Serie: 50 Jahre Bundesliga - Spielzeit 1964/65
Schwarzgeld im Sarg – ältester Trainer lässt modernsten Fußball spielen

Münster -

Am 8. Mai 1965 war Werder Bremen Deutscher Fußballmeister – eine Sensation. Doch die Fußball-Nation kannte im Sommer 1965 nur ein Thema: den Skandal um schwarze Kassen und verbotene Handgelder. Die Bundesliga war noch nicht mal zwei Jahre alt – und stand schon auf der Kippe.

Dienstag, 22.01.2013, 12:01 Uhr

Die Sendung hieß „Wahn und Wirklichkeit“ und erschütterte den DFB und seine neue Liga. Vier Tage, nachdem das DFB-Bundesgericht den Ausschluss von Hertha BSC wegen verbotener Handgeld- und Gehaltszahlungen bestätigt hatte, packten die Berliner Bosse im Studio des Senders Freies Berlin aus.

Detailliert nannten die in die Enge getriebenen Herthaner Namen und Zahlen. 13 der 15 Ligakonkurrenten beschuldigten sie ähnlicher Verstöße, zwei Dutzend Fußballer wurden angeprangert. Zum Verständnis: Erlaubt waren Handgelder von 10 000 DM, die maximale Ablösesumme lag bei 50 000 DM, und das Grundgehalt durfte 500 DM nicht überschreiten; mit Prämien sollte ein Lizenzspieler nicht mehr als 1200 DM verdienen.

Der Realität entsprach das nicht. Hertha zahlte mehr als erlaubt, wie fast alle. Der Unterschied: Die Berliner ließen sich erwischen, durch einen Fehlbetrag von 192 000 DM auf dem Klubkonto. Schatzmeister Günter Herzog, ein Beerdigungsunternehmer, hatte Schwarzgeld und Eintrittskarten in seinem Unternehmen versteckt – in den Särgen . . .

Nach der Fernsehsendung entrüsteten sich alle Vereine, doch der Aufforderung des DFB, die Berliner zu verklagen, kam keiner nach. Vergeblich forderte HSV-Präsident Carl-Heinz Mahlmann: „Amnestie nach hinten, Freizügigkeit nach vorne.“ Doch daraus wurde nichts, es wurde weiter geheuchelt. Und Hertha, stellvertretend für alle, aus der Bundesliga gejagt.

Auch in Bremen wurde mehr gezahlt als erlaubt, aber kein anderer Klub setzte das Geld so klug ein wie der SV Werder. Mit Verstärkungen vor allem aus dem Ruhrgebiet stieg der Außenseiter auf zum Überraschungsmeister. Vater des Erfolgs war Trainer Willy Multhaup , den alle nur „Fischken“ nannten – sein Vater hatte in Essen ein Fischgeschäft geführt.

Multhaup war mit 62 Jahren der älteste Trainer der Liga, aber er ließ den modernsten Fußball spielen: Er erfand den Libero, den der brillante Helmut Jagielski gab, er ließ die Verteidiger Sepp Piontek und Horst-Dieter Höttges stürmen, er legte Wert auf Defensive und Konter. „Er hat uns das Laufen beigebracht, das war die Grundlage. Und er war ein ganz feiner Mensch“, sagt Arnold Schütz über den Trainer.

In der zweiten Saison der jungen Bundesliga kletterte der Zuschauerschnitt auf über 27 000. Doch es war auch eine Saison der Skandale, und das lag nicht nur an den Sünden der Dame Hertha.

In Neunkirchen flogen Flaschen gegen den Schiedsrichter, ein Fanatiker schlug den Bremer Höttges nieder. In Berlin stürmten Hunderte nach einer Heimniederlage den Rasen, bedrohten und beschimpften die eigenen Spieler. Und in Kaiserslautern gab es den ersten Toten: Ein 58-Jähriger aus Heßheim wurde im völlig überfüllten Block gegen eine Kettenabsperrung gedrückt und tödlich verletzt.

Und auch mit der Vorbildfunktion mancher Spieler, die später als Idole verklärt wurden, war es nicht immer so weit her. In Hamburg weigerte sich die Mannschaft, mit „Charly“ Dörfel zu spielen, weil der Clown vom linken Flügel sich offensiv bei anderen Klubs angeboten hatte. Und auf Schalke stöhnte Klubchef Fritz Szepan über die Lustlosigkeit von Reinhard Libuda: „Wenn man mit 20 schon ’nen Porsche fährt . . .“

In Bremen gab’s keinen Porsche-Fahrer. Beliebtestes Auto beim Meister war der VW 1200. Drei Spieler machten bei der Umfrage des Fachblattes „Kicker“ nach den Wagen keine Angabe: Sie waren noch Fußgänger.

Nächste Folge: 1965/66 – der schlechteste Bundesligist aller Zeiten.

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