Marathon: Rudolf Berghoffs innige Beziehung
Nennt ihn ruhig Hermann

Ahlen -

Ganze 16 Mal hat Rudolf Berghoff bereits den Hermannslauf absolviert. Deshalb nennt sich der rüstige Marathoni auch selbst Hermann. Nun hat der Ahlener noch einen letzten großen Traum.

Donnerstag, 08.09.2016, 05:09 Uhr

Ein echter und ein falscher Hermann: Rudolf „Hermann“ Berghoff hat eine über Jahre gewachsene, besondere Beziehung zum Hermannslauf. Bereits 16 Mal hat er dabei die Ziellinie überquert.
Ein echter und ein falscher Hermann: Rudolf „Hermann“ Berghoff hat eine über Jahre gewachsene, besondere Beziehung zum Hermannslauf. Bereits 16 Mal hat er dabei die Ziellinie überquert. Foto: Rudolf Berghoff

Auf die Plätze, fertig, los. Bei diesem Rennen muss man schon vor dem Startschuss ganz schnell sein. Es ist eine kalte Nacht Mitte Januar, als Rudolf Berghoff vor dem heimischen Computer sitzt. Gebannt wartet er darauf, dass der große Zeiger der Uhr auf Mitternacht springt. Denn dann endlich sind die Schleusen geöffnet.

Die Anmeldung für den Hermannslauf beginnt. Wer jetzt zu spät kommt, der verpasst das Beste. „Binnen drei Stunden waren die 7000 Startplätze vergeben. Das ging schneller als bei einem Konzert der Rolling Stones “, sagt Rudolf Berghoff. Der 64-Jährige ist ein Routinier. 1989 ist er zum ersten Mal dabei. Und auch diesmal hat er sein Ticket in der Tasche.

„Man sollte eigentlich sehr gut trainiert sein, wenn man sich dort anmeldet. Das war ich zu dem Zeitpunkt nicht. Ich hatte Knieprobleme und hab es eher widerwillig getan“, berichtet der Ahlener. Bereuen muss er seine Entscheidung allerdings nicht. Dreieinhalb Monate später. Drei Grad Celsius, blauer Himmel, leichter Schneefall. Zum 16. Mal steht Berghoff Ende April beim Hermannslauf am Start. „Ich hab mich noch mal aufgerafft“, sagt er.

Wegen seiner Vorleistungen wird er in die Startgruppe A einsortiert. Er gehört zur schnellen Sorte. Die erste Hälfte der insgesamt 31,1 Kilometer über den Höhenzug des Teutoburger Waldes geht der Ahlener dann aber selbst für seine Verhältnisse eindeutig zu flink an. Das bekommt Berghoff am Tönsberg deutlich zu spüren. Und auch das Kopfsteinpflaster in Oerlinghausen macht ihm das Leben schwer. „Da wurde es richtig zäh. Aber den Rest habe ich mir dann gut eingeteilt“, sagt der Athlet.

Der Hermannslauf: Jede Menge Höhenmeter

Für ihn und die übrigen rund 7000 Teilnehmer geht es auf der Strecke immer wieder auf und ab. Drei Hauptanstiege mit 515 Höhenmetern fordern die Bein- und Wadenmuskulatur der Teilnehmer. Dem stehen 710 Meter Gefälle gegenüber. Auch die Beschaffenheit des Untergrunds wechselt – Beton, Wald, Sand. „Ich kenne auf der Strecke fast jeden Stein, kenne den Lauf in- und auswendig“, flachst Berghoff.

Nach 24 Kilometern setzt ein viertelstündiger Hagelschauer ein. Jetzt heißt es beißen. Noch ist ein Fünftel der Strecke zu absolvieren. „In deinem Alter gehörst du eigentlich aufs Sofa“, denkt sich Berghoff in diesem Moment. Aber die tolle Landschaft und die Aussicht auf ein erneut gutes Ergebnis lassen ihn durchhalten. Als er schließlich das Ziel an der Sparrenburg erreicht, ist nicht Stolz, sondern Ernüchterung das vorherrschende Gefühl.

„Ich habe auf die Uhr geschaut. 2:24:59 Stunden – ich hab gedacht: Da haste aber verkackt“, gesteht der Ahlener. Immerhin wollte er gerne fünf bis zehn Minuten schneller sein. Als schließlich die Siegerehrung stattfindet, sitzt Rudolf Berghoff bereits wieder im Auto und macht sich gefrustet auf die Heimreise. Erst als später die endgültige Ergebnisliste veröffentlicht wird, realisiert er, dass seine eigene Uhr fehlerhaft ist. Der Championship, mit dem jeder Teilnehmer ausgestattet ist, erfasst die Zeit der Läufer exakt.

Frustriert auf dem Heimweg, dann die Überraschung

In Wahrheit überquert der Ahlener bereits nach 2:16:50 Stunden die Ziellinie. Das macht Platz 143 und beschert ihm den Sieg in der Altersklasse M65. Es ist sein dritter AK-Triumph. Den letzten davor feiert er vor fünf Jahren in der M60 und dann wieder fünf Jahre davor in der M55.

Die Jahre dazwischen pausiert Berghoff, probiert andere Sportarten aus. Gleitschirmfliegen, Klettern, Radsport – alles schön und gut. Aber nichts gegen das Laufen. „Das habe ich immer am liebsten gemacht. Dabei brauche ich mich nur auf meinen Körper zu verlassen“, sagt Berghoff. Und das kann er – auch mit bald 65 Jahren.

Hawaii als letzter großer Traum

Am 31. März nächsten Jahres geht der Werkzeugmachermeister in Rente. Die Decke wird ihm dann wohl nicht auf den Kopf fallen. „Der Triathlon auf Hawaii ist so ein Traum von mir. Radfahren und Laufen kann ich wie ein Weltmeister. Aber Schwimmen? Das Wasser ist nicht so mein Element. Aber ab nächstem Jahr hätte ich dann ja Zeit, dafür zu trainieren“, grübelt Rudolf Berghoff. Er ist bereits den Marathon in New York, Hamburg, Köln, Hannover, Frankfurt, Berlin, in der Schweiz und auf Mallorca gelaufen. Er muss niemandem mehr etwas beweisen. Auch nicht sich selbst. Aber der Hermannslauf reizt ihn trotzdem immer noch.

Eventuell meldet er sich dafür doch noch mal an. Es wäre dann seine 17. Teilnahme. Vielleicht macht Berghoff aber auch erst noch vier Jahre Pause. So viel jedoch steht fest: Er gehört zum Lauf wie der Lauf zu ihm gehört. Anderen Athleten stellt er sich seit einiger Zeit nicht mehr unter seinem richtigen Vornamen vor. „Du kannst auch Hermann zu mir sagen, nicht Rudolf“, sagt Berghoff scherzhaft bei diesen Gelegenheiten.

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