Radsport: 24-Stunden-Rennen am Nürburgring
Anne Tönnishoff zwischen Himmel und (grüner) Hölle

Walstedde -

Der Nürburgring ist ein Stück Sportgeschichte. Es gibt viele Legenden, die um diese Rennstrecke ranken. Im Motorsport gilt sie als eine der schönsten, aber auch als eine der härtesten und gefährlichsten der Welt. Die Walstedderin Anne Tönnishoff hat den 26-Kilometer langen Rundkurs 17 Mal umrundet – und saß dabei fast 23 Stunden im Sattel.

Donnerstag, 10.08.2017, 05:08 Uhr

Anne Tönnishoff bei einer der zahlreichen Anstiege. Die Beine wurden auch bei der Ausdauerathletin müde – die 46-Jährige aber hat sich bravourös durchgebissen.
Anne Tönnishoff bei einer der zahlreichen Anstiege. Die Beine wurden auch bei der Ausdauerathletin müde – die 46-Jährige aber hat sich bravourös durchgebissen. Foto: Sportograf

Niki Lauda raste 1976 gegen eine Böschung und entkam lebendig aus einem Feuerball. Jackie Stewart , immerhin dreifacher Weltmeister, hatte Respekt, wenn nicht gar Angst vor diesem 26 Kilometer langen Rundkurs und nannte die von Büschen und Wald umwucherte Piste eine „grüne Hölle“.

Jackie Stewart war Profi. Er hatte leider keine Wahl: Er musste dorthin, um Punkte für seine WM-Titel zu sammeln. Man mag sich vorstellen, dass er niemals aus freien Stücken und nur mit Widerwillen dort angetreten ist. Wer geht schon freiwillig in die Hölle?

Nun, Anne Tönnishoff hat das getan. Und das gemeinsam mit rund 5000 anderen Radsportlern, die sich im Rahmen des 24-Stunden-Rennens durch die buckligen Hügel der Eifel gequält haben.

Bei 93 Kurven pro Runde ist höchste Konzentration gefragt

„Ich bin dort schon einmal ein 150-Kilometer-Rennen gefahren und wollte immer schon über die volle Distanz starten“, sagt die Radsportlerin von Fortuna Walstedde. Jeder Umlauf ist 26 Kilometer lang, 580 Höhenmeter müssen die Pedaleure überwinden. Bei 93 Kurven pro Runde ist höchste Konzentration gefragt – bei Tag wie bei Nacht. Vom Streckenabschnitt namens Karussell bis zur Hohen Acht wird eine maximale Steigung von 17 Prozent erreicht und bei der Fuchsröhre bis zu elf Prozent Gefälle.

17 Runden schaffte die 46-Jährige – eine herausragende Leistung, die ihr gleich zwei Podiumsplätze bescherte. Sowohl in der Gesamtwertung der Frauen als auch in ihrer Altersklasse wurde die Fortunin Dritte. „Ich hatte so etwas gar nicht angepeilt – nach etwa fünf gefahrenen Runden aber sagte mir mein Team, dass ich zu diesem Zeitpunkt um Platz drei mitfahren wurde. Erst da habe ich realisiert, was möglich ist. Das war eine große Motivation“, erinnert sich Tönnishoff.

442 Kilometer und 9860 Höhenmeter

Jeder Fahrer hat ein kleines Lager am Streckenrand aufgeschlagen, wo er Pause machen und sich verpflegen kann. „Eine einzigartige Atmosphäre ist das“, wie die Walstedderin schwärmt. Sie selbst hat weitgehend auf Pausen verzichtet. Saß in den 24 Stunden des Rennens sagenhafte 22:40,59 Stunden im Sattel und absolvierte in dieser Zeit 442 Kilometer und 9860 Höhenmeter.

Ohne Schmerzen aber auch ohne sonderliche Genussmomente rief sie ihr Leistungsvermögen ab. „Ich fahre viele Radtouristikfahrten, um mich vorzubereiten. Da schaue ich mir die Landschaft an. Bei so einem Rennen aber bin ich total fokussiert, da nehme ich nichts um mich herum wahr – auch wenn die Landschaft noch so schön ist.“

Kein typisches Eifelwetter: Die Sonne lacht über dem Ring

Anders als in der Eifel üblich, waren die Wetterbedingungen gut; die Temperaturen stiegen im Laufe des Tages bis auf 30 Grad und sanken auch nachts nie unter die 20-Grad-Marke. Dazu wehte der Wind den ganzen Tag mit Böen von über 50 km/h. „Dass es kein einfacher Ritt durch die Grüne Hölle werden würde, war mir klar. Ich wusste aber wie ich das Rennen angehe. Ich bin meinen eigenen Rhythmus kontinuierlich gefahren, ohne dabei zu überziehen und habe darauf geachtet, immer genug zu trinken und zu essen.“ Nur eine längere Pause gestattete sich die 46-Jährige: Als sie sich beim Einbruch der Dunkelheit mit dem notwendigen Scheinwerfer ausstattete. „Die anspruchsvolle, unbeleuchtete Strecke die Nacht über zu fahren, war gigantisch“, sagt Tönnishoff, die bei einigen Abfahrten Geschwindigkeiten von fast 100 km/h zu kontrollieren hatte.

„Ich freue ich mich riesig und bin stolz darauf dieses Ergebnis bei diesem harten und schweren Rennen erreicht zu haben. Das war eine Herausforderung, die auch eine Menge Emotionen schürt. Im Kampf gegen die Müdigkeit, die Nacht, die Steigungen und bei der erlösenden Zielfeinfahrt.“

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