Amokfahrt in Münster
USC-Spielerin Chiara Hoenhorst: Beeindruckt vom Treffen mit ihrem Ersthelfer

Münster -

Den 7. April 2018 wird in Münster so schnell keiner vergessen. Es ist der Tag, an dem ein Amokfahrer sein Fahrzeug im Herzen der Altstadt absichtlich in eine Menschengruppe lenkte. USC-Spielerin Chiara Hoenhorst, die mit schwersten Verletzungen ins Krankenhaus kam, kann sich nicht mehr erinnern. Ihr Ersthelfer berichtete ihr jetzt bei einem Treffen, was mit ihr geschehen ist.

Dienstag, 25.09.2018, 13:13 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 25.09.2018, 12:55 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 25.09.2018, 13:13 Uhr
Amokfahrt in Münster: USC-Spielerin Chiara Hoenhorst: Beeindruckt vom Treffen mit ihrem Ersthelfer
USC-Spielerin Chiara Hoenhorst war bei der Amokfahrt am 7. April damals unter den Verletzten. Jetzt traf sie ihren damaligen Ersthelfer. Foto: Hubertus Huvermann/Oliver Werner (Archiv)

Die Amokfahrt am Kiepenkerl ist in Münster vielen noch in schrecklicher Erinnerung. Die Bilanz: Fünf Tote und mehr als 20 zum Teil schwer verletzte Personen, die einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Unter ihnen auch Chiara Hoenhorst. Die 21-jährige Profisportlerin in Diensten des Volleyball-Bundesligisten USC Münster traf vor wenigen Tagen ihren Ersthelfer, wie der Verein jetzt in einer Pressemitteilung berichtet. Ihm, den Rettungssanitätern und den behandelnden Ärzten verdankt sie ihr Leben.

Auf dem Bürgersteig erfasst

Erst seit diesem Treffen, weiß sie, was genau an diesem Tag eigentlich mit ihr geschehen ist. „Ich war an dem Tag nicht alleine unterwegs“, berichtet Hoenhorst. „Ich war mit meiner Freundin Shoppen. Von ihr weiß ich: unsere letzte Station war „Kauf Dich glücklich“ am Spiekerhof. Wir waren auf dem Rückweg Richtung Prinzipalmarkt. Vor der Terrasse des Restaurants Kiepenkerl fehlten zwei Poller, durch die der Fahrer durch ist. Wir sind genau in diesem Moment einfach über den Bürgersteig dort hergelaufen.“ Dann wurden beide vom Fahrzeug erfasst.

Geistesgegenwärtiger Berufssoldat

„Ich hatte sehr viel Glück mit meinem Ersthelfer“, berichtet Chiara Hoenhorst. „Er ist Berufssoldat und war daher in der Lage, die Schwere meiner Verletzungen sehr gut einschätzen zu können. Das Treffen mit ihm jetzt war für mich sehr beeindruckend. Er sagte mir, dass er verschiedene Anzeichen für eine schwere Kopfverletzung bei mir ausgemacht hat. Das hat er den herbeigeeilten Rettungssanitätern gleich mit auf den Weg gegeben. Zudem hatte ich Glück, dass ich vorne auf dem Bürgersteig lag. Daher war ich die erste verletzte Person, die abtransportiert wurde.“

Das Treffen mit dem Ersthelfer kam auf Wunsch von Hoenhorst und ihrer damals ebenfalls schwer verletzten Freundin zustande. Beiden geht es inzwischen wieder gut. „Nachdem ich abtransportiert war, hat er auch noch weiteren Verletzten geholfen, auch meiner Freundin“, so Hoenhorst weiter.

Chronologie der Amokfahrt in Bildern

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  • Samstag, 7. April, 15.27: Ein silberfarbener Camping-Bus rast auf den Platz am Kiepenkerl. Am ersten schönen Frühlingstag sitzen zahlreiche Menschen auf dem Platz vor der Gaststätte Kiepenkerl. Die Amokfahrt eines Mannes macht aus dem gutbürgerlichen Idyll eine grauenvolle Szenerie: Zwei Menschen kommen ums Leben, über 20 werden zum Teil schwer verletzt. Der Täter erschießt sich nach der Tat selbst.

    Foto: Stephan R./dpa
  • Kurz nach der Tat herrscht Chaos auf dem Platz. Passanten leisten den Verletzten Erste Hilfe.

    Foto: privat
  • Schnell sind die Einsatzkräfte der Polizei und der Feuerwehr vor Ort. Die Erstversorgung läuft wenige Minuten nach der Tat an. Weil fast zeitgleich eine Demonstration von 1500 Kurden in Münster beginnen soll, befinden sich zahlreiche Polizeikräfte in der Stadt, die zum Einsatzort am Kiepenkerl eilen.

    Foto: Oliver Werner
  • Auf dieser Straße fuhr der Täter am Samstag mit seinem Campingbus bis zum Kiepenkerl-Denkmal. Foto: imago stock&people (Archiv) / Grafik Jürgen Christ
  • Nach der Erstversorgung werden die Verletzten in die Krankenhäuser der Stadt gebracht.

    Foto: Oliver Werner
  • Zunächst ist nur der unmittelbare Bereich um den Tatort abgesperrt...

    Foto: Oliver Werner
  • ... doch nach und nach macht die Polizei die gesamte Innenstadt zur Sperrzone. Denn die Hintergründe der Tat sind noch völlig unklar.

    Foto: Oliver Werner
  • War es ein islamistischer Anschlag? Sind weitere Täter auf der Flucht? Die Gerüchte schießen eine Stunde nach der Tat ins Kraut.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Weil die Einsatzlage zunächst unklar ist, mobilisiert die Polizei mehrere Hundertschaften, die sich vor dem Polizeipräsidium am Friesenring sammeln.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Der Domplatz wird zum Sammelpunkt der Einsatzkräfte. Auch schwer bewaffnete Spezialkräfte der Polizei sind vor Ort.

    Foto: Bernd Thissen/dpa
  • Was schnell klar ist: Die meisten Schwerverletzten der Amokfahrt kommen nach Angaben der Uniklinik Münster (UKM) aus dem Münsterland, aber auch aus Hamm, dem niedersächsischen Vechta und den Niederlanden.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Auf dem Schlossplatz sind derweil einige Rettungshubschrauber gelandet. In den ersten Stunden nach der Tat sind laufend Hubschraubermotoren zu hören.

    Foto: Jürgen Grimmelt
  • Ein Inder hält sich in der Sperrzone auf und versteht die Anweisungen der Polizei nicht. Da die Gefahrenlage zu dem Zeitpunkt nicht geklärt ist, fordern die in alle Richtungen ermittelnden Beamten den Mann auf, sich auf den Boden zu legen, wie in einem Video zu sehen ist, das kurz nach der Tat im Netz kursiert. Schnell stellt sich heraus: Der Mann aus Indien hat nichts mit der Sache zu tun.

    Foto: Screenshot/privat
  • Schlange stehen, um zu helfen: Das Uniklinikum ruft am frühen Samstagabend zur Blutspende für die Verletzten auf. Prompt kommen 300 Münsteraner an die Domagkstraße. Bis nach Mitternacht wird schließlich 175 Freiwilligen Blut abgenommen. Überwältigt von der Solidarität bedankt sich das UKM später bei den Helfern.

    Foto: Maren Baars
  • Noch am Samstag ist die Identität des Amokfahrers geklärt: Jens R., wohnhaft in Münster, 48 Jahre alt, Industriedesigner, geboren in Olsberg (Sauerland). Im Laufe des Abends verdichten sich die Anzeichen, dass der von der Polizei als psychisch labil eingestufte Mann allein gehandelt hat. Das Motiv bleibt jedoch zunächst unklar.

    Foto: Privat
  • Polizisten durchsuchen bereits am Samstagabend die Wohnung des Täters in der Zumbroockstraße. Am Sonntag setzen sie die Suche fort. Dabei entdeckten die Ermittler mehrere Gasflaschen, Kanister mit Bioethanol und Benzin sowie eine Deko-Waffe und Polen-Böller. Hinweise auf eine politisch motivierte Tat werden nicht entdeckt.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Die Spurensicherung ist auch am späten Samstagabend noch am Tatort. Die Beamten haben außerdem Sprengstoffexperten hinzugezogen. In dem Fahrzeug befindet sich ein verdächtiger Gegenstand...

    Foto: Marius Becker/dpa
  • ... der sich aber als ungefährlich herausstellt. Das Fahrzeug des Täters wird erst in der Nacht zu Sonntag abgeschleppt.

    Foto: David Young/dpa
  • Sichtlich mitgenommen sieht Oberbürgermeister Markus Lewe am späten Samstagabend aus. In Interviews drückt er sein Beileid aus, zeigt sich tief betroffen und lobt die Solidarität der Münsteraner.

    Foto: Oliver Werner
  • Am Aasee trafen sich nach einem Aufruf in sozialen Netzwerken am Abend spontan einige Menschen, um Kerzen für die Opfer niederzulegen. Foto: dpa
  • Am Tag danach dominiert Trauer und Fassungslosigkeit die Stadt.

    Foto: Oliver Werner
  • Der Platz am Kiepenkerl ist am Sonntagmorgen zunächst noch abgesperrt,...

    Foto: Wilfried Gerharz
  • ...der Rest der Innenstadt ist aber wieder frei zugänglich.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Als der Kiepenkerl-Platz freigegeben wird, hinterlegen die ersten Passanten Blumen. Viele können das Geschehene immer noch nicht fassen.

    Foto: Marius Becker/dpa
  • Am Sonntagmittag kommt Politikprominenz zur Gedenkminute an den Tatort: (v.l.) Münsters Oberbürgermeister, Markus Lewe, NRW-Innenminister Herbert Reul, Bundesinnenminister Horst Seehofer und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet gedenken der Opfer...

    Foto: Marius Becker/dpa
  • ... und tragen sich ins Kondolenzbuch im Rathaus ein.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Unter dem Spruch "In stiller Trauer" sieht man die Unterschriften der Politiker.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Die Amokfahrt ruft zahlreiche Medienvertreter auf den Plan. Hier ist Bundesinnenminister Horst Seehofer umringt von Kameras und Mikrofonen.

    Foto: Marius Becker/dpa
  • Am Sonntagabend nehmen 1500 Menschen an einem ökumenischen Gedenkgottesdienst im Paulus-Dom teil.

    Foto: Ina Fassbender/dpa
  • Der Andrang ist riesig: Im Dom müssen die meisten Gottesdienstbesucher stehen.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Zu den zahlreichen prominenten Besuchern gehören auch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (2.v.l.) und Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (r.)

    Foto: Oliver Werner
  • Bischof Felix Genn (2.v.r.) und Münsters Superintendent Ulf Schlien entzünden während des Gottesdienstes Kerzen.

    Foto: Oliver Werner
  • Viele weitere Gottesdienstbesucher entzünden Kerzen und stellen sie vor dem Dom ab.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Auch vor dem Kiepenkerl-Denkmal werden Kerzen angezündet und Blumen abgelegt.

    Foto: Ina Fassbender/dpa
  • Am Montagmorgen hält Oberbürgermeister Markus Lewe noch einmal vor dem Meer aus Blumen und Kerzen vor dem Kiepenkerl inne.

    Foto: Guido Kirchner
  • Karl Hans-Joachim Kunze steht, nachdem das SEK in der Nacht zum Sonntag seine Wohnung in Pirna gestürmt hat, mit den Teilen des Türschlosses vor seiner Wohnungstür. Jens R. hatte einst dort gewohnt. In einer anderen Wohnung des Täters, ebenfalls bei Dresden, finden Ermittler am Sonntag ein 18-seitiges Schreiben. Dabei handelt es sich um eine Art „Lebensbeichte“, die Hinweise auf suizidale Gedanken von Jens R. geben.

    Foto: Daniel Förster
  • Thomas van den Hooven (Pflegedirektor UKM, v.l.), Prof. Dr. Robert Nitsch (Ärztlicher Direktor UKM) und Prof. Dr. Michael Raschke (stellvertretender Ärztlicher Direktor UKM) informieren während einer Pressekonferenz am Sonntag über die Patienten. Drei Schwerstverletzte werden zu dem Zeitpunkt im UKM behandelt, zwei weitere im Clemenshospital. Später am Tag wird bekannt, dass auch Chiara Hoenhorst, eine Volleyballspielerin des USC Münster, durch die Amokfahrt schwer verletzt wurde.

    Foto: Oliver Werner
  • Auch am Dienstag sind vor dem Kiepenkerl Trauerbekundungen zu sehen. Die Gaststätte kündigt an, auf Wunsch der Belegschaft am Mittwoch wieder zu öffnen.

    Foto: Oliver Werner
  • Passanten halten am Dienstag am Tatort inne und gedenken der Opfer.

    Foto: Oliver Werner
  • Vor der Bezirksregierung hängen die Flaggen weiter auf Halbmast.

    Foto: Oliver Werner
  • Eine Stadt steht zusammen: Auch drei Tage nach der Amokfahrt drücken die Münsteraner an vielen Orten und auf verschiedene Arten ihr Mitgefühl gegenüber den Betroffenen aus.

    Foto: Oliver Werner
  • Hätte die Amokfahrt von Münster verhindert werden können? Hätten die Gesundheitsbehörden eingreifen müssen? Nein, sagt Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (2.v.l.) entschieden auf einer Pressekonferenz am Dienstagmittag. Die Amokfahrt von Münster hätte nach Einschätzung von Lewe nicht verhindert werden können.

    Foto: Oliver Werner

Schädel nach zweiter Kopf-OP wieder geschlossen

Eigene Erinnerungen hat die BWL-Studentin erst wieder ab dem Tag ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus. Drei Wochen nach der Amokfahrt. „An meinen letzten Tag kann ich mich vage erinnern. Da wurde ich von der Intensivstation auf ein Einzelzimmer verlegt und kurz darauf ging es in eine Reha-Klinik nach Hattingen.“

Wegen der starken Schwellungen im Schädel musste der Leistungssportlerin vorübergehend ein Stück Schädeldecke entfernt werden. Inzwischen ist dieses Stück in einer zweiten Kopf-OP wieder eingesetzt worden. Der Heilungsprozess verläuft erstaunlich gut. „Mein Ersthelfer hat mir verraten, dass er damals nicht davon ausgegangen ist, dass ich das überlebe.“ 

Fast wieder das alte Leben

Heute trainiert die Volleyballerin bereits wieder mit dem USC Münster. Nicht das volle Programm und nicht ohne Kopfschutz. Aber allemal bemerkenswert. Und die 1,88-Meter große Außenspielerin hat schon wieder Ziele: „Wenn es weiterhin so gut läuft und Ärzte und Versicherungen grünes Licht geben, dann könnte ich zum Bundesliga-Auftakt Ende Oktober spielbereit sein. Der Sport war nach dem Aufwachen aus dem künstlichen Koma ohnehin meine größte Sorge.“

Chiara-Hoenhorst

Chiara Hoenhorst Foto: Hubertus Huvermann

Ob die verbleibenden Wochen dafür ausreichen, wird sich zeigen. Auf jeden Fall nimmt Chiara Hoenhorst im Oktober ihr BWL-Studium wieder auf. Und führt inzwischen wieder fast ihr altes Leben. Denn Sie hatte Glück im Unglück und kann sich an den schlimmsten Tag in ihrem Leben nicht erinnern.

Amokfahrt am Kiepenkerl

Weitere Hintergründe und Berichte zur Amokfahrt in Münster lesen Sie hier.

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