Fußball: Champions League
BVB-Profis fühlen sich nach Neuansetzung übergangen

Dortmund -

Fassungslos nahmen die BVB-Profis die Neuansetzung ihres Spiels gegen AS Monaco hin. Sie fühlten sich nach dem Anschlag auf sie und ihren Bus am Dienstag wie gelähmt und vor allem übergangen. Die 2:3-Niederlage rückte am Mittwoch in den Hintergrund.

Donnerstag, 13.04.2017, 15:04 Uhr

Traurige Gesichter – doch diesmal nicht wegen der Niederlage, die die Borusssen gegen Monaco erlitten.
Traurige Gesichter – doch diesmal nicht wegen der Niederlage, die die Borusssen gegen Monaco erlitten. Foto: imago/Thomas Bielefeld

Manchmal dauert es Tage oder sogar Wochen, ehe Menschen die ganze Tragweite unvorhersehbarer Ereignisse erfassen, die ihr ganzes Leben auf schreckliche Weise hätten verändern können. Erst kommt der Schock. Dann Starre. Später Angst, die mitunter sehr, sehr lange bleibt. Ganz am Anfang dieses immens schwierigen Verarbeitungsprozesses mussten die Fußballer von Borussia Dortmund am Mittwochabend schon wieder zur Arbeit.

Spätschicht mit Schock in den Knochen

Nicht einmal 24 Stunden nach dem unfassbaren Nagelbomben-Attentat. Spätschicht in der Champions League , der BVB verlor das Viertelfinal-Hinspiel gegen AS Monaco mit 2:3 (0:2). Die Partie hätte auch unentschieden enden können, doch das Ergebnis interessierte an diesem Abend nur peripher. Trainer und Spieler wurden die Bilder und den Schrecken des Vortages nicht los. Kapitän Marcel Schmelzer sprach dann aus, was alle beschäftigte: „Das war kein Anschlag auf den Bus, das war ein Anschlag auf uns Menschen.“

Dortmund gegen Monaco

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  • Nicht einmal 24 Stunden nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus tritt Borussia Dortmund im Nachholspiel gegen AS Monaco an. Es wird ein emotionales Spiel.

    Foto: Bernd Thissen
  • Die Fans hüllen die Südtribüne vor dem Spiel unter lange Stoffbahnen,...

    Foto: Federico Gambarini
  • ... um in einer großen Choreographie den BVB-Schriftzug auf gelbem Grund zu zeigen.

    Foto: Bernd Thissen
  • Dazu haben sich die Fans je nach Sitzplatz gelbe oder schwarze Capes übergezogen.

    Foto: Bernd Thissen
  • Die Spieler schicken ihrem verletzten Kollegen Marc Bartra „mucha fuerza“ („Viel Kraft“) ins Krankenhaus.

    Foto: Bernd Thissen
  • Torwart Roman Bürki saß im Bus neben Bartra. Er habe in der Nacht nicht eine Stunde geschlafen, sagt er nach dem Spiel.

    Foto: Bernd Thissen
  • Viele Fans schicken Bartra mit Plakaten Genesungswünsche.

    Foto: Bernd Thissen
  • Im Spiel läuft Vieles gegen die Dortmunder. In der 16. Minute gibt es nach einem Foul von Sokratis Elfmeter für die Monegassen.

    Foto: Bernd Thissen
  • Doch Fabinho zielt neben das Tor.

    Foto: Federico Gambarini
  • Kurz darauf jubeln die Gäste dann doch. Der erst 18 Jahre alte Torjäger Kylian Mbappe (l.) hat zugeschlagen (19. Minute), allerdings aus Abseits-Position.

    Foto: Federico Gambarini
  • In der 35. Minute ein weiterer Rückschlag: Nach einer scharfen Flanke köpft Sven Bender den Ball ins eigene Tor.

    Foto: Bernd Thissen
  • Der Dortmunder Verteidiger beschwert sich, weil er zuvor leicht am Fuß berührt worden ist.

    Foto: Bernd Thissen
  • In der zweiten Halbzeit spielt Dortmund furios auf. Nach einem Hackentrick von Aubameyang steht Shinji Kagawa (vorne) frei vor dem Torwart. Er legt ab zu Ousmane Dembelé, der ins leere Tor einschiebt (57. Minute).

    Foto: Federico Gambarini
  • Doch nur zwölf Minuten später schlägt Monaco zurück. Nach einem Fehlpass von Piszczek, ist Mbappé frei vor Bürki und netzt ein (79.).

    Foto: Bernd Thissen
  • Kurz vor Schluss (84.) lässt Shinji Kagawa drei Gegenspieler im Strafraum stehen,...

    Foto: Federico Gambarini
  • ...und netzt sehenswert zum 2:3 ein.

    Foto: Federico Gambarini
  • Nach dem Abpfiff lassen die BVB-Spieler ihren Emotionen freien Lauf.

    Foto: Bernd Thissen
  • Innenverteidiger Sokratis kommen die Tränen.

    Foto: Bernd Thissen

Fehlende Courage für Korrektur

Die Uefa hätte dies auch erkennen müssen. Doch in diesem Zirkel empathiefreier Theoretiker hatte niemand die Courage, den Fehler, die Partie eiligst nachzuspielen, zu korrigieren. Dass sich die BVB-Bosse irgendwie an die Seite des Gremiums stellten, dem Termin der Neuansetzung ohne erkennbaren Widerspruch zustimmten und ihn in Person von Hans-Joachim Watzke („Wir müssen der Gesellschaft zeigen, dass wir vor dem Terror nicht einknicken“) schlussendlich sogar begrüßten, ist so wenig nachvollziehbar wie die unerträgliche Marionetten-Politik des Verbandes.

"Wir Spieler sind Puppen"

Als wäre es ein anderes Zeichen gewesen, einen für die unmittelbar Betroffenen geeigneteren Termin zu suchen und zu finden. „Wir Spieler sind Puppen“, hat Schmelzer am Mittwoch gesagt. Abwehrchef Sokratis, diese Fleisch gewordene griechische Säule, wählte sogar noch schärfere Töne: „Wir sind so behandelt worden wie Tiere.“

BVB-Profis verstört

Es gehört zum Leben, über wichtige Entscheidungen mindestens eine Nacht zu schlafen. Dieser Verantwortung ist im aktuellen Fall niemand gerecht geworden. „Ich habe von Dienstag auf Mittwoch keine Minute geschlafen“, teilte BVB-Torhüter Roman Bürki nach dem Spiel mit. Nuri Sahin, der zur Halbzeit in die Partie kam, sagte: „Vor meiner Einwechslung habe ich keinen Moment an Fußball gedacht.“ Und Matthias Ginter erklärte: „Ich bin froh, dass es vorbei ist.“

Explosion in der Nähe des BVB-Mannschaftsbusses

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  • Trotzreaktion: Eine Besucherin am Dienstagabend im leeren Stadion.

    Foto: dpa
  • Der Mannschaftsbus des BVB wurde bei der Fahrt zum Champions-League-Viertelfinale gegen AS Monaco mit drei Sprengsätzen attackiert.

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  • Sven Bender und Nuri Sahin (v.l.) verfolgen mit ernster Miene den Polizeieinsatz.

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  • Wie geht es weiter? Der Trainer von Borussia Dortmund, Thomas Tuchel (2.v.r.), blickt auf sein Smartphone.

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  • Da war noch alles in Ordnung: Mitglieder der Fußball-Mannschaft von Borussia Dortmund und des Betreuerstabes stehen in der Nähe des Teamhotels „L‘Arivee“ um Trainer Thomas Tuchel herum.

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  • Kurz vor der Abfahrt zum Stadion: Spieler von Borussia Dortmund, darunter Pierre-Emerick Aubameyang (l) vor dem Mannschaftshotel.

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  • Der Bus von Borussia Dortmund steht mit einer beschädigten Scheibe an einer Straße in unmittelbarer Nähe des Mannschaftshotels.

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  • BVB-Verteidiger Marc Bartra, der hinten im Bus saß, und ein Polizist, der die Mannschaft auf einem Motorrad begleitete, wurden verletzt.

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  • Der Tatort wurde am Abend abgeriegelt.

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  • Eine Anzeigetafel im Stadion informiert über einen Vorfall mit dem Mannschaftsbus des BVB. 

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  • Die Fans versuchen über ihre Smartphones an mehr Informationen zu kommen oder Kontakt zu Familie und Freunden aufzunehmen.

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  • BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke ist die Sorge anzusehen: 15 Minuten vor dem geplanten Spielbeginn wird die Partie abgesagt.

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  • Im Stadion wird die Entscheidung verkündet: Das Spiel wird am Mittwoch um 18.45 Uhr nachgeholt.

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  • Schwere Stunden für den BVB: Stadionsprecher Norbert Dickel (l.) Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke (r.) im Stadion.

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  • Gespenstische Szene: Im nahezu leeren Stadion legt die Mannschaft des AS Monaco gegen 21.30 Uhr noch eine Trainingseinheit ein.

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  • Dortmunds Polizeipräsident Gregor Lange bei einer Pressekonferenz am späten Abend: Wir gehen von einem gezielten Angriff auf den Bus der Dortmunder aus.

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  • Staatsanwältin Sandra Lücke erklärt, dass in der Nähe des Busses ein mögliches Bekennerschreiben gefunden wurde. „In dem Schreiben wird Verantwortung für Tat übernommen.“

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  • Die ganze Nacht hindurch wurde am Tatort nach Spuren gesucht.

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  • Die Sprengsätze waren nach ersten Erkenntnissen der Polizei in einer Hecke versteckt.

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  • Dortmund-Fans boten unter dem Hashtag #bedforawayfans Schlafplätze an. So auch BVB-Fan Stefan Kilmer (M.), der dieses Selfie mit Anhängern des AS Monaco bei Twitter postete.

    Foto: Stefan Kilmer/dpa
  • Am Mittwochmorgen wird das Mannschaftshotel des BVB von einem großen Polizeiaufgebot gesichert.

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  • Mit Maschinenpistolen bewachen Polizisten den Tatort.

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  • Das Nachholspiel am Mittwochabend wird unter verschärften Sicherheitsmaßnahmen stattfinden. So dürfen keine Rucksäcke mit in den Signal-Iduna-Park genommen werden.

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  • Auch das Trainingsgelände des BVB steht am Mittwoch unter besonderer Bewachung.

    Foto: dpa
  • Ein ursprünglich für Mittwoch angesetztes öffentliches Training fällt aus.

    Foto: dpa

Spiel vorbei, Kopf-Kino bleibt

Vorbei? Das Spiel, ja. Aber das Kopf-Kino, die Erinnerung an den Anschlag wird lange als Dauerschleife bleiben. „Zeit ist jetzt wichtig, um einen Umgang mit dieser Ausnahmesituation zu finden“, sagte Trainer Tuchel, „keiner weiß, wie lange so etwas dauert.“ Vielleicht sehr lange, weil niemand den Spielern die Zeit gibt, die sie brauchen. Am Samstag (15.30 Uhr) steht mit der Partie gegen Eintracht Frankfurt die Bundesliga auf dem Programm, nächsten Mittwoch dann schon wieder die Champions League. Tuchel: „Es gibt Termine, wir haben zu funktionieren.“

Kommentar
...

Ausnahmeleistung in Ausnahmesituation

Im Hinspiel gegen Monaco klappte das in der zweiten Halbzeit. Mitgerissen vom fantastischen Publikum spielte der BVB zeitweilig, als habe es kein Gestern gegeben. „Mentalität und Spirit waren großartig, die Mannschaft hat unglaublichen Charakter gezeigt“, meinte Tuchel. Nationalspieler Julian Weigl hatte eine simple Erklärung für den bemerkenswerten Leistungsaufschwung: „Wir haben die Köpfe ausgeschaltet.“ Das wird nicht immer gehen.

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