Deutscher Meister mit Prothese
Darf er das?

Ulm -

Mit einer Unterschenkel-Prothese springt Markus Rehm bei der Deutschen Leichtathletikmeisterschaft allen anderen davon. 8,24 Meter. Paralympics-Weltrekord. Doch sein Sieg nährt Zweifel und wirft die Frage auf: Darf der das?

Sonntag, 27.07.2014, 23:07 Uhr

Erster beinamputierter Deutscher Meister im Weitsprung: Markus Rehm.
Erster beinamputierter Deutscher Meister im Weitsprung: Markus Rehm. Foto: dpa

Thomas Kurschilgen und Idriss Gonschinska sprangen auf, ballten die Faust. Ein kurzes, lautes „Ja!“ brüllten Cheftrainer Gonschinska und der DLV-Sportdirektor hinaus. Gemeint war der letzte, sechste Weitsprung von Christian Reif. Dessen fünf Versuche zuvor waren über acht Meter, sensationell. Die letzte Landung im Sand wird mit 8,20 m gemessen. Respekt. Damit untermauert der Rehlinger seine Top-Position in der deutschen Rangliste. 8,20 Meter sind aber vier Zentimeter zu wenig, um diesmal Deutscher Meister zu werden. Und als die Weite auf der Anzeigetafel auftaucht, sind auch Gonschinska und Kurschilgen wieder „geerdet“. Sieger und Deutscher Meister wird Markus Rehm vom TSV Bayer Leverkusen .

Manche Probleme erledigen sich nicht von selbst. Rehm springt mit einer Carbon-Unterschenkelprothese. Seine Siegesweite im Ulmer Donaustadion ist Paralympics-Weltrekord. Abermals Respekt. Sein Sieg wirft allerdings Fragen auf, nährt Zweifel und wirft ein ganz besonderes Licht auf die Deutschen Meisterschaften des Jahres 2014.

Darf er das? Darf der nach einem Badeunfall unterschenkelamputierte 25-Jährige Athlet bei den Titelkämpfen mitmachen – und darf er sogar gewinnen? Und wenn: Darf er dann auch zu den Europameisterschaften nach Zürich (12. bis 17. August)?

Rehm war von einem Wakeboard gestürzt und dann mit dem rechten Bein in eine Schiffsschraube geraten. Die Ärzte konnten den Unterschenkel nicht mehr retten, fortan bewegt sich der Athlet mit einer Prothese . Ob diese – für den sportlichen Wettkampf zudem speziell hergerichtete – Schiene nun einen Vorteil gegenüber den nicht gehandicapten Sportlern bedeutet: Diese Frage des Fair-Plays stellt sich in Ulm mit Nachdruck. Vor allem, weil Christian Reif eben nicht im letzten Sprung den Titel holte. So stand das Thema Rehm auf der Tagesordnung – und wird den DLV weiterhin beschäftigen. Nicht zuletzt aus diesem Grunde hat der Verband die Nominierung für die Europameisterschaften vom 12. bis zum 17. August in Zürich um einen Tag auf Mittwoch verschoben. Der Verband will noch die Ergebnisse der biomechanischen Messungen der Weitsprünge Rehms abwarten.

Für Thomas Kurschilgen ist die Sache klar: Soll sich doch der Europäische Leichtathletik-Verband vor der EM der Sache annehmen. „Die Entry Standards (Regelwerk) besagen, dass die erbrachten Leistungen regelgerecht erbracht werden müssen. Der Schiedsrichter hatte entschieden, dass Rehm starten darf, also ist auch die erbrachte Leistung für uns regelgerecht. Allerdings stehen die Ergebnisse der biomechanischen Untersuchungen noch aus,“ sagt Kurschilgen.

Hat der DLV da etwa versäumt, im Vorfeld der DM für Klarheit zu sorgen? Kur­schilgen verneint das. Steffi Nerius, ehemalige Speerwurf-Weltmeisterin und bei Bayer Leverkusens Rehms und Trainerin der Sportler mit Handicap, sieht die Angelegenheit etwas anders. Bereits im Dezember vergangenen Jahres habe sie DLV und DOSB auf die möglicherweise anstehende Diskussion hingewiesen. „Man kann, man muss sich nicht damit auseinandersetzen“, interpretierte die ehemalige Top-Athletin die ausgebliebenen Reaktionen.

Noch am Samstagmittag hatte DLV-Präsident und Jurist Dr. Clemens Prokop gesagt: „Wenn die Qualifizierungsmaßnahmen vorliegen, würden wir den Athleten für die EM nominieren, dann müsste auch der europäische Verband (EAA) entscheiden.“ Nun haben die den Salat.

Und die Athleten? „Ich habe immer noch Herzklopfen“, sagt Markus Rehm lange nach dem Wettkampf. „Ein tolles Gefühl, in solch einem Wettkampf zu starten.“ Er betont aber auch: „Man hätte die biomechanischen Messungen natürlich auch vorher machen können. Das habe ich immer gesagt. Ich habe aber keine Angst vor den nun aufkommenden Diskussionen.“ Dass die Prothese länger ist als sein gesundes Bein, beim Absprung auch wie ein Katapult wirken kann, vor einem Wettkampf „härter“ justiert wird: „Das ist ganz individuell notwendig,“ sagt Rehm. „Kein Athlet freut sich, wenn seine Leistung nicht regelkonform erbracht wird.“

Europameister (2012) Sebastian Bayer (Hamburger SV), der am Samstag nur Fünfter wird, sagt: nichts. „Was ich zu dem Thema auch sage, wird mir eh falsch ausgelegt. Wie ich mich auch äußere, es ist falsch. Kein Kommentar.“ Und später: „Ich weiß nur, dass seine Prothese einige Zentimeter länger ist als das andere Bein.“

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