Fußball: Verband holt Meinungsbild bei Clubs ein
Klares Votum der Amateurvereine für Saisonabbruch

Münster -

Die Vereine des Fußball- und Leichtathletik-Verbandes Westfalen (FLVW) haben sich mit großer Mehrheit für einen Abbruch der Saison 2019/20 ausgesprochen. Das ergab eine Befragung der betroffenen Amateurclubs im Westen.

Dienstag, 21.04.2020, 18:40 Uhr aktualisiert: 21.04.2020, 20:10 Uhr
Preußen-Trainer Sören Weinfurtner sieht in der Annullierung der Saison die „einzige vernünftige Lösung“.
Preußen-Trainer Sören Weinfurtner sieht in der Annullierung der Saison die „einzige vernünftige Lösung“. Foto: imago-images

Der Fußball ist in der Corona-Krise auf vielen Wegen unterwegs. Die Bundesliga hofft auf Geister­spiele. In Bayern und Niedersachsen soll der Spiel­betrieb im Amateurfußball Anfang September wieder aufgenommen werden. Andere Landesverbände zögern und nehmen sich Zeit. Im Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW) ist die Saison „bis auf Weiteres“ unterbrochen, gerade haben  die entscheidenden Gremien ein Ohr an der Basis gehabt und ein Meinungs- und Stimmungsbild eingeholt. Laut FLVW-Mitteilung von Dienstagabend wurden alle 1596 Vereine angeschrieben, davon haben 1149 an der Umfrage teil­genommen. 88,4 Prozent sprachen sich für die sofortige Beendigung der laufenden Spielzeit aus, lediglich 11,6 Prozent waren für eine mögliche Fortsetzung – frühestens ab September.

Vier Optionen standen zur Wahl: Neben der Saisonfortführung skizzierte der Verband drei unterschiedliche Abbruchszenarien: Für einen Saisonabbruch und die Wertung des aktuellen Tabellenstandes (nur Aufsteiger) votierten 24,2 Prozent, für den Abbruch mit Wertung nach der Hinrunden-Tabelle (nur Aufsteiger) 30 Prozent. Die meisten Clubs (34,2 Prozent) favorisieren das vorzeitige Ende der Spielzeit mit Annullierung der gesamten Saison. Dann gebe es in den Ligen weder Auf- noch Absteiger. „Das Ergebnis der Befragung ist eindeutig. Die Fortführung der Saison wird von den Vereinen nicht befürwortet. Dies wird der Entscheidungsvorschlag des Verbands-Fußball-Ausschusses berücksichtigen“, kommentierte der für den Amateurfußball verantwortliche FLVW-Vizepräsident Manfred Schnieders das Ergebnis.

Vieles ist denkbar, tatsächlich gibt es in dieser ganz außergewöhnlichen Allgemeinlage nicht die eine Lösung, an die jeder überzeugt und ohne Zögern (s)ein Häkchen macht. Das Ergebnis einer Umfrage unter münsterischen Clubs beschreibt die Misslichkeit der Situation sehr genau. Und auch die Schwierigkeit des Verbandes jenseits juristischer Hürden, den richtigen Ausweg zu finden. „Ich glaube, dass gerade niemand in der Haut der Entscheider stecken möchte“, sagt Carsten Becker .

Becker: „Wir brauchen jetzt eine Lösung“

Der Sportliche Leiter des Westfalenligisten 1. FC Gievenbeck hätte sich grundsätzlich ein sportliches Finale gewünscht. Wahrscheinlicher sei ein Abbruch. „Das Problem ist, dass niemand verbindlich sagen kann, dass es im September weitergeht. Vielleicht könnten wir erst 2021 wieder spielen. Deshalb brauchen wir jetzt eine Lösung. Auch wenn das alles total schwierig ist.“

Neuhaus: Wiederaufnahme des Spielbetriebs erst in 2021

Rolf Neuhaus, langjähriger Fußball-Chef beim Gievenbecker Liga-Konkurrenten TuS Hiltrup, sah am Dienstagmorgen „noch unterschiedliche Auffassungen“ im eigenen Club. Und darüber hinaus die Möglichkeit, die Dinge noch sportlich lösen zu können. Sein Vorschlag, mit der Wiederaufnahme des Spielbetriebs bis 2021 zu warten und die aktuelle Saison erst dann zu beenden, dürfte sich mit dem Umfrageergebnis allerdings erledigt haben.

Für Sören Weinfurtner, erfahrener Coach des Oberligisten Preußen Münster II, ist die komplette Streichung der Saison „die einzige vernünftige Entscheidung. Diese Maßnahme käme einer fairen Lösung am nächsten und wäre die sinnvollste in der fraglos schwierigen Situation.“ Einen Abbruch mit Wertung lehnt der Pädagoge u.a. mit dem Verweis auf die Oberliga ab. „Rhynern hat erst 17 Spiele, mehrere andere Mannschaften haben schon 21. Zudem ist die Hinrunde nicht abgeschlossen. Ich sehe wirklich nur die Möglichkeit, die Spielzeit zu annullieren.“

Pielage : Weiterspielen „überhaupt kein Thema“

Was ganz bitter für Westfalia Kinderhaus wäre. Im vergangenen Frühjahr vergeigte der Landesligist den Aufstieg in die Westfalenliga in der Relegation. Momentan führen die Jungs aus Münsters Norden schon wieder das Klassement an. Und Herbstmeister waren sie auch. Trainer Marcel Pielage hofft auf „eine gerechte Entscheidung“. Ein Abbruch mit Wertung sei für ihn die fairste Lösung. „So zu tun, als sei nie gespielt worden, entspricht nicht meiner Auffassung von Sportsgeist“, sagt er. Pielage räumt ein, dass er in dieser Sache nicht objektiv sei. Aber das könne ja wohl niemand, der irgendwie in Auf- oder Abstieg verwickelt ist, von sich behaupten. Ein Weiterspielen im September oder noch später lehnt der Erfolgscoach kategorisch ab. „Wir würden blind in die Zukunft schauen und hätten irgendwann einen Rattenschwanz.“

Bauer: „Werden alles akzeptieren“

Wie Kinderhaus hatte Bezirksliga-Aufsteiger Borussia Münster vor der Saisonunterbrechung ein feines Blatt auf der Hand. Als Tabellendritter lag die Mannschaft in Schlagdistanz zur Spitze, es hätte tatsächlich etwas werden können mit dem überraschenden Durchmarsch. Daran glaubt Yannick Bauer nicht mehr, der Trainer kann sich eine Fortsetzung der Spielzeit schon seit einiger Zeit nicht mehr vorstellen. Bauer rechnet nun damit, dass der Verband die Spielrunde auf Null stellt. Keine Aufsteiger, keine Absteiger, Neustart mit vollem Feld. Sollte ein Abbruch mit Hinrunden-Wertung erfolgen, könnte Borussia als Herbstmeister sogar Nutznießer sein. Bauer will die Dinge abwarten und sie dann nehmen, wie sie entschieden werden. „Wir werden alles akzeptieren, es gibt wirklich Wichtigeres als Fußball. Aber schön ist es schon, wenn wir wieder auf die Wiese dürfen.“

Abbruch ohne Wertung – dieses Szenario würde Roxels Coach Sebastian Hänsel favorisieren. Mit mehreren Spielern des Landesligisten hat er die verschiedenen Ausstiegsszenarien in den vergangenen Tagen diskutiert. Ein gemeinsamer Nenner sei dabei allerdings nicht gefunden worden. Hänsel: „Viele – auch ich – tappen da noch ein bisschen im Dunkeln. Für eine fundierte Meinung bräuchte es noch mehr Erklärungen. Dass es bei einer Wertung der Saison zwar Aufsteiger, aber keine Absteiger geben soll, erschließt sich mir so nicht.“

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