Fußball: Champions League
Emre Can – der sympathische neue BVB-Bösewicht

Dortmund -

Alle Welt spricht über Erling Haaland, doch da ist noch ein weiterer Neuzugang, der Borussia Dortmund im Winter massiv verstärkt hat. Emre Can scheint genau der Typus zu sein, den diese hochveranlagte Mannschaft gebraucht hat, um auch mal dazwischen zu fegen.

Mittwoch, 19.02.2020, 13:08 Uhr aktualisiert: 19.02.2020, 18:42 Uhr
Der neue Kommandeur: Emre Can
Der neue Kommandeur: Emre Can Foto: imago images/Kirchner-Media

Als Borussia Dortmund am letzten Januar-Tag und damit kurz vor dem Ende der Transferperiode Emre Can von Juventus Turin in den Fußballpark lotste, wurden in Kreisen besonders kritischer Fans rasch Vergleiche zu André Schürrle gezogen. Dessen 25-Millionen-Transfer 2016 erwies sich als kapitaler Fehlgriff, noch immer ist der Weltmeister, inzwischen an Spartak Moskau ausgeliehen, Spieler des BVB, erst 2021 läuft sein Vertrag aus. Schürrle war in Dortmund Sinnbild gelebten Frusts, fast verzweifelt rannte und kämpfte er um Anerkennung, er kam nie wirklich an. Nun Can, ein ganz anderer Spielertyp, aber auch einer mit vielen Fragezeichen. Oft verletzt, in Turin Bankdrücker, es gab Zweifel. Der 26-Jährige hat nicht lange gebraucht, um sie auszuräumen. Beim 2:1-Erfolg über Paris St. Germain im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League am Dienstag lenkte er das Spiel des BVB mit auffälliger Präsenz. Unmittelbar vor dem Anpfiff hatte der Bundesligist die feste Verpflichtung des Mittelfeldspielers bis 2024 bekannt gegeben. Die Ablösesumme liegt bei 25 Millionen Euro.

Can gibt der Borussia in diesen Tagen das, was ihr zuvor oft fehlte: Körperlichkeit. Der Mann stürzt sich hingebungs-, ja fast lustvoll in jeden Zweikampf. Fußball ist für ihn kein Opernball, sondern auch ein bisschen Bronx. Wer sich nicht wehrt, verliert. Can zieht nie zurück, auf dem Platz ist er vorzugsweise ein unangenehmer Zeitgenosse. Im Profil erinnert er an Mario Adorf (89), der großartige Schauspieler gab auch gern den Bösewicht.

Can ist ein Anführer, der mit den Händen Kommandos gibt. Ein starker Dirigent. „Er spricht mit den anderen und korrigiert Dinge“, sagt Lucien Favre. Der Trainer wertschätzt ihn, das Publikum sowieso. Es mag diesen rauschenden Offensiv-Fußball. Es hat aber auch den Neuen, der seinen Beruf so kompromisslos versieht, ins Herz geschlossen. Nicht einmal drei Wochen hat der Nationalspieler für hohe Sympathiewerte gebraucht.

Mit Can könnte sich die Kultur des Dortmunder Spiels verändern. „Er gibt uns mehr Balance“, erklärt Nebenmann Axel Witsel. Tatsächlich brachte sich die gesamte Mannschaft gegen Paris physisch deutlich stärker ein als bei einigen sehr phlegmatischen Vorstellungen in dieser Saison. Der BVB gefiel sich oft in der Rolle des schönen und stolzen Schwans. Nun ist eine Bulldogge auf dem Feld. Can denkt zuerst defensiv. Für ihn ist die unbarmherzige Zerstörung des gegnerischen Spiels wichtiger als die Virtuosität im eigenen. Nach dem mitreißenden Etappensieg über die enttäuschenden Franzosen um die an die Kette gelegten Superstars Neymar und Kylian Mbappé lobte er dann auch die Abwehrarbeit. „Wir haben extrem gut verteidigt, die ganze Mannschaft hat mitgemacht. So müssen wir es auch in Paris machen, dann können wir es schaffen“, sagte er. Ein fettes Lob erhielt die Mittelfeld-Zentrale vom gleichfalls überzeugenden Mats Hummels. „Emre und Axel haben gearbeitet wie die Tiere“, sagte der Abwehrchef.

Nun würde alle Defensivmühe nicht lohnen, wenn nicht vorn einer wäre, der nahezu alles versenkt, was ihm vor die Füße fällt. Mit seinen beiden Toren – erst zum 1:0 (69.), später zum 2:1 (78.) – veredelte Erling Haaland Dortmunds vorzüglichen Auftritt und stach die Berühmtheiten auf der anderen Seite aus. „Mein Leben ist gut, ich genieße jede Sekunde“, sagte der 19-Jährige später. Am Mittwoch wird er wieder der Erste auf dem Trainingsplatz gewesen sein. Da arbeitet er noch mehr als Emre Can.

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