Präsident Hubert Keßler, ebenfalls ein treuer Rehhagel-Jünger aus alten Zeiten.

Die Initialzündung zum sensationellen Titelgewinn war am ersten Spieltag ein 1:0-Sieg – beim FC Bayern München, der glaubte, mit dem weltläufigen Giovanni Trapattoni auf dem richtigen Weg zu sein. Rehhagel tanzte wie ein junges Fohlen durch das Olympiastadion, wo man angesichts der Investition von 20 Millionen DM in Stars wie Giovane Elber und Bixente Lizarazu auf den Titelgewinn programmiert war.

Doch das Provinznest Kaiserslautern stand der Weltstadt im Weg. In 17 Heimspielen – alle waren mit 38 000 Zuschauern ausverkauft – legte das leidenschaftliche Team den Grundstein, bog Rückstände um, bevorzugt unter Flutlicht am Freitagabend, wenn der Außenseiter vorlegte, um die Bayern unter Druck zu setzen. So auch am 24. April 1998, als der FCK gegen Gladbach 0:2 zurücklag und durch drei Tore von Olaf Marschall 3:2 gewann – in letzter Minute. Eine Woche später war der Traum Wirklichkeit: Nach dem 4:0 gegen den VfL Wolfsburg ließ die Nachricht vom 0:0 des FC Bayern in Duisburg alle Dämme brechen: Rehhagel führte seine Spieler Hand in Hand auf die Ehrenrunde, vor jeder Tribüne verbeugten sie sich.

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Nächste Folge: General Ottmar statt König Otto.

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