Pyro-Vorfall beim Heimspiel von Preußen Münster
Reine Selbstinszenierung zulasten des Vereins

Münster -

Dietrich Schulze-Marmeling ist intimer Kenner der lokalen, nationalen und internationalen Fußballszene und anerkannter Fachbuchautor. Der 59-Jährige war am Samstag im Preußenstadion und analysiert als Gast-Autor die Vorkommnisse, die den 3:0-Erfolg von Preußen Münster gegen Energie Cottbus überschatteten .

Dienstag, 12.04.2016, 01:04 Uhr

Pyro-Vorfall beim Heimspiel von Preußen Münster : Reine Selbstinszenierung zulasten des Vereins
Sogenannte Fans der Ultra-Szene zündeten am Samstag bereits vor Beginn der Drittliga-Partie Rauchtöpfe. Ein 72-jähriger Zuschauer wurde verletzt, er konnte aber nach einer Behandlung das Krankenhaus wieder verlassen. Foto: Polizei Münster

Die Vorfälle vom Samstag haben gezeigt, dass es innerhalb der Preußen-Kurve einen dringenden Diskussions- und Handlungsbedarf gibt. Nicht zwischen Kurve und Vorstand. Den Vorstand sollte man in den nächsten Monaten einfach mal in Ruhe lassen. Der hat in dieser Angelegenheit getan, was er tun konnte.

Die Polizei hatte für das Spiel die Bereichsbetretungsverbote nicht verlängert und so ein Zeichen in Richtung „Ultras“ gesetzt. Die Antwort der „Ultras“ bestand im Zünden von ca. 20 Rauchtöpfen. Das kann man nur so interpretieren: Wir wollen keinen Dialog, sondern die totale Eskalation – am liebsten bis in die Haarspitzen zugedröhnt. Denn nur Fußball ist doch langweilig, dafür sind wir nicht hier. Die „Ultras“ kritisieren den Rest der Zuschauer gerne als „Event-Fans“. Aber in Münster sitzen die größten „Event-Fans“ nicht auf der Haupttribüne, sondern stehen in der Kurve. Das Spiel interessiert nicht wirklich. Diese Leute kommen nicht ins Stadion, um die Mannschaft zu unterstützen, sondern um sich selbst zu inszenieren.

Meinung

Erneut ist es bei einem Spiel des SC Preußen Münster zu einem Vorfall mit Pyro-Technik gekommen. Ein Kommentar

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Es fällt auf, dass die Szene mit Lust denjenigen im Verein in den Rücken fällt, die auf Dialog setzen und ein gewisses Verständnis für die „Ultra“-Version von Jugendkultur zeigen. Die Anführer der Szene handeln wie Provokateure, die bewusst die Zerstörung der Kurve betreiben, denen das Schicksal des Vereins völlig egal ist. Deren Job es ist, die Krise „herbeizubomben“ und anschließend „putinmäßig“ am Kochen zu halten. Vielleicht sind wir aber auch nur mit einer Gruppe von Leuten geschlagen, die zu einem politisch-strategischen Denken nicht ansatzweise in der Lage sind, denen es an klugen Köpfen mangelt.

„Ultras“ betrachten sich als Gralshüter einer traditionellen Fankultur, als die einzig wahren Fans im Stadion. Das ist so anmaßend wie falsch. Nicht nur in Münster, aber in Münster besonders. Wie Fan-Kultur einmal aussah, könnte den „Ultras“ vielleicht der 72-Jährigen erzählen, der durch einen Rauchtopf verletzt wurde. Traditionelle Fankultur benötigte keine Capos. Sie war spontan, anarchisch und eine leidenschaftliche Interaktion mit dem Spielgeschehen. Im Preußenstadion erlebt man diese noch am ehesten auf der Gegengeraden und – welch ein Armutszeugnis – der Haupttribüne.

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Dietrich Schulze-Marmeling Foto: WN

Wer sich ein bisschen in den deutschen Stadien auskennt, weiß, dass es auch anders geht. Es gibt „Ultras“, die sich der vernachlässigten Geschichte ihrer Vereine widmen, die sich für Flüchtlinge und gegen Rassismus und Homophobie engagieren, die gegen die Montagsspiele, unverschämte Eintrittspreise oder für Fan-Rechte protestieren, die tolle Choreos organisieren. Die „Kreativität“ unserer Kurve beschränkt sich seit einiger Zeit häufig darauf, Osnabrücker als „Hurensöhne“ zu schmähen, auch wenn der VfL nicht einmal zu Gast ist.

Wenn der Aufstieg in die 2. Liga ein ewiger Traum bleibt, dann nicht zuletzt dank dieser Szene, die den Verein nicht nur permanent Geld kostet, das man zum Beispiel in die Nachwuchsarbeit investieren könnte, sondern auch sein Image beschädigt – Unterstützung durch Politik und Wirtschaft wird so noch schwieriger, als sie ohnehin schon ist.

Natürlich trifft dieses Urteil nicht auf die gesamte Kurve zu. Auch dort gibt es viele kreative und im positiven Sinne engagierte Leute, vermutlich stellen sie sogar die Mehrheit. Aber das äußere Erscheinungsbild wird von Personen bestimmt, die eine eigene Agenda verfolgen. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo sich die Kurve neu erfinden muss. Der erste Schritt wäre, sich in einem Akt der Selbstreinigung von den Provokateuren in ihren Reihen zu trennen.

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