Corona-Krise
Stimmung dreht sich im Eishockey - Druck auf DEL wächst

Der Frust im deutschen Eishockey und die Kritik an der DEL werden immer lauter. DEB und Spieler befürchten, dass vieles vom Aufschwung wieder zerstört wird. Das Unverständnis, dass die DEL als einzige große Teamsport-Liga in der Corona-Krise nicht starten kann, wächst.

Dienstag, 06.10.2020, 12:50 Uhr aktualisiert: 06.10.2020, 12:52 Uhr
Nationalmannschafts-Kapitän Moritz Müller regt angesichts der akuten wirtschaftlichen Probleme der DEL-Clubs Hilfe von TV-Partnern an.
Nationalmannschafts-Kapitän Moritz Müller regt angesichts der akuten wirtschaftlichen Probleme der DEL-Clubs Hilfe von TV-Partnern an. Foto: Monika Skolimowska

Neuss (dpa) - Das Wort «historisch» fällt in Bezug auf das deutsche Eishockey derzeit häufig. Seit der olympischen Silbermedaille 2018 ist der Begriff eigentlich positiv besetzt.

Es geht voran, was auch Leon Draisaitls Aufstieg zum aktuell als weltbesten Spieler gehandelten NHL-Profi zeigt. Zudem zählen beim NHL-Draft gleich drei Spieler - Tim Stützle, John Jason Peterka und Lukas Reichel - zu den besten Talenten, um die sich Teams reißen. Das gab es so noch nie.

In der Deutschen Eishockey Liga droht jedoch ein historisch negatives Szenario: Die Absage einer kompletten Spielzeit. DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke wehrt sich dagegen, ausschließen kann er dies angesichts der Coronakrise aber nicht. Und so mehren sich die Sorgen.

Bundestrainer Toni Söderholm sieht den Aufschwung des Nationalteams in Gefahr und warnt vor «katastrophalen» Folgen. Auch DEB-Kapitän Moritz Müller «spürt einen großen Imageverlust» und Daniel Hopp, Vizepräsident des Deutschen Eishockey-Bundes und Adler-Mannheim-Chef, klagt in den «Eishockey News»: «Die Sportart als Ganzes hat sich aber super entwickelt und eine gesellschaftliche Bedeutung. Es ist unheimlich schade, dass uns das wie Sand durch die Finger rieselt.»

Für die Coronakrise kann die Liga freilich nichts. Doch die Kritik am Krisen-Management und der Kommunikation wächst. In der während der Coronakrise gegründeten Spielergewerkschaft SVE gibt es einen neuen Akteur, der ein gewichtiges und vernehmbares Wörtchen mitredet. Plötzlich gibt es öffentlich Gegenwind für Tripcke und die Liga, die im März zu Beginn der Krise als erste die Saison nach der Hauptrunde abgebrochen hatte. Damals wurde die DEL für ihre Konsequenz gelobt.

Inzwischen steht sie im Vergleich mit anderen Teamsport-Ligen in Deutschland isoliert da. Ob im Fußball, Handball, Basketball - überall haben sich die Top-Ligen mit den Gegebenheiten arrangiert und sind trotz der Zuschauer-Einschränkungen wieder in den Spielbetrieb gestartet oder werden dies in Kürze tun. Die DEL hingegen verschob den Saisonstart schon zum zweiten Mal. Als mögliches neues Startdatum wabert unbestätigt der 18. Dezember umher. «Das ist für mich vage ausgedrückt. Ich weiß ja nicht, was sich bis dahin verändern soll», schimpft DEB-Kapitän und SVE-Mitbegründer Müller: «Ich hätte mir schon Alternativkonzepte gewünscht, auch mehr Innovation.»

Seit März und dem Hinweis, dass die Clubs angesichts eines 80-prozentigen Anteils der Ticketeinnahmen am Umsatz ohne Zuschauer nicht spielen können, ist viel Zeit vergangen. Die Spieler wurden von der Liga zu einem 25-prozentigen Gehaltsverzicht genötigt, die meisten von ihnen befinden sich immer noch in Kurzarbeit. Geholfen hat das nicht. Es fehlen laut Liga insgesamt 60 Millionen Euro.

Im Sommer lizenzierte die DEL die Clubs zudem auf der kalkulierten Grundlage, dass ab September wieder in vollen Stadien gespielt werden dürfe. Die Rechnung ging nicht auf. Aktuell sind maximal 20 Prozent der eigentlichen Zuschauer-Kapazitäten zugelassen. Immer noch zu wenig. «Wie viel Zeit ist verstrichen ohne ein klares Konzept, wie man einen geregelten Spielbetrieb aufstellen kann?», kritisierte Müller.

In der DEL wundert man sich dagegen, warum Handballer und Basketballer trotz genauso defizitären Ausgangslage in die Saison starten. «Ein Start ohne verlässliche Perspektive auf Zuschauer ist für die DEG fahrlässig und existenzbedrohend. Ab Saisonstart entstehen sofort hohe laufende Kosten. Wir haben dann fast hundertprozentige Ausgaben, aber kaum planbare Einnahmen», sagte etwa der Geschäftsführer der Düsseldorfer EG, Stefan Adam.

Die Abhängigkeit der DEL von Ticketverkäufen ist allerdings auch noch größer als im Handball oder Basketball. In keiner Liga außerhalb des Fußballs ist das Zuschaueraufkommen größer als in der DEL. Im Eishockey sind die Kader zudem teils deutlich größer und die Aufwendungen für den Betrieb der Eishallen höher.

Tripcke reagierte auf den Gegenwind zuletzt genervt: «Letztlich ist es sehr leicht daher gesagt, denn an Corona gibt es keine Schuldigen und solche Äußerungen bringen uns nicht weiter.» Aus der Liga ist er keine Kritik gewohnt, die Clubs stehen fest zu ihm. Auch ohne Saison.

© dpa-infocom, dpa:201006-99-841077/4

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