„Das ist eben kein Schickimicki-Verein“
Einmalig: Drei Regierungspräsidenten sind Fans des FC Schalke 04

gelsenkirchen -

Die Frage war ernst gemeint, aber im Scherz gestellt: „Ist es Voraussetzung, Schalke-Fan zu sein, um in Münster Regierungspräsident zu werden?“ Die Antwort darauf bleiben Dr. Jörg Twenhöven, Dr. Peter Paziorek und Prof. Dr. Reinhard Klenke nicht lange schuldig. Die drei Juristen mit CDU-Parteibüchern füllten und füllen seit 1995 das höchste Amt im Regierungsbezirk aus – und alle drei bezeichnen den FC Schalke 04 als ihre fußballerische Herzensangelegenheit. Unser Redaktionsmitglied Jürgen Beckgerd unterhielt sich mit den Politikern über Fußball, Fans und Fan-Sein, über Schalke als Religion, den noch nicht beendeten Strukturwandel im Revier und kommunalen Finanzausgleich.

Sonntag, 08.07.2012, 13:07 Uhr

„Das ist eben kein Schickimicki-Verein“ : Einmalig: Drei Regierungspräsidenten sind Fans des FC Schalke 04
Eine wohl einmalige Konstellation: Drei Regierungspräsidenten und zugleich Schalke-Anhänger in der Gelsenkirchener Arena: Amtsinhaber (v. l.) Reinhard Klenke (aktuell), Jörg Twenhöven (1995 bis 2007) und Peter Paziorek (2007 bis 20011). Foto: Jürgen Peperhowe

Also, Herren Regierungspräsidenten: Muss man denn, um in Münster Regierungspräsident zu werden, Schalke-Fan sein?

Prof. Dr. Reinhard Klenke : Im Gesetz steht es nicht, aber Schalke ist der Verein des Regierungsbezirks und ist es wert, dass man mit ihm sympathisiert.

Herr Dr. Paziorek , Sie sind sogar Mitglied beim FC Schalke 04 .

Dr. Peter Paziorek: Ja, schon seit den 1970er Jahren.

Dr. Twenhöven, die Konstellation in der obersten Etage des Amtsgebäudes am münsterischen Domplatz ist bemerkenswert, oder?

Dr. Jörg Twenhöven: Als ich kam, war mein Vorgänger nicht im FC Schalke 04, der hatte mich sogar dazu gemahnt, zum Verein auf Distanz zu gehen. Er hatte gehört, dass die Schalker etwas Großes vorhatten, die Arena zu bauen. Da drohten Konflikte als Chef der Genehmigungsbehörde. Ich musste Distanz wahren. Als ich dann nach dem Ausscheiden aus dem Dienst doch dem FC Schalke beitrat, wurde mein Beitrittsdatum rückdatiert, auf das Datum, als die Arena fertig war.

Herr Dr. Klenke, Herr Paziorek. Sie sind in Gelsenkirchen geboren. Wird man eigentlich automatisch zum Fan?

Klenke: Ich bin da reingewachsen, ja. Ich bin schon die dritte Generation, mein Sohn die vierte. Es war üblich, dass man zu Schalke hielt. Ich habe kürzlich eine Veranstaltung besucht, bei der ich mich erstmals mit Willi Koslowski (Nationalspieler in den 60ern, d. Red.) und anderen unterhalten habe. – Also mit den Spielern, zu denen ich damals aufgeschaut hatte. Beeindruckend.

Paziorek: Bei mir war das ganz einfach. Mein Vater hat mich mitgenommen damals in die Glückaufkampfbahn. Ich weiß noch, wie die Nachbarn sagten: Paul, hast du deinen Sohnemann wieder dabei? Damals war ich acht Jahre alt. Das erste Spiel, an das ich mich wirklich erinnern kann, war die TV-Übertragung der Deutschen Meisterschaft 1958. Das Wohnzimmer war brechend voll. Ich saß in der ersten Reihe ...

... mit anderen Worten: Sie hatten eine glückliche Kindheit?

Paziorek: Ja.

Was hat Sie denn damals überhaupt bewogen, Mitglied zu werden, Fan zu werden?

Paziorek: Ganz einfach: Ich spielte damals bei BG Eurovia Buer. Irgendwann hatte der Verein keine Mittel mehr, um in der 2. Basketball-Bundesliga zu bestehen. Ich bat als Mitglied der Jungen Union unseren Oberstadtdirektor um Unterstützung. Und der verwies mich an den damaligen Schalke-Präsidenten Günter Siebert. Und siehe da: Die Basketballer wurden in den Verein aufgenommen. Bei einer Mitgliederversammlung 1980 habe ich dann meine juristischen Bedenken gegen das Verfahren bei der Wahl des Vorstandes kundgetan. Viele haben laut gebuht, andere waren der Ansicht, den jungen Kerl müssen wir für die Mitarbeit beim FC Schalke 04 gewinnen ...

Auf Schalke heißt es immer, Schalke sei eine Religion.

Herr Dr. Twenhöven: ich weiß, dass Sie eine katholische Ausbildung genossen haben. Wie gehen Sie damit um? Twenhöven: Herrlich. Die Leute sind herzlich und freuen sich. Also, wenn Sie hier nach einem Schalke-Sieg ,Großer Gott wir loben Dich’ anstimmen würden, würde das ganze Stadion mitsingen.

Die oft zitierte Liebe zum Verein: Können Sie die definieren?

Klenke: Ich komme ja aus Gelsenkirchen. Und Schalke spielt ja für die ganze Region eine große Rolle. Der Verein hat ja auch im Münsterland sehr viele Anhänger. Da fällt mir die Sympathie natürlich umso leichter. Wenn Sie im Ausland sind und gefragt werden, wo sie herkommen: Die Identifikation über Schalke ist einfacher als über Städtenamen. Kennzeichnend für das Ruhrgebiet und für das Münsterland ist ja auch, dass da nicht der ganz große Pomp aufgefahren wird. Sympathisch eben.

Twenhöven: Schalke ist eben kein Schickimicki-Verein. Das gefällt mir so sehr.

Paziorek: Das kann ich nur unterschreiben. Aber als Stadtdirektor in Beckum, so um 1989, durfte ich natürlich nicht für den Verwaltungsrat auf Schalke kandidieren. Das hätte nicht gut ausgesehen bei den ganzen Attacken, die damals im Verein geritten wurden. Aber bei der Neuorientierung des Vereins, so ab 1992/93, war ich wieder dabei. Bei jedem neuen Amt, das ich angetreten habe, sagte ich meinen Mitarbeitern: Ich kann zu den Auswärtsspielen bei dringenden Terminen nicht mitfahren. Aber zu den Heimspielen muss ich mittags fertig sein. Und jetzt sagt sogar meine Frau, da hat sich vieles positiv entwickelt. Sie hatte immer noch das desolate Bild aus den Achtzigerjahren im Kopf ...

Twenhöven: ... da gab es diese chaotischen Versammlungen. Da konnte jeder aufstehen und draufhauen...

Ein Leben lang, blau und weiß ein leben lang, wird so schön gesungen: Können Sie sich vorstellen, einmal einem anderen Verein die Daumen zu drücken?

Klenke: Preußen Münster ...

Paziorek: ... ich schaue auch auf die Ergebnisse von Preußen Münster.

Twenhöven: Also, ich bin öfter auf Schalke als bei Preußen Münster ...

Klenke: Seitdem ich in Münster bin, halte ich auch zu den Preußen. Ich bin aber mal gefragt worden, was passiert, wenn beide im Pokal gegeneinander spielen. Ich habe gesagt, dann halte ich zu Schalke.

Paziorek: Apropos: Neben der emotionalen Verbindung muss ein Amtsinhaber immer auch die Distanz achten. Ich bin 2005 als Parlamentarischer Staatssekretär aus dem Verwaltungsrat ausgeschieden. Ich konnte nicht weiter in Entscheidungsgremien bei Schalke tätig sein. Ich habe mich auch mal für befangen erklärt, um vor dem Landtag gar nicht dem Vorwurf ausgesetzt zu werden, wir seien bei der Bezirksregierung nicht unabhängig.

Ultras und Hooligans machen der Bundesliga verstärkt Probleme. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Paziorek: Man darf das nicht schönreden. Aber es wird auch vorbeugende Arbeit geleistet. Vor allem auch durch die Fan-Clubs. Dass es eine neue Stufe von Gewalt durch Hooligans gibt, ist eine Entwicklung. Da ist auch der FC Schalke 04 gefordert, frühzeitig darauf zu achten, neue Strukturen zu schaffen und eventuelle Entwicklungen abzuschwächen Bei Ultras muss man indes unterscheiden. Ich kenne 60-Jährige, ehemalige Studenten der Unis in Münster und Bochum. Das sind unbescholtene Mitglieder von Ultra-Fan-Clubs. Die haben überhaupt nichts mit Schlägergruppen zu tun.

Twenhöven: Ich habe mich in den letzten Jahren leider auch mal über Preußen Münster ärgern müssen. Was da in Osnabrück (Böllerwurf, d. Red.) abgelaufen ist, dafür habe ich mich zutiefst geschämt. Ich kann mich nicht erinnern, dass das in Schalke schon mal so abgelaufen ist.

Sie sind alle Juristen: Ist das Strafgesetzbuch ein gutes Argument, der Randale Herr zu werden?

Klenke: Die strafrechtliche Bewertung setzt relativ spät ein. Ich glaube, man muss viel mehr vorbeugen.

Es gab so viele Aufs und Abs – Bestechungsskandal, die Vier-Minuten-Meisterschaft, dann die Tragik um Rudi Assauer und Ralf Rangnick, 54 Jahre keine Meisterschaft: Ist Schalke ein Verein, der menschelt, und zu großem Glanz nicht in der Lage ist?

Twenhöven: Das ist doch das, was ihn so attraktiv macht. Zu menscheln und trotzdem tolle Leistungen hervorzubringen. Bayern München ist da ein anderes Beispiel: wenn die nicht Erster werden, trauern die.

Paziorek: Man muss sich das aber auch mal vorstellen, Schalke gehört zu den zehn umsatzstärksten Vereinen in Europa. Und wie schaffe ich es, trotz der wirtschaftlichen Notwendigkeiten und des Einflusses von Ratingagenturen beizubehalten, was eben angesprochen wurde? Es war ein wahnsinniger Schritt in der Vereinshistorie, dieses Stadion zu bauen. Man muss aufpassen, die betriebswirtschaftlichen Aufgaben zu schultern, ohne das besagte Image zu beschädigen.

Erinnern Sie sich, dass Sie einmal die Contenance verloren haben auf Schalke?

Klenke: Klar, die Vier-Minuten-Meisterschaft. Ich saß im Auto und als sie vorne lagen, habe ich erst mal sinnloserweise die Hupe gedrückt. Als das Endergebnis feststand, war die Enttäuschung umso größer. Paziorek: Ja, diese vier Minuten habe ich gelitten ...

Twenhöven: Was mich berührt hat, war die Stadion-Eröffnung. Nach der Feier saßen der damalige OB, Oliver Wittke, Geschäftsführer Peter Peters und ich auf der Tribüne. Da sagte Wittke: Komm Peter, spiel noch mal „We are the Champions“. Wir waren mutterseelenallein im Stadion, als er die Musik spielte. Das war ein unbeschreibliches Gefühl, da hatte ich eine Träne im Auge.

Gelsenkirchen hat den Strukturwandel längst nicht abgeschlossen. Droht die Stadt im Vergleich zu anderen Ruhrgebietsstädten abgehängt zu werden?

Klenke: Wir haben im Regierungsbezirk fast 2,6 Millionen Einwohner, in der Emscher-Lippe-Region sind es rund eine Million. Gelsenkirchen spielt im Regierungsbezirk eine große Rolle, weil es nach Münster die zweitgrößte Stadt ist. Gelsenkirchen hat gute Potenziale, darauf baue ich. Im Übrigen: Schalke scheint der Stadt in der Entwicklung voraus zu gehen. Und Schalke ist nach schwächeren Zeiten wieder oben ...

Twenhöven: Darf ich mal kurz eingreifen? Als ich anfing als OB, hatte Münster 270 000 Einwohner und Gelsenkirchen 370 000. Als ich als RP ausgeschieden bin, war Gelsenkirchen kleiner als Münster. So viel zur Entwicklung.

Vor nicht allzu langer Zeit wurde die Diskussion über den Finanzausgleich wieder angeschoben. Der Fokus wurde auf die Städte des Ruhrgebiets gerichtet ...

Paziorek: Es gibt objektive Gründe für die Schwierigkeiten im Revier. Das Umfeld von Stuttgart beispielsweise hat ja die Notwendigkeit eines Strukturwandels gar nicht erlebt. Da kannst du nicht mit einer Mittelstandsoffensive alleine so viele Arbeitsplätze schaffen, wie sie im Bergbau weggebrochen sind.

Klenke: Klar, wir haben Strukturprobleme und sind auch noch nicht am Ende. Aber: Die Einsparpotenziale werden von außen auch überschätzt.

Was wünschen Sie Bayern München und Borussia Dortmund in der kommenden Saison?

Klenke: Den zweiten und dritten Platz. Wir sind ja großmütig.

Paziorek: Ich habe im vergangenen Jahr gesagt, Borussia Dortmund wird einen Platz hinter Schalke stehen – und habe eine Wette verloren. Aber ich stehe dazu, die Wette würde ich wieder eingehen ...

... worum ging es?

Paziorek: Um ein dickes Fass Bier und ein großes Abendessen.

Klenke: Eigentlich sollte die Meisterschaft zum Vereinsjubiläum kommen. Das hat man aufgeschoben auf den 50. Jahrestag der letzten Meisterschaft. Das wäre 2008 gewesen. Das nächste runde Datum wäre also 55 Jahre nach der letzten Meisterschaft...

Paziorek: ... das wäre ja nächstes Jahr. Klenke: Ja sicher.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/999136?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F3661143%2F203%2F204%2F596907%2F1162885%2F
Tipps für den stressfreien Weihnachtsmarkt-Besuch
Die Linien 11, 12, 13 und 22 fahren direkt zum Weihnachtsmarkt am Aegidiimarkt, von wo aus auch die Einkaufsstraßen der Innenstadt gut erreichbar sind.
Nachrichten-Ticker