Reiten: Europameisterschaft in Aachen
Nur eine behält den Durchblick

Aachen -

Blondinen-Witz, blutige Zunge, blumige Worte. Es war alles drin im Grand Prix Spécial, ehe dann die Dinge ihren (fast) erwarteten Lauf nahmen. Nur kurz kratzte Kristina Bröring-Sprehe am EM-Thron, dann stellte Charlotte Dujardin die Hierarchie wieder her. Die Titelverteidigerin aus Großbritannien verteidigte ihren Titel absolut souverän, stellte auf Valegro mit 87,577 Prozent einen neuen Europarekord auf und hinterher fest: „Ich bin so glücklich, dass ich in diesem tollen Stadion gegen diese großartige Konkurrenz diesen Erfolg feiern darf. Es ist grandios.“

Sonntag, 16.08.2015, 22:08 Uhr

Kristina Bröring-Sprehe (l.) behält auf dem Siegespodest den Überblick, während Europameisterin Charlotte Dujardin (M.) und Bronzemedaillengewinner Peter Minderhoud einen Strauß ausfechten.
Kristina Bröring-Sprehe (l.) behält auf dem Siegespodest den Überblick, während Europameisterin Charlotte Dujardin (M.) und Bronzemedaillengewinner Peter Minderhoud einen Strauß ausfechten. Foto: dpa

Was macht dieses Paar so besonders, ja fast schon unschlagbar? Bundestrainerin Monica Theodorescu sagt dazu: „Valegro kommt dem Ideal eines Dressurpferdes sehr nahe. Gebäude, Größe, Proportionen gepaart mit der Dynamik, die dieses Pferd hat, der Energie, die Charlotte perfekt umsetzt. Das sieht immer harmonisch aus. Valegro fallen die Anforderungen relativ leicht. Er hat keine Schwächen, ist athletisch und trotzdem locker.“

Herausragende Leistung

Offensichtlich passt alles bei diesem Wallach, so dass sich die Konkurrenz stets hinten anstellen muss. Für die 28-jährige Bröring-Sprehe kein Problem, nachdem sie mit Silber dekoriert worden war. „Diese Medaille bedeutet mir sehr viel. Desperados ist toll gegangen. Heute war es leichter zu reiten, der Druck war nicht so groß wie im Grand Prix.“ 83,067 Prozent sprangen für beide heraus, eine herausragende Leistung. An dieser Wertung hätte sich vermutlich der Niederländer Edward Gal (Zweiter im Grand Prix) die Zähne ausgebissen, aber er kam gar nicht in die Wertung. Sein Pferd Undercover, das ohnehin auffallend unter Strom stand, biss sich auf die Zunge und durfte laut Reglement die Prüfung mit Blut im Maul nicht beenden. Bronzemedaillengewinner wurde sein Landsmann Hans Peter Minderhoud (79,034 %) auf Johnson.

Sehr gut unterwegs war auch Isabell Werth auf Don Johnson, ehe sie kurz die falsche Richtung einschlug. „Da haben sich bei mir wohl kurzfristig ein paar Gehirnzellen weggeschaltet.“ Und dann mit einem Schmunzeln im Gesicht: „Ich habe mich für die dümmste Blondine beworben und bin jetzt ganz weit vorne.“ Beide wurden Siebte, einen Rang vor Jessica von Bredow-Werndl auf Unee.

Großer Sport

Gestern in der abschließenden Kür meldete sich Werth mehr als eindrucksvoll zurück. „Johnny hat die Kür seines Lebens gezeigt, und das mit einer Blondine im Sattel. Im Ernst, ich bin super glücklich.“ Konnte sie auch, denn 82,482 Prozent hat sie mit diesem Pferd noch nie im „Freestyle“ erreicht. Letztlich wurde es „nur“ der vierte Rang, weil die Spanierin Beatriz Ferrer-Salat auf Delgado einen Tick besser benotet wurde.

Überhaupt wurde die Kür zum erwarteten Höhepunkt der Dressur. Nicht einer der 15 Starter fiel ab, alle zeigten ganz großen Sport. Und den größten zeigten die Größten. Als Bröring-Sprehe mit Desperados 88,804 Prozent für ihre tolle Vorführung erhalten hatte, witterten viele die Überraschung. Aber die fiel aus, weil Dujardin mit Valegro (88,982) erneut – allerdings hauchdünn – die Nase vorn hatte. Einige Zuschauer quittierten das mit Pfiffen, nicht jeder war mit dieser Reihenfolge einverstanden. Gleichwohl zeigte sich die Deutsche als glückliche Zweite, auch wenn sie ein wenig mit dem verpassten Gold haderte. „Es wäre vielleicht drin gewesen, aber so ist es auch in Ordnung.“ So sah das die alte und neue britische Doppel-Europameisterin auch. „Great und thanks.“  

Kommentar

Kein Grund zur Klage

Zweimal Silber, einmal Bronze – das kann sich sehen lassen. Nach der leichten Enttäuschung in der Mannschaftswertung am Freitag meldeten sich die deutschen Dressurreiter am Wochenende in den zwei Einzelentscheidungen eindrucksvoll zurück. Kristina Bröring-Sprehe hat alle Erwartungen erfüllt und ist nahtlos in die großen Fußstapfen getreten, die Helen Lange­hanenberg auf Damon Hill hinterlassen hat.

Es waren nicht nur die Silbermedaillen, die beeindruckten. Es war vor allem die Leistung der jungen Deutschen, die Mut macht. In beiden Prüfungen erdreistete sich die 28-Jährige, die große Titelverteidigerin aus Großbritannien zu attackieren. Im Spécial blieb sie knapp dahinter, in der Kür war sie fast schon vor Charlotte Dujardin. Aber nur fast.

Weil die Richter das so wollten. Gestern lagen die Damen und Herren in den Wertungshäuschen bei ihrer Notenvergabe recht dicht beieinander, was in den Tagen zuvor nicht immer der Fall war. Sie hatten der EM ihren persönlichen Stempel aufgedrückt, der überhaupt nicht zum hervorragenden Sport und der erstklassigen Stimmung in Aachen passte. Leider.

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