Fußball: Champions League
Schwere Köpfe, große Herzen – BVB unterliegt Monaco mit 2:3

Dortmund -

Normal war gar nichts an diesem Champions-League-Abend. Keine 24 Stunden nach dem Anschlag auf den BVB-Bus unterlagen die Dortmunder im eilig nachgeholten Viertelfinal-Hinspiel AS Monaco mit 2:3. Eine tolle kämpferische Vorstellung nach der Pause hält den Glauben ans Weiterkommen aufrecht.

Mittwoch, 12.04.2017, 20:04 Uhr

Bitterer Moment: Sven Bender ist vor dem Monegassen Radamel Falcao am Ball, köpft diesen aber ins eigene Tor.
Bitterer Moment: Sven Bender ist vor dem Monegassen Radamel Falcao am Ball, köpft diesen aber ins eigene Tor. Foto: Witters

„Geht raus und spielt Fußball“ - das hat Franz Beckenbauer einmal ungefähr so gesagt und damit irgendwie auch die Schlichtheit des auf dem ganzen Planeten so populären Ballsports beschrieben. Spielen, verteidigen, Tore schießen, an ganz guten Tagen auch noch ein bisschen zaubern. Und alles andere ausklammern. Geht das? In der Regel schon. Ging es auch am Mittwochabend, nur einen Tag nach der feigen und abscheulichen Nagelbomben-Attacke auf den Mannschaftsbus von Borussi Dortmund? Nun, es wurde gespielt, weil die Uefa es so wollte, sich keiner der betroffenen Vereine dagegen wehrte und deren Angestellte sich fügten. Der BVB verlor das Viertelfinal-Hinspiel der Champions League gegen AS Monaco 2:3 (0:2). Nächsten Mittwoch treffen sich die Teams im Fürstentum zum zweiten Vergleich.

Unter dem Eindruck der unfassbaren Geschehnisse

Unter dem Eindruck der unfassbaren Geschehnisse, die weit schlimmere Folgen hätten haben können, hatte Dortmunds Trainer Thomas Tuchel den Spielern die Teilnahme an der Partie freigestellt – alle entschieden sich für einen Einsatz. „Wir hatten ja keine andere Wahl. Aber es war sehr schwierig für uns, die meisten Jungs hatten kaum geschlafen“, sagte Julian Weigl, 21. Marc Bartra musste der Coach nicht fragen, der Spanier erlitt bei dem Attentat einen Bruch der Speiche und weitere Verletzungen an Hand und Arm.

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BVB- und Monaco-Fans am Mittwoch feierten zusammen

Der Fußball hat in diesen bewegenden Tagen ein Stück seiner Freude, seiner Unbekümmertheit verloren. Er hat aber auch gezeigt, wie kraftvoll, wie verbindend, wie groß er sein kann. Auf den Tribünen – die „Süd“ war während der Partie komplett in Schwarz und Gelb gewandet – feierten BVB- und Monaco-Fans  einen beeindruckenden Schulterschluss. Die Gäste skandierten „Dortmund, Dortmund, Dortmund“. Gelebte Solidarität, Frankreich kennt Terror und Schmerz mehr als jede andere Nation im Westen Europas.

Die Borussia war bemüht

Auf dem Feld gaben die Monegassen den Ton an. Dortmund, fahrig und nicht wirklich bei der Sache, hatte in Halbzeit eins erst Glück und dann zwei Mal Pech. Nach 17 Minuten verfehlte Monacos Fabinho bei einem Foulelfmeter das Tor. 120 Sekunden später erzielte AS-Talent Kylian Mbappé dann doch das Tor, allerdings aus klarer Abseitsposition. Shinji Kagawa (31.) hätte ausgleichen können, er vergab die aussichtsreiche Szene. Dann das zweite Malheur aus BVB-Sicht: Comebacker Sven Bender traf von Radamel Falcao bedrängt per Kopf ins eigene Tor. Dortmund war bemüht, aber augenscheinlich mental noch nicht bereit für dieses große Match. „Wir hätten nach dem Dienstag gern etwas mehr Zeit gehabt, um in bester Verfassung antreten zu können. Doch es wurde anders entschieden. Wir fühlen uns da komplett übergangen“, sagte Tuchel.

Zwischen Entsetzen und „Jetzt erst recht“

Dortmund unter Schock. Am Tag danach schwappte die Stimmung in der Fußballstadt hin und her zwischen lähmendem Entsetzen und „Jetzt erst recht“. „Keine Bombe kriegt uns klein, der BVB wird ewig sein“, hatte irgendjemand auf eine Lärmschutzwand an der B1 gesprüht. In Stadionnähe zeigte die Polizei Präsenz mit einem Großaufgebot. In der Arena selbst wurden Bombenspürhunde eingesetzt.

Die Neuansetzung mit nur 22 Stunden Vorlaufzeit stellte den BVB vor eine logistische Herkulesaufgabe. Angesichts der Gefahren­lage wurde das Sicherheitspersonal aufgestockt.

Dass erfahrene Kräfte am neuen Termin beruflich unabkömmlich waren und durch eilig geschulte ­„Neulinge“ ersetzt werden mussten, erschwerte die Situation zusätzlich.

„Ich habe Urlaub, ansonsten wäre ich nicht hier“, sagte ein Ordner am Eingang zur Südtribüne. Eine Kollegin hatte ihren Ar­beitsplatz zwei Stunden früher als gewöhnlich ­verlassen: „Gott sei Dank bin ich da flexibel.“ Schon drei Stunden vor dem Anpfiff waren die Verkaufsstände im Stadion wieder besetzt. In den VIP-Bereichen bot der Club den gewohnten Standard an. „Alles wie immer“, sagte eine Service-Kraft auf Anfrage. Nur die Gäste kamen an diesem Mittwoch erst ungewöhnlich spät ins Stadion. Niemand war eben auf den feigen Anschlag und dessen Folgen vor­bereitet.

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Die Hoffnung auf die Wende

Der Coach wechselte zur Halbzeit zwei Mal, dazu muss er die richtigen Worte gefunden haben. Angepeitscht vom großartigen Publikum wurde der BVB spürbar besser, kraftvoller und aggressiver, so als hätte ihm irgendjemand in der Pause den ganzen Ballast von den Schultern gerissen. Das 1:2 durch Ousmane Dembélé (57.), das Pierre-Emerick Aubameyang und Kagawa herrlich einleiteten, schürte die Hoffnung auf die Wende, es folgte ein gewaltiger Sturmlauf mit Kampf und Dampf. Und dann der nächste Fauxpas: Nach einem schlimmen Fehlpass von Lukasz Piszczek traf Mbappé (79.) zum 3:1. Doch das Dortmunder Herz ist riesengroß. Nur drei Minuten später schaffte Kagawa sehenswert den abermaligen Anschluss. „Dieses Tor lässt uns Möglichkeiten für das Rückspiel“, erklärte der eingewechselte Nuri Sahin. Tuchel: „Die Ereignisse sind noch nicht verarbeitet und noch nicht vergessen. Aber es ist erst Halbzeit, wir werden weiter an uns glauben.“

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