Regionalliga West: Frauenpower bei den Sportfreunden
Imke Wübbenhorst Cheftrainerin in Lotte

Lotte -

Heiß wurde in den vergangenen Wochen darüber spekuliert, wer der Traineramt bei Fußball-Regionalligist Sportfreunde Lotte besetzen wird. Die Verantwortlichen zauberten eine Lösung herbei, die wohl kaum jemand auf der Rechnung hatte.

Freitag, 17.04.2020, 20:42 Uhr
Stationen einer Karriere (oben von links im Uhrzeigersinn): Lottes neue Cheftrainerin Imke Wübbenhorst am Freitag im Stadion mit ihrem künftigen „Co“ Andy Steinmann, bei der Preisverleihung des Walther-Bensemann-Preises 2019 zwischen Torhüterin Almuth Schult (links) und Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein, an der Seite von Trainer Julian Nagelsmann und Teambetreuer Babacar N`Diaye als Hospitantin bei RB Leipzig sowie bei ihrer Präsentation Freitagmittag auf dem Videoportal Youtube neben Daniel Körber und Steinmann.
Stationen einer Karriere (oben von links im Uhrzeigersinn): Lottes neue Cheftrainerin Imke Wübbenhorst am Freitag im Stadion mit ihrem künftigen „Co“ Andy Steinmann, bei der Preisverleihung des Walther-Bensemann-Preises 2019 zwischen Torhüterin Almuth Schult (links) und Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein, an der Seite von Trainer Julian Nagelsmann und Teambetreuer Babacar N`Diaye als Hospitantin bei RB Leipzig sowie bei ihrer Präsentation Freitagmittag auf dem Videoportal Youtube neben Daniel Körber und Steinmann. Foto: Heiner Gerull

Für eine Überraschung waren die Sportfreunde Lotte schon immer gut. Am Freitag setzten sie noch einen drauf, als sie bekanntgaben, wer ab sofort das Sagen hat auf dem Trainerthron des Fußball-Regionalligisten. Mit Imke Wübbenhorst zauberte das neue Führungsgremium eine Trainerin aus dem Hut, die wohl keiner auf der Rechnung hatte.

So außergewöhnlich, wie die Nominierung erscheint, so außergewöhnlich war auch die Präsentation der neuen Chefin. Angesichts des Kontaktverbots während der Corona-Pandemie stellten die Sportfreunde Wübbenhorst gestern Mittag in einer öffentlichen Live-Konferenz auf dem Videoportal des US-amerikanischen Unternehmens „YouTube“ vor. Zu sehen waren dort Daniel Körber, Leiter der Lizenzspielerabteilung, Imke Wübbenhorst und der künftige Co-Trainer Andy Steinmann .

Es gehört schon etwas dazu, einen Mann wie Manfred Wilke zu überzeugen. Richtig „ins Kreuzverhör“ sei sie vom Sportleiter der Sportfreunde genommen worden, als es zu einem zweiten Treffen gekommen sei, teilte Wübbenhorst während der virtuellen Präsentation mit.

Handlungsbedarf auf dem Trainerposten war entstanden, nachdem der bisherige Chefcoach Ismail Atalan Ende Februar zum Drittligisten Hallescher FC abgewandert war, dessen Job interimsweise der bisherige A-Junioren-Coach Andy Steinmann übernommen hatte. Den Kontakt zu Steinmann habe ihr Berater hergestellt, berichtete Wübbenhorst.

Die 31-Jährige vermochte Wilke offenbar zu überzeugen. Und auch sie war angetan von den Gesprächen. „Darin ging es einzig und allein um Fußball, um Spielsysteme und wie ich mit der Mannschaft arbeiten will. Das alles hat mich sehr überzeugt.“

Wohl auch ihre Argumente zogen. Allein deshalb, weil sie ihrer Lebensplanung alles unterworfen hat, um sich ihren Traum in der Domäne Männerfußball zu erfüllen. Die Lehrerin für Biologie und Sport, die zuvor an einem Gymnasium in Bad Zwischenahn unterrichtet hatte, ließ sich beurlauben, kündigte ihre Wohnung und begann im Mai vergangenen Jahres an der Hennes-Weisweiler-Akademie in Hennef einen Lehrgang zur Ausbildung als Fußballlehrerin. Sie setzte damit alles auf eine Karte, um sich ihren Traum zu erfüllen.

Die Seminare hat sie allesamt hinter sich. Die Abschlussprüfung indes konnte die ehemalige Junioren-Nationalspielerin wegen der Corona-Krise noch nicht ablegen. Die wird sie später nachholen – dann schon als Trainerin der Sportfreunde, die Wübbenhorst mit einem bis zum 30. Juni 2022 datierten Vertrag ausstatteten. Als Co-Trainer wird ihr der bisherige Interimscoach Andy Steinmann zur Seite stehen, der darüber hinaus weiter Lottes A-Junioren betreuen wird.

Wübbenhorst ist die zweite Frau, die nach der ehemaligen Nationalspielerin Inka Grings einen Männer-Viertligisten trainiert. Schon von Dezember 2018 bis März 2019 hatte Wübbenhorst den BV Cloppenburg in der Oberliga Niedersachsen gecoacht. Als „Trainer-Pionierin“ sieht sie sich deshalb aber nicht. Denn es ist ein Attribut, das sie überhaupt nicht mag. „Das ist etwas, was ich nie sein wollte, und ich fühle mich auch nicht so“, sagte sie. Es sei kein Unterschied, ob man Frauen oder Männer trainiere. „Ein Mensch definiert sich nicht über sein Geschlecht, sondern über seine Persönlichkeitsstruktur“, lautet ihr Credo.

„Der Fußball hat immer im Mittelpunkt gestanden“, betont die 31-Jährige, und das werde in Lotte in besonderem Maße der Fall sein. „Ich erwarte viel von mir, bin enthusiastisch und engagiert. Das erwarte ich auch von den Jungs.“ Dass die neue Chefin am Regiepult der Blau-Weißen mit einem Zwei-Jahres-Vertrag ausgestattet wurde, soll nach den häufigen Trainerwechseln in jüngster Vergangenheit auch ein Signal sein. Es gehe darum, „Spielern Perspektiven aufzuzeigen und Sicherheit zu geben, auch weiter hier Fußball spielen zu können“, sagt sie. „Wir wollen Strukturen schaffen, die auch langfristig tragfähig sind“.

Das ist ganz im Sinn der Führungsebene. „Bei der Verpflichtung unserer neuen Trainerin zählte das Gesamtpaket – die Art, Fußball spielen zu lassen, Fußball zu leben und eine Persönlichkeit zu finden“, bekräftigte Daniel Körber, womit er die wesentlichen Kriterien nannte, die ausschlaggebend waren bei der Verpflichtung Wübbenhorsts.

In Zeiten wie diesen sei es schwierig, „die Mannschaft kennenzulernen und mitein­ander zu sprechen“, räumt die Trainerin ein. Doch man müsse vorbereitet sein, wenn es irgendwann wieder weitergeht. „Unser Fokus richtet sich auf diese Saison, aber auch auf die nächste“, gab Steinmann einen Einblick in die Planungen. „Deshalb müssen wir uns auch schon mit Neuzugängen beschäftigen.“

 

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