Fußball
Donnern an Brasiliens WM-Front

Brasília (dpa) - Beim WM-Gastgeber Brasilien geht es drunter und drüber. Erst der eskalierende Streit mit der FIFA - und dann kommt dem Land des Rekordweltmeisters der umstrittene Verbands-Präsident abhanden. Zumindest vorläufig.

Freitag, 09.03.2012, 10:03 Uhr

Fußball : Donnern an Brasiliens WM-Front
Brasiliens Verbandspräsident Ricardo Teixeira hat sich aus gesundheitlichen Gründen beurlauben lassen. Foto: Antonio Lacerda Foto: dpa

Ricardo Teixeira gehört nicht zu den großen Sympathie-Figuren des brasilianischen Fußballs . Aber er ist mächtig und seit fast einem Vierteljahrhundert Präsident des nationalen Fußballverbandes CBF. Seit Wochen wird über den Rücktritt des Top-Funktionärs spekuliert, der sich seit Jahren gegen Korruptionsvorwürfe zu Wehr setzen muss. Nun ließ er sich aus gesundheitlichen Gründen auf zunächst unbestimmte Zeit beurlauben.

Dabei hat das Land des fünffachen Fußball-Weltmeisters derzeit mehrere Baustellen zu bearbeiten. Mit Not und viel Diplomatie wurde gerade die größte Krise zwischen dem Gastgeber der WM 2014 und dem Fußball-Weltverband entschärft, die ausgelöst wurde durch unbedachte Worte des FIFA-Generalsekretärs Jérôme Valcke. Der Franzose hatte den Organisatoren ob der tatsächlich schleppenden Vorbereitungen für die WM einen «Tritt in den Hintern» anempfohlen und damit bei den stolzen Brasilianern ein Sturm der Entrüstung ausgelöst.

Doch die Kuh ist seit Donnerstag vom Eis. Denn die Regierung nahm die Entschuldigungen von FIFA-Präsident Joseph Blatter und Valcke gnädig an. «Im Hinblick auf ihre Korrespondenz, ..., teile ich mit, dass ich Ihre Bitte um Entschuldigung im Namen der brasilianischen Regierung akzeptiere», schrieb Sportminister Aldo Rebelo an Blatter. Und auch Valcke würdigte der erst seit einigen Monaten amtierende Minister mit einem Zwei-Zeilen-Brief: «... Ihre Entschuldigungen wurden akzeptiert». Und dann stellte er Blatter noch eine «Audienz» bei Präsidentin Dilma Rousseff in Aussicht. Der Termin ist offen.

Zumindest Teixeira dürfte bei dem Besuch nicht zugegen sein. Brasilianische Medien veröffentlichten ein Schreiben des CBF-Präsidenten, in dem er den regionalen Verbänden mitteilte, dass sein Vize José Maria Marin vorübergehend die Präsidentschaft des CBF übernehme. Die Unterschrift: «Hochachtungsvoll Ricardo Terra Teixeira, Präsident». Der Chef des Fußballverbandes von São Paulo, Marco Polo Del Nero, sagte: «Wenn es einem gesundheitlich nicht gut geht, muss man sich um die Gesundheit kümmern. Er hat um Beurlaubung gebeten.»

Die Auszeit darf zunächst maximal 60 Tage dauern. Dreimal kann der CBF-Präsident eine derartige Beurlaubung nehmen. Erst im Dezember/Januar hatte der 64-Jährige davon Gebrauch gemacht. Medien spekulieren seitdem über seinen bevorstehenden Rücktritt. Teixeira hat wenig Rückhalt bei der Regierung und auch bei FIFA-Präsident Blatter ist er in Ungnade gefallen. Blatter hatte Ende vorigen Jahres angekündigt, möglicherweise Dokumente zu veröffentlichen, die Teixeira belasten könnten. Doch in Brasilien weiß man auch, dass der Zuschlag für die WM 2014 Teixeira zu verdanken ist.

Ein Abgang des Präsidenten dürfte dennoch für einige willkommen sein. Vor allen der Ex-Fußballstar und heutige Abgeordnete Romário fordert unermüdlich dessen Rücktritt. Unklar ist, ob sich der Fußball-Boss auch von seinen Funktionen als Präsident des WM-Organisationskomitees beurlauben lässt. Dort sitzt er gemeinsam mit den ehemaligen Stars Ronaldo und Bebeto im Aufsichtsrat. Den Großteil der Öffentlichkeitsarbeit für die WM 2014 hatte er vorher bereits an Ronaldo abgegeben.

Bislang wies Teixeira alle Gerüchte um einen endgültigen Abschied vom CBF-Posten zurück. Nach 23 Jahren und zwei Monaten an der Spitze eines der mächtigsten nationalen Fußballverbände kennt er alle Schliche. Auch dürfte er viel von seinem Ex-Schwiegervater João Havelange gelernt haben, der die FIFA 24 Jahre lang als Präsident mit eiserner Hand führte und heute deren Ehrenpräsident ist. Beide sollen im Zuge des Korruptionsskandals um die 2001 in Insolvenz gegangene Sportvermarktungsagentur ISL Schmiergelder in Millionenhöhe erhalten haben. Beide wiesen die Anschuldigungen stets zurück.

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