Handball: Nationalmannschaft
Ex-DHB-Geschäftsführer Holger Kaiser: „Mehr Respekt gegenüber Christian Prokop“

Ladbergen -

Heute ist Holger Kaiser als Trainer des Landesligisten TSV Ladbergen eher auf lokaler Ebene unterwegs. Aber aus seiner Zeit als Geschäftsführer des SC Magdeburg, der SG Flensburg-Handewitt und des Deutschen Handball-Bundes hat er nach wie vor gute Verbindungen in die oberste Etage des deutschen Handballs. Differenziert bewertet er die Kritik, die bei der Handball-Europameisterschaft am deutschen Bundestrainer Christian Prokop aufkam.

Dienstag, 21.01.2020, 15:58 Uhr aktualisiert: 21.01.2020, 21:42 Uhr
Szenen aus einem Leben von und für Handball (oben von li. im Uhrzeigersinn): Holger Kaiser als Trainer des TSV Ladbergen, als Geschäftsführer des Zweitligisten TV Emsdetten, als Manager des SC Magdeburg an der Seite der deutschen Handball-Ikone Stefan Kretzschmar, als Geschäftsführer der DKB Handball Bundesliga.
Szene aus einem Leben von und für Handball: Holger Kaiser (re.), hier als ehemaliger Manager des SC Magdeburg an der Seite der deutschen Handball-Ikone Stefan Kretzschmar

Nach der Niederlage der deutschen Handball-Nationalmannschaft gegen Kroatien bei der Europameisterschaft fokussierte sich das mediale Interesse stark auf Christian Prokop . Ist er noch der richtige Bundestrainer? Der Druck auf ihn nahm nach dem 34:22-Sieg der DHB-Auswahl gegen Österreich zwar etwas ab. Aber ob Prokop damit aus der Schusslinie ist, bleibt abzuwarten. Im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Heiner Gerull bezieht Holger Kaiser , von 2012 bis 2015 Geschäftsführer des Deutschen Handball-Bundes ( DHB ) und heute Trainer des TSV Ladbergen, Stellung zur aufflammenden Kritik am Bundestrainer.

Wie verfolgen Sie die Diskussionen um Christian Prokop bei der Handball-Europameisterschaft?

Holger Kaiser: Ich kriege einiges mit aufgrund meiner alten Verbindungen und finde es schade, dass so diskutiert wird. Man hat sich für einen jungen, unerfahrenen Trainer entschieden. Dass öffentlich über den Bundestrainer diskutiert wird, ist okay, aber dass aus dem Umfeld der Mannschaft Interna herausgetragen werden, finde ich nicht so gut.

Was meinen Sie damit?

Kaiser: Christian Prokop ist Bundestrainer. Ich finde, über Vereinstrainer kann man öffentlich so diskutieren, über einen Bundestrainer sollte man sich aber eher zurückhaltend äußern.

Sind die Debatten nicht auch ein bisschen scheinheilig? Hätte Deutschland gegen Kroatien zwei Tore mehr geworfen, wäre es wahrscheinlich ruhig geblieben, oder?

Kaiser: Da gibt es zwei Ebenen. Die öffentliche Diskussion, die muss es geben, die hat es auch bei Herrn Löw gegeben. Aber Inhalte von Gesprächen, die im Kreis der Mannschaft geführt werden, sollten nicht nach außen getragen werden, das gehört sich nicht. Man hat sich für einen jungen Trainer entschieden, der erst noch seine internationalen Erfahrungen sammeln musste in den Turnieren. Das muss man mit ihm jetzt auch durchstehen.

Hätte der DHB seinem Trainer nicht stärker Rückendeckung geben müssen?

Kaiser: Ja klar. In anderen Verbänden, etwa im Fußball, bekommt man nicht mit, dass sich Beteiligte über Trainer in der Öffentlichkeit dermaßen äußern. Der Bundestrainer ist der Bundestrainer – der hat einfach mehr Respekt verdient.

Wie bewerten Sie den Auftritt der DHB-Auswahl bei dieser Europameisterschaft?

Kaiser: Um das zu bewerten, muss man auch die kurze Phase der Vorbereitung einbeziehen. Das war die prägende Zeit. Es gab viele Verletzte, Prokop musste in der Kürze der Zeit einen neuen Kader zusammenschmieden mit Spielern, von denen einige auf der Bank saßen, die plötzlich aber spielen müssen. Das ist nicht so einfach. Da reichen drei oder vier Vorbereitungsspiele nicht aus. Unter diesen Vorzeichen sehe ich auch das Spanien-Spiel, in dem wir noch nicht so richtig zusammengefunden hatten. Die Leistung in der Hauptrunde finde ich überragend, zumal ein Großteil unserer Topspieler nicht dabei war. Unter diesen Umständen bewerte ich Platz fünf, den wir wahrscheinlich kriegen werden, als Erfolg. Da gibt es nichts zu kritisieren. Auch nicht im Spiel gegen Kroatien. Mit einem Tor Unterschied gegen die zu verlieren, ist ja auch schon ein Gütesiegel.

Wie sehen Sie grundsätzlich die Entwicklung der deutschen Mannschaft?

Kaiser: Wir leiden darunter, dass wir nicht diesen einen oder diese zwei Weltklassespieler haben wie andere Nationen. Deshalb müssen wir über die Mannschaft und über die Taktik zum Erfolg kommen. Das ist schwierig. Das hat man auch im Spiel gegen die Kroaten gesehen, die Spieler in ihren Reihen haben, die in der Schlussphase in der Lage sind, aus dem Rückraum mit einfachen Aktionen Tore zu machen. Diese Qualität haben wir noch nicht, die braucht man aber in der Crunchtime, der entscheidenden Phase des Spiels.

Nichtsdestotrotz heißt das nächste Ziel im April: Qualifikation für die Olympischen Spiele.

Kaiser: Absolut. Das muss das Ziel sein. Sollte das nicht erreicht werden, wäre das ein Desaster.

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