TV-Experiment
Boxen kehrt nach neun Jahren ins ZDF zurück

Doppelt so viel TV-Zuschauer wie bei der Fußball-Nationalmannschaft - das gab es in den besten Zeiten des Boxens. Nach langer Pause schlägt das ZDF nun wieder zu und wagt einen Test mit dem früheren Quoten-Garanten.

Donnerstag, 07.11.2019, 11:22 Uhr aktualisiert: 07.11.2019, 11:26 Uhr
Artem Harutyunyan tritt im Superleichtgewicht gegen den Russen Dumanov an.
Artem Harutyunyan tritt im Superleichtgewicht gegen den Russen Dumanov an. Foto: Christian Charisius

Berlin (dpa) - Die Zahl klingt noch immer unglaublich: 18,03 Millionen. So viele Menschen saßen am Abend des 9. Dezember 1995 vor dem Fernseher, um zwei prügelnden Männern zuzuschauen.

Als Axel Schulz und Frans Botha boxten, hatten sagenhafte 68 Prozent aller deutschen TV-Zuschauer RTL eingeschaltet. Solche Traum-Quoten beflügeln noch immer die Fantasie der Fernsehmacher.

Jetzt wagt das ZDF einen neuen Anlauf. Nach mehr als neun Jahren Pause und dem bescheidenen Box-Abschied mit Sebastian Zbik gegen Jorge Heiland am 31. Juli 2010 mit 2,72 Millionen Zuschauern steigt der öffentlich-rechtliche Sender wieder den Ring. In der Nacht zum Sonntag überträgt das ZDF den Kampf des kaum bekannten Artem Harutyunyan gegen den noch weniger bekannten Islam Dumanov.

«Es ist ein Experiment mit vorläufig zwei Boxabenden», erklärt ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann. Der Boxstall Universum habe «eine überzeugende Idee vorgestellt, und wir versuchen auszuloten, ob der Box-Sport in Deutschland noch ein Publikum findet».

Zweistellige Millionen-Zahlen wie zu den besten Zeiten von Henry Maske und den Klitschkos erwartet niemand. Vor fast 30 Jahren begann das jahrelange Hoch des TV-Boxens. Promoter und Kämpfer kassierten damals Millionen von den Sendern, die sich um die Übertragungsrechte förmlich rissen. ARD, ZDF, RTL, Sat.1, Premiere - alle großen Sender hatten Faustkämpfe im Programm.

Um die Begeisterung zu erklären, bietet sich ein Vergleich mit dem Fußball an, der unumstrittenen TV-Nummer eins. 9,15 Millionen wie bei der erfolgreichsten ZDF-Übertragung (Wladimir Klitschko gegen Corrie Sanders am 8. März 2003), das entspricht der Zuschauerzahl eines durchschnittlichen Länderspiels.

Schulz und die Klitschko-Brüder kamen später bei RTL sogar auf doppelt so hohe Werte. Diese Rekordzahlen sind seit mehr als einem Jahrzehnt unangefochten. Noch 2009 waren unter den vier erfolgreichsten Sport-Übertragungen des Jahres drei Boxkämpfe.

Danach ging es abwärts. Früher gab es «Top-Namen auf Top-Niveau», sagt Zeljko Karajica, Sport-Geschäftsführer bei ProSiebenSat.1. «Heute haben wir leider eine komplett andere Situation im deutschen Boxsport. Vergleicht man es mit Fußball, ist es in etwa so, als würde keine deutsche Mannschaft in der Champions League spielen.» Boxen gibt es bei ProSiebenSat.1 nicht mehr im Fernsehen, sondern nur im Internet (ranfighting.de).

Das ZDF stieg 2010 aus, die ARD Ende 2014. RTL verabschiedete sich als letzter großer Sender am 30. April 2017 mit dem Klitschko-Abschiedskampf, der noch einmal 9,60 Millionen Zuschauer vor den TV-Schirm lockte.

«Es ist kein Geheimnis, dass bei den Räten ein mehrheitlich kritisches Verhältnis zum Boxsport besteht», sagte Programmdirektor Volker Herres zum ARD-Abschied. Er sprach von zum Teil «schroffer Ablehnung» innerhalb der Aufsichtsgremien.

ZDF-Chefredakteur Peter Frey hatte das Ende des seit 2002 bestehenden Fernseh-Vertrages mit Universum unter anderem mit begrenzten finanziellen Möglichkeiten begründet. Jetzt sagt der Sportchef des Zweiten zum Box-Comeback: «Es ist ein programmliches Experiment, kein finanzielles. Wir investieren keine großen Summen.» Wie viel das ist, verriet er nicht. Aber Millionen von Euro, wie sie früher üblich waren, zahlt des ZDF ganz sicher nicht.

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