Die verschenkte Meisterschaft
1999/2000: In Unterhaching wird das „Vizekusen“-Image geboren

Alle reden vom Leverkusener Drama, wenn sie an das Ende der Saison 1999/2000 denken. Und keiner von denen, die die irre Wendung im Titelkampf erst möglich machten. Keiner wollte die Spvg. Unterhaching in der Bundesliga haben, keiner traute dem Verein aus der Münchener Vorstadt etwas zu. Und dann schauten alle am letzten Spieltag in den idyllischen Sportpark und staunten über einen Underdog, der seine sensationelle Saison mit einem Spiel krönte, das im Kapitel „Unvergessliche Momente“ steht.

Freitag, 08.11.2013, 16:11 Uhr

Unglaublich, unfassbar:  An die Meisterschaft von Bayer Leverkusen hatten alle geglaubt, doch dann musste das fertige Schild ganz schnell verhängt werden.
Unglaublich, unfassbar:  An die Meisterschaft von Bayer Leverkusen hatten alle geglaubt, doch dann musste das fertige Schild ganz schnell verhängt werden. Foto: imago

In Dortmund , wo sich die ersten Anzeichen von Größenwahn zeigten, war der Nobody nach dem Aufstieg 1999 mit der Einschätzung begrüßt worden, diese Entwicklung sei für die Liga „geschäftsschädigend“. Was wollte auch ein Club mit einem Mini-Stadion, ohne Stars und mit einem Arme-Leute-Etat von 22 Millionen DM in der Bundesliga?

Borussia Dortmund kassierte allein 20 Millionen DM in der Champions League, gab 50 Millionen DM für neue Spieler aus und verkündete stolz den Sprung über die 200-Millionen-DM-Grenze beim Saison-Umsatz.

Am Ende der Saison hatte der BVB drei Trainer verschlissen und war im Abstiegskampf derart in Panik geraten, dass Altmeister Udo Lattek verpflichtet wurde. Den ersten Wechsel – von Michael Skibbe zu Bernd Krauss – hatte der Klub übrigens auf einer Pressekonferenz mit beiden Trainern verkündet.

Die Borussia rettete sich mit Lattek auf Platz elf, einen Rang hinter der Spvg. Unterhaching , die beide Spiele gegen den BVB gewann: 3:1 in Dortmund, 1:0 im Sportpark, wo die Hachinger nur zweimal verloren, fünftbestes Heimteam wurden und nur zehn Tore kassierten. Trainer Lorenz-Günter Köstner hatte mit Disziplin und Sachverstand eine Mannschaft geformt, die nach dem Klassenerhalt durch das 1:0 gegen Werder Bremen am 32. Spieltag auf einer Welle der Euphorie schwamm und sich auf das Finale freute. Spielmacher Markus Oberleitner: „Es war unser Highlight, ganz Deutschland schaute auf uns.“

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Es kann also niemand in Leverkusen sagen, er sei vor dem 20. Mai 1999 nicht gewarnt gewesen. Einen Punkt brauchte die Mannschaft mit der starken brasilianischen Note, um den Titel zu gewinnen, den ihr fast alle gönnten. Denn mit den brillanten Emerson und Ze Roberto spielten die Leverkusener den schönsten Fußball. Nach 33 Spieltagen hatte Bayer 73 Punkte.

Doch den einen, der ihnen fehlte, holten sie in Unterhaching nicht. Dabei waren sie sich so sicher gewesen, hatten ganz im Sinn ihres Mentors Daum ein paar kesse Sprüche geklopft. Das Trainingslager war ein Taubenschlag, weil alle glaubten, den Meister des Jahres 2000 schon umschwirren zu dürfen. Das Transparent mit der Aufschrift „Deutscher Meister 2000 – Bayer Leverkusen“ war fertig, das Original der Meisterschale hatte der DFB nach Haching geschickt.

Das alles motivierte den Außenseiter. Sie liefen über Glasscherben – allerdings in Fußballschuhen und nicht, wie die Leverkusener vor Saisonbeginn auf Initiative von Daum, mit bloßen Füßen.

Nach einem Eigentor von Michael Ballack in der 20. Minute waren die Leverkusener blockiert und nach Oberleitners 2:0 geschlagen. Demoralisiert, in Tränen aufgelöst und geschockt verließen die Bayer-Profis und ihre Führung das kleine Stadion, in dem das „Vizekusen-Image“ geboren wurde.

17 Kilometer entfernt, im Olympiastadion, feierte der FC Bayern einen Titelgewinn, an den niemand mehr geglaubt hatte. Das 3:1 gegen Werder Bremen öffnete das Tor „zu meiner schönsten Meisterschaft“, wie Oliver Kahn ausrief.

Zum „Trainer der Saison“ wählten die Bundesligaprofis dennoch Daum. Selbst sein Lieblingsfeind Uli Hoeneß bekannte im großen Titel-Trubel: „Ich habe Mitleid mit Daum.“ Damit war es wenige Monate später vorbei. Daum stürzte tiefer, als es je nach einer Niederlage hätte geschehen können.

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