Fußball
Lothar Matthäus im Interview: „Trainer? Das ist für mich vorbei"

München -

Mit 58 Jahren wäre Lothar Matthäus eigentlich im besten Trainer-Alter. Doch mit dem Beruf hat er abgeschlossen, sagt er im Interview. Vor dem Bundesliga-Gipfel zwischen Bayern und Dortmund sprach der Sky-Experte zudem über seine berühmte Heulsusengeste an Andreas Möller.

Samstag, 06.04.2019, 15:00 Uhr aktualisiert: 07.04.2019, 11:31 Uhr
Lothar Matthäus legt sich fest: Trainer wird er nicht mehr. Den verpassten Chancen trauert der 58-Jährige aber nicht nach.
Lothar Matthäus legt sich fest: Trainer wird er nicht mehr. Den verpassten Chancen trauert der 58-Jährige aber nicht nach. Foto: dpa

Herr Matthäus , am Montag wurden Sie in die Gründungself der Hall of Fame des deutschen Fußballs aufgenommen. Wenn Sie Mitglied der Jury gewesen wären und nur eine Stimme gehabt hätten: Wer hätte sie bekommen?

Lothar Matthäus: Günter Netzer . Der war immer mein Idol. Ich war als Kind großer Mönchengladbach-Fan und damit automatisch Günter-Netzer-Fan. In dieser Zeit war er das Gesicht des Vereins. Wobei ich mit jedem aus dieser Elf eine besondere Geschichte teile. Ich hätte gerne jeden gewählt, aber Sie haben ja gesagt, ich darf nur eine Stimme abgeben.

Da bin ich streng, ja.

Matthäus: Sonst hätte Franz Beckenbauer vermutlich die zweite bekommen. Ich hoffe nicht, dass der Franz oder Andy Brehme jetzt sauer sind.

Sicher nicht. Sind Sie stolz, Teil dieser Elf zu sein?

Matthäus: Meine Eltern waren vermutlich sehr stolz. Ich persönlich sehe das eher als Bestätigung meiner Leistung als Fußballer, für viele Trainingseinheiten, die ich absolviert habe. Ich habe mich geschmeichelt gefühlt und gefreut, dass ich gewählt worden bin und dass ich bei der Ehrung viele alte Bekannte gesehen habe.

Am Wochenende werden Sie einige wieder treffen rund um den Bundesliga-Gipfel Bayern gegen den BVB . Haben die Dortmunder eigentlich während Ihrer Spielerkarriere jemals bei Ihnen angefragt?

Matthäus: Nein, das wäre auch überraschend gewesen, so lange ich bei Bayern war. Da wussten sie wohl, dass es wenig Sinn gehabt hätte, mich zu fragen.

Wissen Sie noch, was Sie am 15. September 1984 gemacht haben?

Matthäus: Ein Freundschaftsspiel?

Es war Ihr erstes Spiel im Trikot des FC Bayern gegen den BVB. Sie haben das Siegtor zum 1:0 erzielt.

Matthäus: Mit diesem Ergebnis wäre Dortmund am Samstag sicher nicht zufrieden. Sollte der BVB gewinnen, wäre das eine Vorentscheidung im Kampf um den Titel. Ansonsten bleibt es spannend.

Ihre berühmteste Szene in der Geschichte dieses Spitzenspiels war 1997. Damals machten Sie gegenüber Andreas Möller die Heulsusengeste.

Matthäus: Es war ein emotionales Spiel. Der Andy war dafür bekannt, dass er gerne mal fliegt, auch ohne dass man ihn berührt hat, und dann noch lange am Boden liegen blieb. Deswegen gab es diese Geste von mir. Ich wollte ihm sagen: ‚Spiel weiter! Zeig, dass du ein Mann bist!‘ Das war emotional, aber nichts Persönliches. Dafür hatte ich zu großen Respekt vor ihm und er auch vor mir. Er hat sich immer Tipps bei mir geholt. Wir sind gemeinsam Weltmeister geworden und haben uns bei der Nationalmannschaft immer gut verstanden. Die Freundschaft hält bis heute.

Bayern gegen BVB, das ist auch der Kung-Fu-Tritt von Olli Kahn gegen Stéphane Chapuisat. War die Rivalität früher größer?

Matthäus: Der Fußball ist jedenfalls emotionaler gespielt worden. Heutzutage lässt man das kaum mehr zu – auch durch viele neue Regeln. Schade. Diesmal erwarte ich aber wieder ein emotionales Spiel.

Was lässt Sie hoffen?

Matthäus: Die Clubs gehen seit Längerem mal wieder auf Augenhöhe in dieses Spiel. Vor ein, zwei Jahren hatte Bayern zu diesem Zeitpunkt doch immer schon 15, 20 Punkte Vorsprung. Jetzt ist es endlich wieder spannend. Darauf freue ich mich.

Letztes Jahr sind Sie noch mal für Ihren Heimatverein FC Herzogenaurach in einem Pflichtspiel aufgelaufen. Sie durften sogar Aufstieg und Meisterschaft feiern.

Matthäus: Stimmt. Ich kann jetzt sagen: Ich bin Bezirksliga-Meister in Mittelfranken geworden. Aber den Titel rechne ich mir nicht an. Das hat die Mannschaft schon vorher ohne mich geschafft. Das Ganze war gedacht als Werbung für den Amateurfußball, und für mich war es ein schöner Moment. Wichtig war mir dabei, dass die Aktion mit dem Gegner abgesprochen ist. Der sollte sich nicht verarscht fühlen. Aber alle auf dem Feld haben es genossen, und ich durfte für genau den Verein mein letztes Punktspiel machen, bei dem irgendwann mal vor 50 Jahren meine Karriere begonnen hatte.

Was verbindet Sie denn noch mit Franken?

Matthäus: Vor allem meine Eltern. Die besuche ich nach wie vor regelmäßig. Und dann schaue ich natürlich auch beim Fußballplatz vorbei. Da hat sich nicht viel verändert, außer dem Rasen. Die Stehtribünen sind geblieben, die Werbebanden gleich, auch die Umkleiden sehen noch ähnlich aus.

Ist Herzogenaurach noch Ihre Heimat?

Matthäus: Es ist mein Geburtsort, die Heimat meiner Kindheit. Ich freue mich immer wieder, wenn ich da bin. Dann nehme ich extra den Weg durch die Stadt und nicht die Umgehung, damit ich ein bisschen erinnert werde: Wo hast du früher ein Bierchen getrunken, wo eine Freundin das erste Mal ausgeführt? Wo hast du dich nachmittags beim Billardspielen rumgetrieben? Da kommt dann auch ein bisschen Wehmut auf. Meine Heimat aber ist mittlerweile woanders.

In Budapest.

Matthäus: Ja, dort lebe ich seit 14 Jahren. Dort fühle ich mich heimisch.

Was ist der Grund?

Matthäus: Weil ich dort so leben kann, wie ich gerne möchte – nicht unbekannt, aber privat. Die Leute sind zurückhaltender als hierzulande, sie lassen mich zufrieden. Es verfolgt mich keiner, wenn ich mal abends rausgehe, und es will nicht ständig jemand ein Selfie mit mir machen. Die Leute akzeptieren das Leben eines Prominenten. Ich kann mit meinem Sohn einfach so auf den Spielplatz. Er kann dort unbeschwert aufwachsen. Aber trotz alledem bin ich auch froh, hin und wieder rauszukommen. Ich kann nicht gut an einem Ort sein.

Woran liegt das?

Matthäus: Ich brauche die Herausforderung, das Neue, das Reisen. Bis es mir manchmal zu viel wird. Dann sehne ich mich danach, auch mal eine Woche das Telefon auszuschalten, keinen Flughafen zu sehen, kein Flugzeug.

Sie haben viel erreicht in Ihrer Karriere, schmerzt es Sie manchmal, dass Sie nie einen Verein in der Bundesliga trainiert haben?

Matthäus: Überhaupt nicht. Ich war eher überrascht, dass offenbar jeder mal durfte, nur ich nicht. Wobei so ganz richtig ist das auch nicht. Ich hätte ja einige Male fast gedurft.

Mit dem 1. FC Nürnberg gab es vor einigen Jahren schon Gespräche …

Matthäus: Ja, aber da wollten mich die Fans nicht. Es gab aber auch Anfragen von vier, fünf anderen Bundesligisten. Einigen habe ich abgesagt, bei anderen hat es nicht gepasst. Es ist schade, aber traurig bin ich deshalb nicht. Ich hatte als Trainer eine schöne Reise, vielleicht nicht eine so erfolgreiche wie als Spieler. Aber ich war zwei Mal Meister, habe an der Champions League teilgenommen, zwei Nationalmannschaften trainiert und viele junge Spieler gefördert.

Ist die Reise als Trainer endgültig beendet für Sie?

Matthäus: Ja. Trainer, das ist für mich vorbei. Ich habe viele interessante Aufgaben, die alle mit Fußball zu tun haben. Ich bin Experte bei Sky, schreibe eine Kolumne für die englische Zeitung „Sun“ und bin Botschafter unter anderem für Bayern, die DFL und für Puma.

Die Firma, für die Ihr Vater einst als Hausmeister gearbeitet hat.

Matthäus: Mein Bruder Wolfgang hat dort auch 40 Jahre lang gearbeitet. Apropos: Vor einigen Wochen war es genau 40 Jahre her, dass ich den ersten Sponsorenvertrag mit Puma abgeschlossen habe.

Aber schon vorher, als kleiner Junge, haben Sie Schuhe und Bälle vom Firmengründer bekommen – ganz ohne Vertrag.

Matthäus: Rudolf Dassler hatte zwei Söhne und ich war quasi sein dritter. Wir haben damals im Nebengebäude gewohnt. Von meinem Schlafzimmer zu seinem Büro war es ein Steinwurf. Die Sekretärin hat mich nur aufgehalten, wenn ein Meeting war, sonst habe ich geklopft und bin rein. Dasslers Büro war für mich genauso offen wie meine eigene Wohnungstür zu Hause.

Sie sind Deutschlands einziger Weltfußballer. Was muss passieren, damit es wieder einen gibt?

Matthäus: Man braucht Talent, Leidenschaft, Ehrgeiz, die Liebe zum Fußball – aber andererseits braucht man auch mit der Mannschaft Erfolg. Und dann standen natürlich immer auch Lionel Messi und Cristiano Ronaldo im Weg. So einen Ausnahmespieler hat es zu meiner Zeit nicht gegeben – außer Diego Maradona vielleicht 1986. Ich hatte dann 1991 das Glück, und auch 1990 habe ich ja schon den inoffiziellen Titel gewonnen – eine Journalistenwahl. Den Preis habe ich trotzdem aufbewahrt.

Und wo steht er?

Matthäus: Ich habe eine ganz kleine Ecke bei mir zu Hause. Dort habe ich Sachen aufgehoben, die mich an meine Karriere erinnern. Das sind aber nur knapp eineinhalb Quadratmeter. Dort hängen zwei Regale an der Wand. Die Ecke ist auch etwas versteckt, man muss sie schon ein bisschen suchen. Dort hängt auch der kaputte Schuh aus dem WM-Finale 1990 – vergoldet.

Haben Sie wenigstens ein Duplikat des WM-Pokals?

Matthäus: Nein. Andere Spieler haben das gemacht. Ich finde das auch gut, aber brauche so etwas nicht.

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