Fußball: Bundesliga
Schalker Klaus Fichtel im Derby-Interview: „Und ab die Post“

Münster -

Das Derby am Samstagnachmittag elektrisiert die Massen. FC Schalke 04 gegen Borussia Dortmund. Der alte Königsblaue Klaus Fichtel hat die meisten Duelle dieser beiden Erzrivalen bestritten. Im Interview liefert er interessante Anekdoten und Ansichten.

Donnerstag, 30.03.2017, 13:03 Uhr

Man beachte die Trikotwerbung: Klaus Fichtel bestritt 24 Revierderbys für Schalke 04 gegen Borussia Dortmund. – mehr hat bislang keiner absolviert.
Man beachte die Trikotwerbung: Klaus Fichtel bestritt 24 Revierderbys für Schalke 04 gegen Borussia Dortmund. – mehr hat bislang keiner absolviert. Foto: Witters

Keiner hat mehr Derbys bestritten – insgesamt 24. Kein Schalker Spieler hat mehr Erfahrung im Spiel mit dem ungeliebten Nachbarn und kein Königsblauer hat mehr Siege gegen Borussia Dortmund in seiner Vita als Klaus „Tanne“ Fichtel. Und wäre sein letztes Derby siegreich und nicht 1:1 (1988) ausgegangen, wäre er der Spieler überhaupt mit den meisten Derbysiegen. So hat er neun, Dortmunds Michael Zorc deren zehn. Klar, dass der ehemalige Nationalspieler (23 Länderspiele, ein Tor) dem 150. Ruhrpottklassiker zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund an diesem Samstag (15.30 Uhr) wieder mit Spannung entgegenblickt. Unser Redaktionsmitglied Jürgen Beckgerd fragte den 72-Jährigen nach den Besonderheiten, Stimmungen und Geschichten der Revierderbys – und erhielt erstaunliche Antworten. Beispielsweise die, als die Schalker – 1966 war das – im Wortsinn blindlings ins Verderben liefen.

Herr Fichtel, was war Ihr schönstes Derby-Erlebnis?

Klaus Fichtel : Ach herrje, das ist schon so lange her. Da stand Eike Immel noch im Tor der Borussia. Das war 1978. Wir haben mit 5:1 zu Hause gewonnen. Da habe ich mein bisher einziges Tor-Tor geschossen. (

Und Ihr schlimmstes Derby?

Fichtel: Das weiß ich noch genau. Wir haben in Dortmund gespielt und man konnte vor lauter Nebel nicht von einem 16er zum anderen sehen. Damals war Dortmund wirklich sehr, sehr stark und wir waren erst noch auf dem Weg zu einer guten Mannschaft. Wir haben hoch verloren.

Woraus resultiert eigentlich die Derby-Faszination, die Fußball-Deutschland so in seinen Bann zieht?

Fichtel: Man konnte einfach nie irgend etwas voraussagen. Ganz gleich, wer gerade oben oder unten in der Tabelle stand. Die Faszination resultiert aus der besonderen Rivalität. Ich weiß es noch, als damals Rudi Assauer beim BVB und ich auf Schalke spielten. In 90 Minuten war unsere Freundschaft erloschen, da ging’s richtig zur Sache. Nach dem Schlusspfiff war dann aber alles wieder vergessen.

Was alles so passiert

Das letzte Revier-Derby zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund war, zumal torlos, eher fad. Das war beileibe nicht immer so: Da wird der Schalker Friedel Rausch von einem Schäferhund eines Ordners gebissen (1969), erzielt Schalke-Torwart (!) Jens Lehmann per Kopf den 2:2-Ausgleich in allerletzter Spielminute (1997), verdirbt Dortmund dem ungeliebten Nachbarn die Meisterschaft durch ein 2:0 im Westfalenstadion (2007) und verhilft Stuttgart dadurch zum Titel – und da gibt Schalke einen 3:0-Vorsprung aus der Hand (2008), auch weil Schiedsrichter Lutz Wagner nach ganz exklusiver „Wahrnehmung“ (Wagner) erst Christian Pander und dann Fabian Ernst fälschlicherweise vom Platz stellt, beim 2:3 durch Alexander Frei das Abseits verkennt und den Handelfmeter (Frei) zum 3:3 unberechtigt gibt. Die Derbys bargen Zündstoff genug – am Samstag steht das 150. Nachbarschaftsduell an.

...

Heutzutage, da auch der Fußball mehr globale als nationale Bedeutung zu haben scheint, kommt die Derby-Brisanz doch ein wenig anachronistisch daher, oder?

Fichtel: Kann sein. Es kommen ja immer weniger Spieler aus dem unmittelbaren Umfeld der beiden Vereine. Da fällt es natürlich schwer, eine Rivalität, wie wir sie kannten, zu entwickeln. Die Jungen haben, glaube ich, wirklich nicht mehr den Zugriff auf den Derby-Charakter.

Haben Sie noch Kontakt zu den alten Rivalen von damals?

Fichtel: Klar, bis zu seinem Tod vor einigen Monaten, mit Aki Schmidt beispielsweise. Und wenn wir mit unseren Traditionsmannschaften gegeneinander spielen sowieso. (

Sind Sie denn am Samstag auch im Stadion?

Fichtel: Aber sicher. Wir haben mit unserer Traditionsmannschaft so etwa 22 Plätze fest.

Die Derbys zwischen Schalke und Dortmund hatten in der jüngsten Vergangenheit leider auch ein hohes Aggressionspotenzial unter den Fans. War das zu Ihrer aktiven Zeit eigentlich auch schon so ausgeprägt?

Fichtel: Nein. Rivalität gab es vornehmlich auf dem Platz. Aber es ist doch auch so: Von den Randalieren interessiert es ja doch kaum jemanden, was auf dem Platz passiert.

Trainer, denen ein Derby-Sieg gelingt, werden von den Fans gefeiert, ihnen haftet beinahe so etwas wie ein Ewigkeitsnimbus an. Zu Recht?

Fichtel: Es ist ja das Spiel des Jahres. Immer noch. Das Derby zu gewinnen, war damals schon fast wichtiger als die Deutsche Meisterschaft. Die meisten Spieler kamen aus der unmittelbaren Umgebung. Also: Ärmel hoch und dann ging’s zur Sache. Die Trainer kannten sich ja auch untereinander und wenn es dann gegeneinander ging, hieß es „und ab die Post“. In der heutigen Zeit, glaube ich, haben viele junge Spieler keinen Zugriff mehr auf den Begriff Revier-Derby.

Und wie geht’s am Samstag aus?

Fichtel: Normalerweise ist Dortmund der Favorit mit deren starker Offensive. Aber Schalke muss nicht verlieren. Es kommt wohl auf die Taktik an. Wir müssen möglichst lange das 0:0 halten . . . und dann hoffen wir.

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