Die blanke Wut
Schalke 04 vs. BVB: 400 Bundespolizisten sorgten beim Revier-Derby für Sicherheit

Dortmund/Gelsenkirchen -

Oliver Humpert beugt sich vor, senkt seine ohnehin unaufdringliche Stimme noch ein wenig: „Glauben Sie, der Aufwand war zu groß? Haben wir überzogen?“ Die Frage richtet sich an den neutralen Beobachter. An jemanden, der üblicherweise Fan-Ausschreitungen immer erst dann erkennen kann, wenn sie bereits eskalieren. Humpert ist da in anderer Mission unterwegs. Der Polizei-Oberrat ist Leiter der Bundespolizeiinspektion in Dortmund. Und an diesem Samstag hat er mit rund 400 Bundespolizisten das Derby der beiden Fußball-Bundesligisten vom FC Schalke 04 und Borussia Dortmund vor der Brust. Da ist Humperts Frage nach dem „zu viel?“ zwei Stunden nach Ende der Begegnung wohltuend. Jedenfalls besser als: „Haben wir genug getan?“

Montag, 11.03.2013, 06:03 Uhr

Die blanke Wut : Schalke 04 vs. BVB: 400 Bundespolizisten sorgten beim Revier-Derby für Sicherheit
Pure Provokation: Dortmunder Fans zünden im Gelsenkirchener Bahnhof Pyrotechnik. Foto: Jürgen Beckgerd

Es ist nun wirklich kein Derby-Wetter. Es nieselt, es ist kalt. Gut gegen vor lauter Derby-Fieber heißgelaufene Fans? Auf dem Weg von der Inspektion im Dortmunder Stadtteil Körne zum Hauptbahnhof ist von dem Fußballschlager nichts zu spüren, geschweige denn zu sehen. Die Kälte, die die tristen Wohnblöcke ausstrahlen, übertrifft die dieses 9. März bei Weitem.

Es ist die Befürchtung des Kommenden, die sich breitmacht: An einer Straßen-Überführung hatten Beamte am Morgen eine aufgehängte Gummipuppe entdeckt – als sei sie stranguliert. Am BVB-Dress klebt ein Judenstern. Schalker Provokation hoch drei – Ermittlungen sind eingeleitet, es erfolgt Anzeige gegen Unbekannt wegen Volksverhetzung.

Auf der Katharinentreppe vor dem Dortmunder Hauptbahnhof gibt es einen ersten Vorgeschmack, was kommen könnte. Rund 300 Dortmunder Ultras – schwarz gekleidet, weil sie das Tragen von Trikots ihrer Lieblinge aus Protest gegen die Kommerzialisierung des Fußballs ablehnen – haben sich versammelt. Im Internet war’s zuvor angekündigt worden. Doch eine Gruppe fehlt: Die „Unitys“, zum Teil der Fan-Kategorie C (gewaltbereit) zuzuordnen, sind eben nicht da. Ein taktisches Spielchen, um die Polizei in die Irre zu führen. Aber die Polizisten sind Frühaufsteher: Fan-kundige Beamte haben die Gruppe auf dem Umweg nach Essen aufgespürt und begleiten diese Problemfans zur Schalke-Arena. Es sind nur 30, die Masse kommt erst noch. Ein Polizei-Hubschrauber kreist über dem Bahnhof, später sind auch die letzten Winkel auf Video zu sehen. Beamte in Zivil haben sich postiert. Die Bundespolizisten, unterstützt von der Bundesbereitschaftspolizei aus St. Augustin, haben im Gelsenkirchener Bahnhofsgebäude Aufstellung genommen, Absperrgitter aus Stahlrohr und Drahtgeflecht teilen die Halle in zwei Bereiche: den für Königsblau und den für Schwarz-Gelb: Um 12.12 Uhr soll der erste von drei Entlastungszügen mit Dortmunder Fans einlaufen. Die Schalker Fraktion hat sich formiert, Hunderte drängen in den Bahnhof, werden vor den Absperrgittern und den Bundespolizisten aufgehalten.

Der erste Entlastungszug mit BVB-Fans rollt ein. Blanke Wut schlägt ihnen entgegen: „Tod und Hass dem S 04“ und „Ernst Kuzorra, wir pi . . . auf dein Grab“ grölen die einen – „ BVB : Hurensöhne“ die anderen. Hoch erhobene Arme mit gestreckten Mittelfingern: „Einfach bekloppt. Wir wussten, dass das Derby ansteht. Aber dass es so schlimm sein würde, nicht“, sagt Norbert Banach. Der Rentner ist mit seiner Frau Birgit zwischen die Fronten geraten. Beide können nicht vor und nicht zurück. „So muss das bei Hitler gewesen sein: Arme hoch und grölen“, meint sie: „Widerlich“.

Das Szenario wiederholt sich zwei Mal – die Hasstiraden sind die gleichen. Auf dem Weg zum Stadion wird die „Alte Garde“, eine BVB-Ultra-Gruppierung, komplett in der „Gesa 200“ (Gefangenensammelstelle) untergebracht, die „Fans“ hatten einen Bus demoliert. Später brennt im Stadion Pyrotechnik im BVB-Block.

Stunden nach der Begegnung schreibt Oliver Humpert seinen Bericht: Ein Polizist wird nach einem Böllerwurf im Krankenhaus behandelt. Diagnose: Knalltrauma, eine Woche Dienstausfall. 22 Straftaten, darunter sind sieben Vorfälle mit Pyrotechnik, Landfriedensbruch, sechs schwere Körperverletzungen. Die Einheiten aus St. Augustin sind abgerückt; 400 Bundespolizisten haben dafür gesorgt, dass etwa 5500 Fußballfans um und in den Bahnhöfen von Gelsenkirchen und Dortmund sich und andere nicht zu Schaden bringen. Es ist viel ruhiger geblieben als befürchtet. Die Frage Humperts bleibt im Raum stehen.

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