Volleyball: Bundesliga Frauen
USC Münster stellt Teun Buijs frei – Lisa Thomsen wird neue Cheftrainerin

Münster -

Mit dieser Nachricht zu diesem Zeitpunkt hat der USC Münster überrascht. Nach vier Spieltagen stellt der Volleyball-Bundesligist seinen Trainer Teun Buijs mit sofortiger Wirkung frei. Seine bisherige Assistentin Lisa Thomsen tritt seine Nachfolge an, wird Mitte Dezember aber eine Pause bis zum Start der Saison 2021/22 einlegen. In der Zwischenzeit übernimmt dann ein am Berg Fidel bestens bekanntes Gesicht.

Mittwoch, 28.10.2020, 18:00 Uhr aktualisiert: 29.10.2020, 08:03 Uhr
Seine taktischen Anweisungen gibt Trainer Teun Buijs
Seine taktischen Anweisungen gibt Trainer Teun Buijs Foto: Jürgen Peperhowe

Beben am Berg Fidel: Der Volleyball-Bundesligist USC Münster hat am Mittwoch Trainer Teun Buijs freigestellt. Schon im Punktspiel am Sonntag gegen den Deutschen Meister MTV Stuttgart coacht die bisherige Buijs-Assistentin Lisa Thomsen die Mannschaft. Die 35-Jährige geht im Dezember in Mutterschutz, danach übernimmt der Sportliche Leiter Ralph Bergmann die Verantwortung bis zum Saisonende. Nach Aussage von Präsident Martin Gesigora engagieren sich beide ohne Gehaltsaufstockung. Zur neuen Spielzeit kehrt Thomsen auf die Chef-Position zurück.

Trainer-Entlassungen sind im Volleyball eher Ausnahme als Regel. Die Pritsch- und Bagger-Gilde steht nicht im Ruf, zwölf Uhr mittags aus der Hüfte zu schießen. Beim USC wurde 1994 letztmals ein Coach gefeuert. Damals musste die Amerikanerin Sue Woodstra vorzeitig gehen. Nach 26 Jahren wiederholt sich der Vorgang beim westfälischen Ex-Meister. Buijs, der 2017 kam und einen Vertrag bis zum 30. Juni kommenden Jahres besitzt, wird vom USC bis zum Ablauf des Kontrakts bezahlt. „Sofern er möchte, stehen ihm bis dahin auch Wohnung und Dienstwagen zur Verfügung“, sagte Club-Chef Martin Gesigora.

Gesigora: „Probleme seit einem Jahr“

Der Sturm am Berg Fidel zog nicht völlig überraschend auf. Gesigora beschreibt „Störungen im Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft. Wir beobachten das seit etwa einem Jahr“. Wirklich auffällig seien die Probleme allerdings erst im Februar oder März geworden. Gesigora: „Da gab es klare Signale aus der Mannschaft. Die Spielerinnen haben Kommunikation, Transparenz und Wertschätzung vermisst.“ Eine Trennung sei zu diesem Zeitpunkt allerdings kein Thema gewesen. „Sportlich war unsere Rückrunde gut. Das Präsidium hat geglaubt, die Schwierigkeiten lösen zu können. Zumal der damalige Sportliche Leiter (Anm. der Red.: Axel Büring) mehrfach kommuniziert hat, dass alles in Ordnung sei“, erklärte ­Gesigora. Mit Coaching-Maßnahmen und in vielen Einzelgesprächen habe der Club „immer wieder versucht, einen gemeinsamen Weg zu finden“. Es gelang nicht. Am Dienstagabend verständigten sich die Präsidiumsmitglieder darauf, die Reißleine zu ziehen. „Der Beschluss war einstimmig und auch eine Konsequenz des letzten Heimauftritts gegen Vilsbiburg. Die schlechte Stimmung war mit Händen greifbar. Ich habe eine komplett leblose Mannschaft gesehen“, sagte Gesigora.

Club-Chef überbringt die Botschaft

Dem Chef kam es am Mittwoch zu, Buijs die Entscheidung zu übermitteln. „Menschlich war das sehr schwierig“, sagte Gesigora über das Gespräch auf der Geschäftsstelle. Am Mittag informierte er die Mannschaft im VIP-Raum der Sporthalle über die Veränderungen. Am trainingsfreien Tag gingen danach alle auseinander.

Kommentar: Mutig bis riskant

Martin Gesigora ist seit zwei Jahren Präsident des USC Münster. Aber nicht nur das: Viel länger schon ist er Schatzmeister. Manche nennen ihn Sparkommissar. Tatsächlich hat er immer beide Augen auf die wirtschaftliche Situation der Unabhängigen. Dass der beträchtlich verschuldete Bundesligist zuletzt ein vorzeigbares positives Jahresergebnis vorlegte, ist auch sein Verdienst.Am Mittwoch hat der USC mit Gesigora an der Spitze Trainer Teun Buijs freigestellt. Das ist ein ungewöhnlicher Vorgang so früh in der Saison. Auch weil Maßnahmen dieser Art meistens Geld kosten: Konsequenz einer Trennung auf Führungsebene ist zwangsläufig die Regelung der Nachfolge. Es kann Vereine, deren Haushalte auf Korsett-Größe zugeschnitten sind, sehr schnell in unangenehme Schieflagen bringen.Münster hat eine andere Lösung gefunden. Der USC füllt die Vakanz nicht mit einer externen Kraft, sondern interner Kompetenz. Im vorliegenden Fall hält es den Etat in der Balance, es birgt aber auch Gefahren. Die Lösung mit Lisa Thomsen, Novizin im Cheftraineramt, füllt jedenfalls die Spannbreite von mutig bis riskant komplett aus. Und es hat endgültig etwas Experimentelles in Verbindung mit dem Intermezzo von Ralph Bergmann ab Mitte Dezember. Hübsch ausgedacht, aber sehr anstrengend für alle Beteiligten. Vielleicht die beste Lösung für den Moment, erkennbar keine ideale. Möglicherweise braucht es die in Zeiten der Pandemie auch gar nicht.Gewiss hat sich das USC-Präsidium die Zäsur gut überlegt. Der Verdacht, aktionistisch gehandelt zu haben, besteht nicht – die Feuer schwelten schließlich schon länger. Im Wissen dessen hätte der Club den Löschzug früher bestellen müssen. Ein sauberer Wechsel nach der vergangenen Saison hätte einen disharmonischen Start in die neue verhindert.  Wilfried Sprenger

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Den Niederländer erwischte die Nachricht eiskalt. „Ich war total überrascht und bin sehr enttäuscht. Es fällt mir sehr schwer, diese Entscheidung zu akzeptieren. Aber ich kann dagegen nichts machen“, erklärte Buijs, der ­seine Demission als „viel zu früh“ erachtet. „Ich habe schon im Mai gesagt, dass wir durch die Zusammenstellung mit einem neuen Annahmeriegel und der ­Corona-Situation Zeit benötigen. Die Mannschaft ist noch nicht fertig.“

Bergmann mit Trainererfahrung

An der weiteren Entwicklung kann Buijs nun nicht mehr mitwirken, an diesem Donnerstag nun übernimmt Thomsen das Team. Sechs Wochen etwa steht die ehemalige Nationalspielerin in der Verantwortung, dann reicht sie den Staffelstab an Ralph Bergmann weiter. „Es war nicht mein Ziel, hier den Trainerposten zu übernehmen. Aber in der jetzigen ­Situation ist es zumindest eine sehr nahe liegende Lösung“, sagte der 50-Jährige. Als 225-facher Nationalspieler sowie Trainerstationen bei Zweitligisten und in der Assistenz der DVV-Auswahl verfügt der Osnabrücker über genügend Qualität und Erfahrung. Die Trennung von ­Buijs beschreibt er als emotional. Jetzt sei es wichtig, nach vorn zu schauen. „Ich möchte helfen, dass der USC wieder da hinkommt, wo er hingehört.“

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