Fußball Nachrichten
Kleine Schritte aus der Krise - FIFA öffnet Akten

Freitag, 21.10.2011, 00:10 Uhr

Zürich - Mit kleinen Schritten aus der größten Krise der Geschichte: Der korruptionsgeschädigte Fußball-Weltverband setzt zur Aufarbeitung seiner Skandale auf die Hilfe externer Experten und gewährt nach jahrelanger Weigerung nun doch Einblick in die brisanten ISL-Gerichtsakten. «Vielleicht gibt es einige Menschen in der FIFA , die korrupt sind, aber die Institution FIFA ist nicht korrupt», sagte Verbandschef Joseph Blatter in Zürich. Einen Rücktritt schloss er nach der zweitägigen Krisensitzung der FIFA-Regierung aus; mit einem Zwei-Jahres-Plan will er dem Verband das Überleben sichern. «Ich hoffe, wir schaffen es schon vorher, den guten Ruf wieder herzustellen und wieder glaubwürdig zu sein», sagte Blatter. Die Revolution blieb aus, aber immerhin wurden erste Reformen eingeleitet. In einem sogenannten Good Governance Komitee werden externe Experten wie Juristen, Sponsoren oder Politiker vertreten sein, sollen Verfehlungen der Vergangenheit aufdecken und Maßnahmen für die Zukunft entwickeln. Das Gremium, von Blatter nach seiner skandalumtosten Wiederwahl Anfang Juni als Lösungskommission initiiert, soll noch in diesem Jahr mit den Aufräumarbeiten beginnen. «Die FIFA hat die Kurve gekriegt, aber jetzt geht die Arbeit los», sagte Sylvia Schenk, Vorstandsmitglied von Transparency International. Vier weitere Arbeitsgruppen werden geschaffen, die die FIFA aus der schlimmsten Krise ihrer 107-jährigen Geschichte führen sollen. Korruptionsvorwürfe gegen mehrere Top-Funktionäre und der Verdacht auf Bestechung bei der umstrittenen WM-Vergabe an Russland (2018) und Katar (2022) hatten den Verband in Schieflage gebracht. Den Vorsitz des Gremiums zur Überprüfung der Statuten übernimmt DFB-Präsident Theo Zwanziger . «Ich denke, dies ist eine wichtige, verantwortungsvolle, zukunftsorientierte und sicher auch meinen Stärken entsprechende Aufgabe», erklärte der Chef des Deutschen Fußball-Bundes. Als weitere Konsequenz aus den Skandalen der Vergangenheit wird das Ethikkomitee umgebaut. In Zukunft wird es zwei getrennte Kammern geben: Anklage und Gericht. Zudem gab Blatter bekannt, dass die FIFA nach jahrelanger Weigerung nun doch Einblick in die Akten aus der ISL-Bestechungsaffäre gewähren werde. Damit könnten die Namen von hochrangigen Funktionären und FIFA-Vorständlern publik werden, die von der mittlerweile bankrotten Vermarktungsagentur ISL bestochen worden sein sollen und bis heute anonym geblieben sind. «Der Fall ISL hat schon viel Unruhe verursacht. Heute hat das Exekutivkomitee auf meine Bitte beschlossen, diese Akte zu öffnen. Das ist eine Akte mit rechtlichen Auswirkungen, und wenn Maßnahmen zu ergreifen sind, wird das nicht das Exko tun, sondern eine externe Organisation», erklärte der 75 Jahre alte Schweizer. Bei den Beschuldigten soll es sich um die Exko-Mitglieder Ricardo Teixeira (Brasilien), Nicolás Leoz (Paraguay) und Issa Hayatou (Kamerun) handeln. Auch der Name des früheren FIFA-Präsidenten Joao Havelange soll in den brisanten Akten auftauchen. Alle Betroffenen bestreiten die Vorwürfe. Ob nun aus freien Stücken oder erzwungen, dieser Schritt Blatters ist mehr als nur ein symbolischer Akt. Eine Stunde lang saß der kleine Mann aus dem Wallis am Freitagnachmittag auf dem Podium und versuchte, Überzeugungsarbeit in eigener Sache zu leisten. Aufgeben werde er nicht, beschied er einem britischen Fragesteller. «Ich bin gewählt worden und wurde beauftragt, die FIFA wieder in Ordnung zu bringen. Ich habe überhaupt nicht die Absicht zurückzutreten», sagte er. «Sie werden immer irgendwo in der FIFA Doping, Gewalt, Rassismus oder Korruption finden, aber wir arbeiten daran», sagte Blatter, als er um 15.03 Uhr vor die Presse trat. Im Dezember soll bekannt sein, welche 15 bis 18 Experten die neu geschaffene Kommission bilden. Henry Kissinger oder Placido Domingo, deren Namen nach dem FIFA-Kongress Anfang Juni kolportiert wurden, werden es jedenfalls nicht sein. Stattdessen will Blatter unter anderen einen aktuellen Politiker, Juristen, Sponsoren, Spieler, Vereinsvertreter oder auch Schiedsrichter versammeln. «Dieses Komitee ist eine Überwachungsinstanz und hat vor allem dafür zu sorgen, dass die Reformen, die der Kongress verlangt hat, insbesondere Transparenz und null Toleranz, durchgeführt werden. Es muss, wenn nötig, Anti-Korruptionsmaßnahmen vorschlagen und eine Meinung abgeben, damit der Fußball wieder den von ihm verdienten Platz einer Weltinstitution einnehmen kann», erklärte Blatter. Der Zwei-Jahres-Plan der FIFA im Überblick: - Nach jahrelanger Weigerung gewährt die FIFA nun doch Einblick in die brisanten ISL-Gerichtsakten. Damit können die Namen von hochrangigen FIFA-Vorständlern publik werden, die von der mittlerweile bankrotten Vermarktungsagentur ISL bestochen worden sein sollen und bis heute anonym geblieben sind. - Ein sogenanntes Good Governance Komitee mit externen Experten (unter anderen Juristen, Sponsoren, Politiker) soll als «Überwachungsinstanz» den Reformprozess begleiten und - wenn nötig - Anti-Korruptionsmaßnahmen vorschlagen. Die 15 bis 18 Mitglieder sollen noch in diesem Jahr ihre Arbeit aufnehmen. - vier weitere Arbeitsgruppen: - Statutenrevision unter dem Vorsitz von DFB-Präsident Theo Zwanziger - Ethikkommission unter dem Vorsitz von Claudio Sulser (Schweiz) - Transparenz und Überwachung unter dem Vorsitz von Juan Angel Napout (Paraguay) und Frank van Hattum (Neuseeland) - Task Force Football 2014 unter dem Vorsitz von Franz Beckenbauer - Das Ethikkomitee wird umgebaut. In Zukunft wird es zwei getrennte Kammern geben: Anklage und Gericht. Das neu formierte FIFA-Exekutivkomitee: Das Exekutivkomitee des Fußball-Weltverbandes FIFA ist die sogenannte Weltregierung des Fußballs. 24 Mitglieder gehören dem Gremium insgesamt an, darunter als deutscher Vertreter DFB-Präsident Theo Zwanziger. Das Komitee wird durch den FIFA-Präsidenten geleitet. Bei der zweitägigen Sitzung in Zürich waren 20 Exko-Mitglieder vertreten. Die ständigen und operativen Ausschüsse beraten und unterstützen das Gremium in seiner Arbeit. Mitglieder sind der FIFA-Präsident, acht Vizepräsidenten und 15 Mitglieder. Nach den jüngsten Korruptionsskandalen hat es einige personelle Veränderungen gegeben. Das Exekutivkomitee legt die Termine, Spielorte und Formate der FIFA-Wettbewerbe fest, beruft die FIFA-Delegierten für die Regelhüter des International Football Association Board und ist für die Ernennung/Abberufung des Generalsekretärs zuständig. Aktuelle Mitglieder des Gremiums sind: - FIFA-Präsident Joseph Blatter (Schweiz) - die Vize-Präsidenten: Julio Grondona (Argentinien), Issa Hayatou (Kamerun), Ángel María Villar Llona (Spanien), Michel Platini (Frankreich), David Chung (Papua-Neuguinea), Prinz Ali bin Al Hussein (Jordanien), Jim Boyce (Nordirland)* - die weiteren Mitglieder: Michel d'Hooghe (Belgien), Ricardo Teixeira (Brasilien), Senes Erzik (Türkei), Chuck Blazer (USA), Worawi Makudi (Thailand), Nicolás Leoz (Paraguay), Marios Lefkaritis (Zypern), Jacques Anouma (Elfenbeinküste), Rafael Salguero (Guatemala), Hany Abo Rida (Ägypten), Witali Mutko (Russland), Mohamed Raouraoua (Algerien), Manilal Fernando (Sri Lanka), Theo Zwanziger (Deutschland), Zhang Jilong (China) * der Posten des zurückgetretenen Vize-Präsidenten Jack Warner (Trinidad & Tobago) ist noch nicht wieder besetzt

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