Leichtathletik: Vereinswechsel
Preußen-Talente sind nur noch Gäste in der Heimat und starten für Leverkusen

Münster -

Was sich andeutete, ist nun offiziell: Aus der Leichtathletik-Trainingsgruppe des SC Preußen wechselt niemand zum Stadtrivalen LG Brillux. 24 Athleten zieht es zu Bayer Leverkusen, Lena Malkus war bereits zum HSV gegangen, Manuel Sanders nach Dortmund.

Donnerstag, 29.11.2018, 17:56 Uhr aktualisiert: 30.11.2018, 14:48 Uhr
Das bewährte Team bleibt zusammen, aber unter neuer Flagge: Athletin Tabea Christ (Mitte) wird weiterhin von Elke und Frank Bartschat (r.) betreut, startet künftig aber für die Leichtathletik-Abteilung von Bayer Leverkusen – wie weitere 23 ehemalige Preußen-Sportler.
Das bewährte Team bleibt zusammen, aber unter neuer Flagge: Athletin Tabea Christ (Mitte) wird weiterhin von Elke und Frank Bartschat (r.) betreut, startet künftig aber für die Leichtathletik-Abteilung von Bayer Leverkusen – wie weitere 23 ehemalige Preußen-Sportler. Foto: Wolfgang Birkenstock

Diese Nachricht bot Stoff für Verwirrung. Die Leichtathletik-Abteilung des TSV Bayer 04 Leverkusen schrieb am Donnerstag in ihrem Internet-Auftritt, dass eine nahezu komplette Trainingsgruppe von Preußen Münster mit großen Talenten an der Spitze unter das Werkskreuz wechselt. In der Praxis sieht das so aus: 24 Athleten schlüpfen ins neue Trikot und freuen sich über Förderung des neuen Clubs – trainieren werden sie jedoch weiter am Standort Münster, also an alter Stätte. „Zumindest übergangsweise“, versichert Trainer Frank Bartschat auf Anfrage.

Preußen Münster stellt zum Jahresende die wirtschaftliche Unterstützung der Spitzensportler im Leichtathletik-Segment ein – dies hat Sportler, Trainer und nicht zuletzt den Verband in Bewegung gebracht. Es mussten Lösungen gefunden werden, der Weg zum Nachbarn LG Brillux wäre der kürzeste gewesen, doch die Clubs haben nicht einmal einen kleinen gemeinsamen Nenner gefunden. Weißer Rauch? Nicht in Sicht. Bartschat, der mit Ehefrau Elke und Thomas Brack Preußens Leistungssportler trainiert, versicherte, niemandem „einen Stein in den Weg“ gelegt zu haben. „Es war jedem freigestellt, zur LG Brillux zu wechseln. Es gab aber offenbar nicht den Wunsch. Tatsächlich wollte die Gruppe zusammenbleiben. Gemeinsam mit dem Verband haben wir dann nach Lösungen gesucht und Hinweise gegeben. Grundsätzlich waren ja nur Leverkusen und der TV Wattenscheid in der Lage, dies zu stemmen.“ Dass der Transfer in letzter Konsequent eine Frage des Geldes gewesen sei, dementiert Bartschat nicht. Die Entscheidung fiel schließlich für Bayer. „Die Sportler haben gespürt, dass sie dort sehr willkommen sind“, so der Coach.

Riethues: „Ego-Trip“

Jörg Riethues rastet selten. Am Donnerstag war der Trainer der LG Brillux schon wieder auf der Autobahn unterwegs nach Duisburg zum Jahrestag der Sportstiftung NRW – als Vertreter für den Stadtsportbund Münster. Die Nachricht, dass sich eine komplette Trainingsgruppe der Preußen Bayer Leverkusen anschließt, warf ihn nicht aus der Spur. Er nahm sie aber bedauernd zur Kenntnis: „Ich kann diese Entscheidung nicht nachvollziehen. Wir hätten sie mit offenen Armen empfangen.“Das Angebot, den SCP-Athleten ein neues Zuhause unter dem Dach der LG Brillux zu bieten, datiert aus dem Monat März. Bereits im Februar gab es erste, anfangs konstruktive Gespräche. „Dafür hätten sie nicht nach Leverkusen gehen müssen“, sagt Riethues, der klar Stellung bezieht: „Bei dieser Aktion handelt es sich um einen Ego-Trip dreier Trainer. Da werden die Sportler wie Pfand behandelt. Am meisten leidet darunter die Sportlandschaft in Münster.“

...

Wie lange die Gruppe tatsächlich zusammenbleibt, steht in den Sternen. „Zumindest noch in der näch­sten Saison“, sagt Bartschat. Man wolle Schülern und Studenten nicht den Lebensmittelpunkt nehmen. Nach Abschlüssen könne es sehr wohl zu räumlichen Veränderungen kommen. Bartschat sagt: „So ist es natürlich auch von Leverkusen gewünscht.“

Kommentar: Der Verlierer heißt Münster

Weitspringerin Lena Malkus wechselt zum Hamburger Sportverein, 400-Meter-Läufer Manuel Sanders zur LGO Dortmund, und Bayer Leverkusen freut sich pünktlich zum Ende der Wechselfrist am 30. November sogar über einen kompletten Adventskalender aus Münster: Hinter jedem Türchen ein hoch veranlagter Leichtathlet. 24 junge Sportler tauschen ihr Trikot mit dem Preußen-Adler gegen eines mit Bayer-Kreuz, der Exodus der Leichtathleten aus Münster nimmt dramatische Formen an – obwohl in Speerwurfweite und Sprintdistanz zum Preußenstadion mit der LG Brillux ein ambitionierter und bereitwilliger Verein die komplette Gruppe nur zu gerne aufgenommen hätte. Doch offensichtlich sind die handgegrabenen Gräben zwischen den handelnden Personen beider Vereine so tief, dass selbst in Deutschland führende Weit- und Dreispringer sie nicht überwinden können. Die münsterische Leichtathletik ist zerrieben im Spannungsfeld persönlicher Eitelkeiten und alter Ressentiments. Die Schuldfrage ist hier nicht zu klären, wohl aber die, wer der große Verlierer dieses Dauerzwistes ist: der Sport in Münster.

...

Spitzensportler wie die Weitspringerin Tabea Christ (U-20-Europameisterin), ihr Disziplin-Kollege Matthis Leon Wilhelm, Dreispringer Christoph Garritsen, Speerwerfer David Schepp, Sprinter Jonas Breitkopf, 400-Meter-Läuferin Frieda Breitkopf und Hammerwurf-Talent Alisha Dermane Tiko laufen, springen und werfen künftig im Bayer-Dress. Münsters Leichtathletik ist auf einen Schlag heftig spürbar ärmer geworden.  

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6223186?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F3661143%2F94%2F3814580%2F
Nachrichten-Ticker