DOSB-Präsidiumsmitglied Ingo Weiss im Interview
Krisen, was für Krisen?

Münster -

Ingo Weiss, Vorsitzender der Deutschen Sportjugend, Mitglied im Präsidium des DOSB und Präsident des Deutschen Basketball Bundes, äußert sich im Interview zu den drängenden Problemen vor den Sommerspielen in Rio, zur Diskussion über die IOC-Entscheidung über einen Ausschluss Russlands sowie seine Lust auf Olympia.

Dienstag, 02.08.2016, 05:08 Uhr

Mit Vorfreude blickt Ingo Weiß auf die bevorstehenden Olympischen Spiele in Rio.
Mit Vorfreude blickt Ingo Weiß auf die bevorstehenden Olympischen Spiele in Rio. Foto: Jürgen Beckgerd

Herr Weiss , freuen Sie sich auf Olympia ?

Ingo Weiss: Ja. Uneingeschränkt. Wenn man einmal den olympischen Geist geschnuppert hat, ist man fasziniert. In Peking 2008 habe ich mich noch sehr mit den Umständen und der vorausgegangenen Berichterstattung befasst – und am Ende waren es doch tolle Spiele. Die ganze Welt kommt bei Olympia zusammen und wir werden in Rio tolle Spiele haben.

Zur Person

Der Münsteraner Ingo Weiss ist Sportfunktionär, seit 2002 Vorsitzender der Deutschen Sportjugend und damit gleichzeitig Mitglied im Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbundes. Seit 2006 ist der 52-Jährige zudem Präsident des Deutschen Basketball-Bundes und seit 2010 Board-Mitglied des Welt-Basketballverbandes.

...

Ich frage deshalb, weil sich der Weltsport doch in eine seiner vielleicht größten Krisen manövriert hat. Größer noch, als bei den Boykotten in den 1980er Jahren in Moskau und Los Angeles.

Weiss: Ist das so? Ich glaube nicht, dass wir in einer Krise des Weltsports sind. Viele wollen den Sport in eine Krise reden. Beispielsweise im Fußball: Man hört nichts mehr davon. Ich sehe den Sport sehr gut aufgestellt. Es wird sehr schnell das Negative, mehr als das Positive, berichtet. Krisen werden oft herbeigeredet.

Aber wir reden ja immerhin über geheimdienst-unterstütztes staatliches Doping und die Konsequenzen daraus. Das sind doch ganz neue Dimensionen.

Weiss: Neue Dimensionen, ja. Das ist unglaublich. Daher habe ich Respekt vor der Entscheidung des IOC , das keinen einzigen Funktionär inklusive russischer Minister in Rio sehen will. Staatsdoping muss verfolgt werden.

Also hat Thomas Bach die richtigen Konsequenzen aus dem russischen Dopingskandal gezogen? DOSB-Päsident Alfons Hörmann sagt Ja.

Weiss: Nicht nur Thomas Bach, auch das IOC hat die richtigen Entscheidungen getroffen. Es hat die Sportfachverbände gestärkt, die ja zuständig sind. Das IOC entsendet ja keine Athleten, sondern die Verbände und die nationalen Olympischen Komitees. Aus meiner Sicht hat das Exekutivkomitee um Thomas Bach korrekt und politisch schlau entschieden. Ein Prüfungsauftrag ist sauber – oder eben nicht. Das können die Verbände am besten, und wenn nicht, sind sie schlecht aufgestellt. Das IOC hätte auch gar keine andere Entscheidung treffen können – auch im Sinne der sauberen Athleten, die jahrelang für Olympia geackert und trainiert haben.

Man muss den Eindruck gewinnen, man müsse dem Publikum unter diesen Umständen die Lust auf Olympia vermitteln. Sie scheint den Zuschauern abhandengekommen zu sein.

Weiss: Ja. Das glaube ich auch. Nach den negativen Berichterstattungen braucht man nun diese emotionalen Bilder, die auch Emotionen auslösen. Man braucht einen Steiner, der nach seiner Goldmedaille weint. ( Gewichtheber Matthias Steiner widmete seinen Sieg bei Olympia 2008 in Peking seiner verstorbenen Frau, das Bild ging um die Welt, d. Red. ). So etwas muss rüberkommen in den Medien, in den Fernsehbildern. Und nicht zuletzt: Man bekommt ja bei Olympia eine Vielzahl von Sportarten mit – nichts gegen Fußball: Aber ich freue mich auf Tischtennis, Reiten, Wasserspringen . . .

Das Gastgeberland Brasilien hat noch ganz andere Probleme: Korruption, Gewalt, die sozialen, politischen, wirtschaftlichen Schwierigkeiten überlagern alles. Können die Spiele da noch der richtige Botschafter sein?

Weiss: Ich hoffe es. Olympia ist Hoffnung, auch darauf, was danach kommt. Olympia wird in Rio nachhaltig wirken. Das Olympische Dorf wird der Bevölkerung zurückgegeben, die Metro wurde gebaut, auch in andere Infrastrukturmaßnahmen investiert. Man muss auch fragen: Was bringen IOC, Sportler und Besucher in das Land in den nächsten drei Wochen? Mal abgesehen von der fiskalischen Rendite: Wir kooperieren beispielsweise eng mit der deutschen Schule in Rio. Das heißt, da wird der interkulturelle Austausch gefördert. Klar, das Land ist arg gebeutelt. Aber man muss auch sehen: Brasilien hat alles gegeben. Der Funke wird auf Olympia überspringen.

Etwa 80 000 Sicherheitskräfte, mehr als 2012 bei den „Sicherheitsspielen“ in London, sind im Einsatz. Werden wir „sichere Spiele“ in Rio erleben?

Weiss: Ich hoffe fest darauf. Ich hoffe, dass nichts passiert. Natürlich gibt es ein erhöhtes Gefährdungspotenzial, die Sicherheitslage in der Welt ist eine andere geworden. Aber es gibt auch höhere Sicherheitsvorkehrungen.

Na ja, unbeschwert geht eben doch anders. Aber reden wir über das deutsche Team. Was ist das Ziel?

Weiss: Wir wollen möglichst viele Finalplätze, das heißt nicht nur Plätze von eins bis drei, sondern von eins bis acht. Wenn jemand wegen eines verpassten Korbes oder eines Tores oder einer Tausendstelsekunde an einer Medaille vorbeischrammt, sagt das ja nicht unbedingt etwas über seine trotzdem vorhandene Klasse aus. Aber konkret: 32 bis 36 Medaillen sollten möglich sein. Das wäre für mich ein gutes Ergebnis.

In London 2012 wurden die „Zielvorgaben“ noch arg kritisiert. Die Sportverbände fühlten sich zu Recht arg unter Druck gesetzt. Was ist nun anders?

Weiss: Wir sagen, wir wollen möglichst Höchstleistungen. Es ist der Druck aus dem Innenministerium da, aber nicht in dem Sinn, dass eine bestimmte Anzahl von Medaillen gefordert wird. Das Ministerium ( entscheidet letztlich auch über die finanzielle Förderung der Sportfachverbände, d. Red. ) blickt viel mehr analytisch auf die Ergebnisse. Im Herbst liegt die neue Leistungssportreform auf dem Tisch. Und dann muss man EM-, WM- und Olympia-Bewertungen vornehmen. Wir gehen da also schon unter einem gewissen Druck rein. Das ist aber ok. Es gibt aber keinen sogenannten Zielkorridor.

Die Golfer scheinen in Rio besonders viel Angst vor der Mücke zu haben. Fast die komplette Weltspitze sagte ab – eine verständliche Reaktion auf das Zika-Virus?

Weiss: Dafür habe ich null Verständnis; nach dem westfälischen Motto: Wer nicht will, der hat schon. Der Golfsport hat damit eine große Chance vertan. Tut mir leid für die deutschen Sportler, die sich unglaublich mühen.

WN-Special

Das Publikum in London war fantastisch. – Was erwarten Sie vom brasilianischen?

Weiss: In London waren die Zuschauer in der Tat klasse. In Brasilien erwarte ich Gleiches – mit noch mehr Flair, Enthusiasmus und Charme. Wir haben es im Fußball erlebt, wie emotional die brasilianischen Fans sind. Ich hoffe, gleich von der Eröffnungszeremonie ginge eine Initialzündung aus.

Was wird denn Ihr persönliches Highlight in Rio?

Weiss: Das kann ich vorher eigentlich gar nicht so sagen. Ich freue mich auf Basketball und auf viele Gespräche, beispielsweise im Jugendlager der Sportjugend.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4199667?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F3661143%2F203%2F4843631%2F4843636%2F
Gedenken an die Morde von Hanau
Rassistischer Anschlag: Gedenken an die Morde von Hanau
Nachrichten-Ticker