Fußball: Häufige Verletzungen verhinderten ein dauerhaftes Verweilen des 39-Jährigen im Profifußball
Stehaufmännchen mit Torinstinkt

Lengerich/Steinfurt -

Marcus Fischer hat einen langen Leidensweg hinter sich, der geprägt ist von zahlreichen schweren Verletzungen. Der Ausnahmestürmer aus Lengerich ist auch im Raum Steinfurt bestens bekannt, hat einige „Angebote“, wieder zu kicken, kann diese aber aus zeitlichen Gründen gerade nicht wahrnehmen. Er baut um.

Dienstag, 31.03.2020, 16:28 Uhr aktualisiert: 01.04.2020, 13:20 Uhr
Dicke Backen bei Marcus Fischer (l.): Der Fußballer aus Lengerich ist auch in Stemmert gut bekannt.
Dicke Backen bei Marcus Fischer (l.): Der Fußballer aus Lengerich ist auch in Stemmert gut bekannt. Foto: Jürgen Peperhowe

Als Marcus Fischer zwischen den Jahren 1999 und 2002 in 96 Meisterschaftsspielen 40 Tore für den damals in der Oberliga Westfalen beheimateten SC Preußen Lengerich schoss, jagte ihn die halbe Bundesliga. Der Verein war sein Sprungbrett zu einer außergewöhnlichen Karriere, in der Fischer oftmals von schweren Verletzungen aus der Bahn geworfen wurde. Doch er trotzte allen Rückschlägen, stand immer wieder auf, und sein Markenzeichen blieb das Toreschießen – egal, für welchen Club. Auch heute ist Fischer offensichtlich noch ein umworbener Mann. „Einige Vereine aus der Region haben schon angefragt, ob ich nicht bei ihnen anfangen will“, sagt er schmunzelnd – „bei den Alten Herren“.

Der Goalgetter vergangener Tage hat sich noch nicht entschieden, ob er eines dieser „Angebote“ annehmen will. Kein Wunder, Fischer hat derzeit anderes im Kopf. Deshalb kann es passieren, dass der 39-Jährige das Klingeln seines Mobiltelefons schon mal überhört. „Ich renoviere gerade mein Haus. Es wird kernsaniert“, sagt er.

In dieser tristen Zeit, in der das gesellschaftliche Leben wegen des Corona-Notstandes zum Stillstand gekommen ist, bietet es sich an, solche handwerklichen Tätigkeiten im eigenen Heim zu erledigen. Sein kleines Häuschen steht in Haddorf, und er kommt zügig mit der Renovierung voran. Eigentlich stünde der Trainer des Fußball-Bezirksligisten TSG Dülmen jetzt auf dem Platz, um seine Kicker auf ihren nächsten Einsatz vorzubereiten. Doch auch im Fußball stehen alle Räder still. „Ich gehe davon aus, dass ich die Jungs jetzt wohl das letzte Mal trainiert habe“, erklärt er. „Denn ich befürchte, dass die Saison im Amateurfußball gekappt wird.“

Fischer hatte sich das Ende seiner ersten Trainerstation anders vorgestellt. Schon um Weihnachten hatte er signalisiert, dass er seinen Job bei der TSG nach fünf Jahren quittieren werde. Einen neuen wird er – unabhängig davon, wie sich die Corona-Krise entwickelt, – vorerst nicht annehmen. Er braucht diese Zeit – für sich und sein Häuschen, für seine Lebensgefährtin, die in Ascheberg lebt, und nicht zuletzt für seinen Beruf. Fischer arbeitet für einen Polizeiverlag, der Bücher zur Verkehrserziehung von Kindern veröffentlicht. „Ich werde definitiv eine Fußballpause einlegen – voraussichtlich für ein Jahr“, bekräftigt Fischer.

Er wird während dieses Sabbatjahres Gelegenheit finden, auf seine Karriere zurückzublicken, die bei Preußen Lengerich begann. Seine Familie hatte zunächst in Hasbergen, dann in Natrup-Hagen gewohnt, nachdem sie Ende der Achtziger Jahre von Lutherstadt Wittenberg in den Westen übergesiedelt war. Fischers fußballerisches Talent hatte sich längst herumgesprochen. Seine unglaubliche Schnelligkeit wurde ihm in die Wiege gelegt, denn sein Vater Dieter war in der ehemaligen DDR ein bekannter Sprinter. Sein außergewöhnliches fußballerisches Talent hatte er schon früh perfektioniert. In gleichem Maße entwickelte sich sein Torinstinkt. „Es gab Angebote von Viktoria Georgsmarienhütte, Preußen Lengerich und dem VfL Osnabrück“, erinnert sich „Fischi“, wie er seit der Jugend genannt wird. „Das des SC Preußen war das für mich passende.“

Auch deshalb, weil er beim Lengericher Unternehmer Dieter Gräler eine Ausbildung begann. Mit den sportlichen Erfolgen entwickelten sich Freundschaften, die bis heute halten. Die Fischers wurden in Lengerich ansässig, und Filius Marcus war Garant für den Höhenflug, der die Lengericher bis in die Oberliga führte.

Weil der Youngster Tore am Fließband schoss, klopften die Proficlubs an. „Ich konnte mir den Verein aussuchen.“ Besonders Holger Fach, seinerzeit Trainer von Borussia Mönchengladbach, und Peter Neururer, Coach des VfL Bochum, hätten sich besonders intensiv um ihn bemüht. „Ich habe mich für Bochum entschieden, weil ich dort die beste Perspektive für mich sah“, erläutert Fischer, der damals gerade einmal 21 Jahre alt war.

Doch schon bald lernte der torgefährliche Angreifer die Schattenseiten des Fußballs kennen. Als die Bochumer im Spätsommer 2002 zum Freundschaftsspiel nach Lengerich kamen, humpelte Fischer an Gehilfen die Aschenbahn entlang. Kreuzbandriss, Operation, mehrmonatige Pause – es war der Anfang einer Serie von Verletzungen, die sich wie ein roter Faden durch Fischers Laufbahn ziehen sollten.

Nach seiner Genesung nahm er einen neuen Anlauf, zunächst in der Bochumer Oberliga-Mannschaft, für die er in 40 Spielen 13 Mal traf. Mit dieser Empfehlung kam er 2004 zum damaligen Regionalligisten Preußen Münster, doch auch hier warf ihn eine Knieverletzung nach 18 Saisonspielen zurück.

In Gütersloh war es ein Achillessehnenriss, in Lotte folgte im November 2011 ein weiterer Kreuzbandriss, der das Saisonaus bedeutete. „Ich habe sechs schwere Knieoperationen und zwei Operationen an der Achillesferse hinter mir“, erklärt er.

Über die Station Preußen Münster landete er 2005 beim FC Gütersloh. Der damalige Trainer Thomas Stratos sortierte Fischer aus und so verschlug es den Angreifer im Juli 2006 zum FC Eintracht Rheine. Auch am Delsen bewies er seine Treffsicherheit und schoss in 56 Partien 29 Tore.

Seine Vita, in der neun verschiedene Vereine auftauchen, erwecken den Eindruck, er sei ein „Wandervogel“. Doch wer den sensiblen 39-Jährigen kennt, weiß, dass er als Fußballer nur allzu gerne sesshaft geworden wäre. Dafür benötigt man im Profifußball das Vertrauen des Umfeldes und einen intakten Körper. Doch in dieser Hinsicht spielte das Schicksal oftmals nicht mit. „Die Vereine wollten einen gesunden Mittelstürmer“, erklärt Fischer. „Aber sobald ich einen Lauf hatte, kam eine schwere Verletzung dazwischen, sodass ich jedes Mal neu anfangen musste.“

Als sich nach seiner letzten Operation Ende 2012 wieder Beschwerden im Kniegelenk einstellten, zog er einen Schlussstrich und ging nach Sylt, wo er mit seiner damaligen Lebensgefährtin aus Burgsteinfurt zwei Jahre lang eine Cocktailbar betrieb. Doch im Laufe dieser Zeit spürte er, dass das Jobs sind, die man nur in einer bestimmten Phase des Lebens betreiben sollte. Neue Perspektiven eröffneten sich ihm, als er zunächst Spieler, dann Trainer in Dülmen wurde. Dort ist zwar Schluss für ihn. Doch Fischer lässt keinen Zweifel daran, dass er nach seiner schöpferischen Pause wieder angreifen will.

Dann ist hoffentlich die Corona-Krise vorbei.

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