Revierclub trennt sich von sportlicher Führung
Das große Aufräumen auf Schalke

Gelsenkirchen/Münster -

Der FC Schalke 04 trudelt weiter in Richtung 2. Fußball-Bundesliga - und holt jetzt zum Rundumschlag aus. Trainer und Sportvorstand sind Geschichte. Doch kommt die Entscheidung vielleicht zu spät?

Sonntag, 28.02.2021, 16:20 Uhr aktualisiert: 28.02.2021, 16:53 Uhr
Das Trainingsgelände auf Schalke wird derzeit umgebaut
Das Trainingsgelände auf Schalke wird derzeit umgebaut Foto: dpa

Fußball spielen können sie auf Schalke nicht. Jedenfalls nicht so gut, dass es für die Bundesliga reichen würde. Sie spielen sogar so schlecht, dass es für sämtliche Negativ-Rekorde ausreicht: die meisten Gegentore, die wenigsten Heimsiege, die wenigsten Siege überhaupt, die schlechteste Hinrunden- und die schlechteste Rückrundenbilanz bisher und die schlechteste Punktausbeute.

Sie können auch keinen Verein führen auf Schalke. Sie verpflichten vier Trainer hintereinanderweg, ohne auch nur einmal den richtigen gefunden zu haben. Sie vermasseln seit Jahren die Bilanzen, tragen weit über 240 Millionen Euro Verbindlichkeiten mit sich herum, obwohl der pandemiebeeinflusste Geschäftsbericht ohne Zuschauereinnahmen und reduzierte Fernsehgelder für 2021 noch gar nicht vorliegt und weit Schlimmeres befürchten lässt. Schlimm, weil Schalke 04 in den Jahren seit Gründung der Deutschen Fußball-Liga im Jahr 2001 insgesamt 15 Mal in der Champions und Europa League spielte und sich an deren Fleischtöpfen mit Aber-Millionen Euro labte. Das Finanzgerüst war darauf angelegt: „Wir haben auf die Teilnahme am internationalen Wettbewerb wetten können. Diese Wetten sind nun vorbei“, hatte Vorstandsmitglied Alexander Jobst vor wenigen Monaten kundgetan. Eine Offenbarung.

Schalke macht den Rundumschlag

Zustimmender Zuhörer auf dem Podium war Sportvorstand Jochen Schneider. Auch der ist Geschichte. Schalke hat zum Rundumschlag auf nahezu sämtlichen sportlichen Führungsebenen ausgeholt. Am Sonntag wurden die bisherigen Chef-Trainer Christian Gross (gekommen im Dezember 2020) und sein Assistent Rainer Widmayer (gekommen im Januar 2021) freigestellt. Auch Sascha Riether, Koordinator Lizenzspielerabteilung, und Werner Leuthard, Leiter Performance Lizenzspieler wurden von ihren Aufgaben entbunden.

Gross war der vierte Trainer in dieser Saison nach David Wagner , Manuel Baum und Huub Stevens. Die sportliche Gesamtverantwortung trägt demnach bis auf Weiteres der bisherige Nachwuchsdirektor Peter Knäbel. Er werde bei den Planungen für die nächste Saison von U-19-Cheftrainer Norbert Elgert und Mike Büskens unterstützt. U23-Manager Gerald Asamoah soll vorerst Riethers Aufgaben übernehmen, hieß es in der am Sonntag veröffentlichten Mitteilung. Ob Mike Büskens bis zum Saisonende als Trainer übernimmt, blieb zunächst noch unbeantwortet. Die „Bild“ hatte den 51-jährigen ehemaligen Schalker „Eurofighter“, der schon dreimal als Interimslösung auf der Schalker Trainerbank tätig war, als mögliche Zwischenlösung genannt.

Schalke steht seit der unter Trainer David Wagner begonnenen beispiellosen Niederlagenserie extrem unter Druck. Neun Punkte beträgt der Abstand zum Relegationsplatz bei noch elf ausstehenden Spielen. Der Abstieg ist noch nicht besiegelt, es ist ein Kraftakt sondergleichen nötig, den zu verhindern. Nur mit wem?

Es brodelt auch in der Mannschaft

Derweil auf nahezu allen Führungsebenen falsche Entscheidungen getroffen wurden, ist die Mannschaft natürlich mit in den Fokus gerückt. Am Wochenende, kurz vor dem 1:5-Debakel beim VfB Stuttgart, wurden Gerüchte laut, dass es eine Spielerrevolte gegen Christian Gross gegeben hätte. Ausgerechnet die zuvor als „Heilsbringer“ im Abstiegskampf neuverpflichteten Shodran Mustafi, Klaas-Jan Huntelaar und Sead Kolasinac sollen gegen den Coach aufbegehrt heben. Die Meldung darüber wurde mehr schlecht als recht dementiert. Es brodelt auch mannschaftsintern.

Kein Wunder, die lange Zeit der Erfolglosigkeit nagt am Selbstvertrauen, am Selbstverständnis und am Zusammenhalt. Anfang Januar verhinderte der 4:0-Erfolg gegen 1899 Hoffenheim, dass das Paradebeispiel fürs Nichtkönnen fußballerischen Tuns – die Rekordserie von Tasmania Berlin mit 31 Spielen ohne Sieg – von Schalke doch nicht eingestellt wurde. Danach war alles wieder wie zuvor: Acht von elf Pflichtspielen wurden unter Gross verloren. Die Achterbahnfahrt kannte nur eine Richtung: freier Fall. Daran änderten auch die Winterverpflichtungen von Huntelaar (der es bis auf einen Kurzeinsatz verletzungsbedingt gar nicht in den Kader schaffte), Mustafi und Kolasinac nichts.

Blick geht in die zweite Liga

Dass der Bock in den verbleibende elf Spielen umgestoßen werden könnte, daran glauben die Wenigsten Umso mehr müsste der Blick auf die 2. Bundesliga und einen Neuanfang im Unterhaus gelegt werden. Die Lizenz dafür und die Finanzierung eines schlagkräftigen Kaders sei nicht das Problem, hatte Finanzvorstand Christina Rühl-Hamers gesagt. „Für ein Jahr“, sagte sie auch. Man muss es können können – auf allen Ebenen. Das ließ der Verein bislang vermissen. Die Gefahr, dass aus einem Scherbenhaufen ein Trümmerfeld übrig bleibt, ist groß.

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