Interview mit Fan-Forscher Harald Lange
„Da wird Fußball zum Zirkus degradiert“

Münster -

Am Freitag beginnt die 55. Saison der Fußball-Bundesliga. Die Vorfreude auf große Spiele wird von der Sorge um die Sicherheit und die Angst vor Krawallen getrübt. Das Pokalspiel am Montag zwischen Hansa Rostock und Hertha BSC könnte ein übler Vorgeschmack auf das sein, was die Liga erwartet.

Dienstag, 15.08.2017, 19:36 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 15.08.2017, 18:30 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 15.08.2017, 19:36 Uhr
Das gestohlene Hertha-Banner brennt am Montag in Rostock lichterloh: Der Pyro-Skandal überschattete die DFB-Pokal-Partie zwischen Rostock und Berlin.
Das gestohlene Hertha-Banner brennt am Montag in Rostock lichterloh: Der Pyro-Skandal überschattete die DFB-Pokal-Partie zwischen Rostock und Berlin. Foto: dpa

Fußballspiele stehen kurz vor dem Abbruch. Fans, sogenannte Ultras, erklären den Verbänden den Krieg. Professor Harald Lange schließt eine Eskalation in den Stadien nicht aus. Der Sportwissenschaftler mit Lehrstuhl an der Universität Würzburg gründete vor über fünf Jahren das erste Institut für Fankultur. Unser Redaktionsmitglied Wilfried Sprenger sprach mit ihm.

Plakate, auf denen „Krieg dem DFB “ zu lesen ist,  dazu Schmäh-Wechselgesänge gegen den Verband – vor dem Saisonstart in der Fußball-Bundesliga solidarisieren sich die Ultras. Wird es wieder ungemütlich in den Stadien?

Lange: Es kocht gerade zumindest ein bisschen hoch. Und es wird sich weiter steigern, wenn die Bewegung wächst. Vielleicht eskaliert es sogar.

Das bedeutet ...

Lange: Weil der DFB nicht reagiert und Proteste der Fans ignoriert oder stur aussitzt, kann es sein, dass Spielfelder gestürmt werden und die Gewalt überschwappt.

Die Ultras protestieren vor allem gegen die beständig zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs ...

Lange: Sie haben jede Menge guter Argumente, aber natürlich ist Gewalt kein Mittel. Das ist immer der falsche Weg.

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Fordert vom DFB ein Mitspracherecht für Fans: Sportwissenschaftler Harald Lange. Foto: Imago Sportfotodienst

Haben Sie Verständnis für Unmut und Frust der Fans?

Lange: Ja. Für die, die den Fußball lieben, hat dieses Spiel Seele. Für sie ist Fußball Leidenschaft und Emotion.

Was macht der DFB falsch?

Lange: Einiges, zum Beispiel, dass er die chinesische Junioren-Nationalmannschaft in der Regionalliga mitspielen lässt und dies über die Köpfe der Vereine entschieden hat. Damit wertet er den Wettbewerb ab, das ist ein Verrat an den Werten, da wird Fußball zum Zirkus degradiert.

Wie beim Pokalfinale, als Helene Fischer in der Pause im Olympiastadion sang?

Lange: Ja, das war auch Zirkus. Wenn der DFB das will, kann er so weitermachen. Wenn nicht, muss er den Leuten das endlich deutlich zu verstehen geben und auch adäquat handeln.

DFB-Pokal: Fan-Randale beim Spiel Hansa gegen Hertha

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  • Überschattet von schweren Fanausschreitungen hat Hertha BSC mit einem 2:0 (0:0)-Sieg bei Hansa Rostock im Endspurt die 2. Runde im DFB-Pokal erreicht.

    Foto: Axel Heimken
  • Rostocker Hooligans zünden Stadionsitze und einen Banner der Berliner an.

    Foto: Axel Heimken
  • DFB-Pokal: Fan-Randale beim Spiel Hansa gegen Hertha Foto: Axel Heimken
  • Die Hansa-Ultras setzen Hertha-Banner und Sitze in Brand.

    Foto: Axel Heimken
  • Hooligans verbrennen einen Hertha Fan-Schal. Das Pokalspiel wurde in der 76. Minute wegen Zuschauerrandale unterbrochen.

    Foto: Axel Heimken
  • Schiedsrichter Robert Hartmann musste die Partie zweimal unterbrechen, einmal für zwei Minuten, in der 76. Minute sogar für 18 Minuten.

    Foto: Axel Heimken
  • Eine versperrte Tür zur Rostocker Fan-Tribüne war der Grund für das zurückhaltende Auftreten der Polizei während der Ausschreitungen beim DFB-Pokalspiel zwischen Hansa Rostock und Hertha BSC.

    Foto: Axel Heimken

Fußball-Fans begehren nicht nur gegen Kommerz und wie Sie sagen Zirkus auf, sondern auch gegen Kollektivstrafen.

Lange: Zu Recht. Kollektivstrafen sind immer ungerecht und treffen in mehr als 99 Prozent der Fälle die Falschen. In Dortmund blieb in der vergangenen Saison einmal die komplette Südtribüne leer. Da wurden weit über 20.000 unschuldige Fans grundlos und knallhart ausgesperrt. Und dies von einem Sportgericht, das keinerlei Sachkenntnis hatte.

Was meinen Sie damit?

Lange: Dass da Leute urteilen, die noch nie in einem Fanblock gestanden haben und nicht wissen, was es für viele heißt, mit einem lockeren Federstrich ausgeschlossen zu werden.

Wie kann man das und andere Missstände ändern?

Lange: Indem der DFB zumindest versucht, die Fans zu verstehen und einzubinden in wichtige Prozesse. Zurzeit hat der Fan doch nirgendwo eine Stimme und wird nur als Melkkuh gebraucht. Er soll zu den Spielen kommen, kein Theater machen, nach Abpfiff ruhig nach Hause gehen und am besten vorher noch drei Trikots kaufen. Verbände und Vereine sollten sich darüber Gedanken machen, was sie wären und wo sie stünden, wenn es nicht dieses gigantische Interesse am Fußball geben würde. Letztendlich steht und fällt alles mit den Fans.

Hannovers Präsident Martin Kind hat unlängst gesagt, dass er die Ultras am liebsten komplett verbannen würde. Ihre Meinung?

Lange: Da haben in England einige deutlich über die Stränge geschlagen, aber deshalb kann ich doch nicht pauschal und willkürlich alle Ultras rauswerfen. Im Leben muss man bereit sein, sich auch mit unbequemen Dingen auseinanderzusetzen. Eines zu Hannover und Kind: Dass dort ein Unternehmer einen Fußballclub als privates Spielfeld nutzt, widerspricht unseren Vereinsstrukturen. In Leipzig ist das nicht anders. Auch in diesen Dingen würde ich mir klare Positionen seitens des DFB wünschen.

In Dortmund gibt es aktuell den Fall Dembélé, der den Club trotz gültigen Vertrages verlassen will und deshalb einfach nicht zum Training erschien ...

Lange: Das ist Wasser auf die Mühlen der Unzufriedenen und zeigt, dass sich der Fußballer nicht mehr als solcher, sondern als Unternehmer sieht und verhält, der die eigenen Interessen über die des Vereins und des Kollektivs stellt. Deshalb sind bei den Fans auch selten jene Spieler die Stars, die am besten Fußball spielen. Fans gefällt Vereinstreue, sie lieben authentische Kultspieler und echte Typen wie es Kevin Großkreutz in Dortmund und Stuttgart war und es jetzt schon in Darmstadt ist. Fans sehnen sich nach Identität und Nähe. Aber das gibt es zunehmend weniger.

Gibt es ein Zurück?

Lange: Schwierige Frage. Vielleicht ist die Bundesliga in 15, 20 Jahren tatsächlich nur noch ein großer Zirkus. Vielleicht beteiligen sich die Spitzenclubs aber doch nicht am internationalen Ablöse-Wahnsinn im dreistelligen Millionen-Bereich und setzen auf ein tolles nationales Produkt. Vielleicht verlässt sogar der DFB die Komfortzone, setzt sich wirklich mit den Fans auseinander und gibt ihnen Mitspracherecht. Es wäre überfällig.

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