Nationalspieler, Bundesliga-Profi, Sportinvalide
Der leise Abgang des Christian Pander

Zeit, zurückzublicken – nicht, um abzurechnen. Das liegt Christian Pander nicht. Der Bundesiga-Fußballer, der in der C-Jugend des SC Greven 09 und später bei Preußen Münster das Fußball-ABC lernte und beim FC Schalke 04 das große Einmaleins, ist ab sofort Ex-Profi. Seine Krankenakte liegt bei der Berufsgenossenschaft, sechsmal ist sein lädiertes Knie operiert worden. 

Sonntag, 15.01.2017, 10:38 Uhr
Sensationell: Nationalspieler Christian Pander erzielt mit diesem Schuss den 2:1-Siegtreffer im Londoner Wembley-Stadion gegen England im August 2007.
Sensationell: Nationalspieler Christian Pander erzielt mit diesem Schuss den 2:1-Siegtreffer im Londoner Wembley-Stadion gegen England im August 2007. Foto: Witters

Im vergangenen Jahr rackerte der 33-Jährige im Rehazentrum Medicus im Schatten der Schalke-Arena und nicht mehr auf dem Platz. Vergeblich, weil die Krankenakte des Nationalspielers mit der Zeit immer dicker wurde. Zu dick.

Wie ist das, wenn man tschüss sagt zu einem Umfeld, das ebenso privilegiert wie prägend war über Jahre und Jahrzehnte? „Weiß nicht“, sagt Christian Pander und trinkt einen Schluck stilles Wasser, das er sich zuvor in dem Hiltruper Café bestellt hat. Komisch. Die Leute gehen vorbei, nehmen keine Notiz von dem Fußballer, der Deutschland 2007 zum Sieg im neuen Londoner Wembley-Stadion (2:1) geschossen, der für Schalke 78 und Hannover 64 Bundesligaspiele absolviert hatte.

„Weiß nicht“, sagt Pander noch einmal. „Die Entscheidung wurde mir ja abgenommen. Es ist ja nicht so, dass ich eine Riesengeschichte daraus mache. Den Leuten, die sich melden, denen erzähle ich was“. Er ist zufrieden, dass er sich nun frei bewegen kann, sagt er. Rummel um seine Person, wie damals nach seinem Nationalmannschaftsdebüt in England, hat er weder gesucht noch gemocht.

Sein Abschied ist „pander-like“. An sein allerletztes Spiel kann er sich schon nicht mehr erinnern: „Keine Ahnung, wann das war“. Es war im Februar 2015 gegen den 1. FC Köln .

Zwischen Traum und Trauma

Christian Pander schiebt keinen Frust. „Ich bin total aufgeräumt“, sagt er. „Desillusioniert“ passt besser zu seinem Seelenzustand als „frustriert“ nach seinen beiden Profistationen. Auf Schalke – seine ganz große Liebe – war er nach zehn Jahren nicht einmal Blumen zum Abschied wert.

In Hannover gab‘s zwar zum Schluss einen Strauß, aber zuvor sportlich unter Trainer Tayfun Korkut keine Chance mehr. „Als Michael Frontzek übernahm, habe ich richtig Gas gegeben. Vergebens“, blickt Pander zurück. Die Verletzung. Das Knie. 96 stieg 2016 in die 2. Bundesliga ab.

„Ich wollte nie eine Sonderbehandlung, habe mich nie gedrückt im Training“. Manche Trainer akzeptierten, dass bestimmte Übungen nicht gut für ihn sind. Ein anderer bestand darauf, dass er – trotz der Knieblessuren – die Stufen des Stadion hinaufspringen sollte, wie die Mitspieler auch.

Nicht an der Motivation gescheitert

Pander machte weiter – im Rehazentrum Medicus auf Schalke. „Ich hatte den Willen, es gab ja einige Anfragen, aber die konnte ich nicht bedienen. Ich bin nicht an der Motivation gescheitert, sondern an meinem Körper.“ Eine bittere Einsicht. „Ich hätte mir auf Schalke wie in Hannover ein anderes Ende gewünscht“, sagt er und lehnt sich entspannt zurück. Kein Groll, keine Anklage.

Pander weiß, wie Profifußball funktioniert. „Ich habe beide Seiten, beide Welten, kennengelernt.“ Ins Ausland wäre er gern gewechselt – „das hätte ich mitgenommen“, sagt er. „Obwohl, bei meiner Krankengeschichte wäre ich wahrscheinlich unglücklich geworden. Wie unterhältst du dich mit einem Arzt, wenn du dessen Sprache nicht beherrschst?“

Christian Pander - Stationen seiner Fußballer-Karriere

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  • Christian Panders Profikarriere beginnt im Sommer 2001, als er von Preußen Münster zu Schalke 04 wechselt.

    Foto: Peperhowe
  • Im Sommer 2004 feiert Pander sein Bundesliga-Debüt beim Auswärtsspiel des FC Schalke 04 in Bremen.

    Foto: Hiegemann
  • Nur einen Monat später steht Pander beim 2:0-Sieg der neu formierten deutschen U21-Nationalmannschaft gegen Litauen auf dem Rasen.

    Foto: dpa
  • Doch auf eine sehr gute erste Spielzeit „auf Schalke“ folgt ein Kreuzbandriss im Frühjahr 2005, der ihn zu einer längeren Verletzungspause zwingt. Dadurch verpasst Pander auch sein geplantes Länderspiel-Debüt unter Jürgen Klinsmann...

    Foto: Peter Leßmann
  • ...doch Joachim Löw beruft ihn im Sommer 2007 wieder in den Kader der Nationalelf.

    Foto: dpa
  • Am 22. August 2007 bestreitet Pander sein erstes A-Länderspiel und erzielt sogar das 2:1-Siegtor im neuen Londoner Wembley-Stadion.

    Foto: dpa
  • In der Saison 2007/08 spielt Pander mit dem FC Schalke 04 in der Champions League, wo die Königsblauen erst im Viertelfinale an Barcelona scheitern.

    Foto: dpa
  • Nach einem weiteren Bänderriss muss Pander wieder für einige Monate pausieren, in der Saison 2009/10 bestreitet er kein einziges Bundesligaspiel.

    Foto: Peter Leßmann
  • Unter Felix Magath kämpft sich Pander wieder zurück ins Profiteam und läuft nach 17-monatiger Verletzungspause im Dezember 2010 gegen die Bayern auf.

    Foto: dpa
  • Nach sieben Jahren in Gelsenkirchen läuft sein Vertrag bei Schalke im Sommer 2011 aus: Insgesamt hat er in dieser Zeit fünf Tore in 78 Ligaspielen erzielt.

    Foto: dpa
  • Mirko Slomka, der zwischen 2004 und 2008 als (Co-)Trainer bei Schalke gewesen war, holte Pander im Sommer 2011 zu Hannover 96, wo er es auf 63 Spiele und 2 Tore brachte.

    Foto: dpa
  • Pander blieb in seiner Profilaufbahn stets seiner Heimatstadt Münster verbunden, wie hier beim Freundschaftsspiel mit Hannover 96 gegen Preußen Münster im Sommer 2012 in Telgte...

    Foto: Wilfried Hiegemann
  • Nachdem im Sommer 2015 sein Vertrag in Hannover ausgelaufen war, hielt Pander sich bei Schalke 04 fit, bekam aber keinen neuen (Profi-)Vertrag angeboten. Der 32-jährige hätte nach eigenen Angaben „schon noch Lust“, solange sein linkes Knie das Fußballspielen noch aushält...

    Foto: Jürgen Peperhowe

Mit etwas mehr Glück wäre alles vielleicht besser gekommen, mit etwas Pech vielleicht auch schlechter. Pander ist keiner, der sich beklagt. Jürgen Klinsmann hatte ihn damals eingeladen auf die Asienreise der Nationalmannschaft. Im Jahr 2004 war das. Pander musste kurz vor knapp verletzungsbedingt absagen. Ausgerechnet in Gelsenkirchen bestritt er sein erstes inoffizielles Länderspiel zugunsten der Flut-Opfer gegen eine All-Star-Mannschaft. Dann kam Wembley.

Auf Schalke hat ihn das Publikum geliebt. Nach 17 Monaten währender Rehabilitation kehrte er 2010 gegen den FC Bayern zurück ins Team. Das Stadion feierte ihn, das Publikum stand auf und applaudierte. Es trieb einem die Gänsehaut hoch und runter. Ein Jahr später wurde er mit den Knappen DFB-Pokalsieger in Berlin. Sein letzter großer Triumph.

Das Private lief geräuschlos ab

Christian Pander hat früh den Profifußball mit allen Facetten kennengelernt. „Es geht ja lange nicht mehr ums Kicken. Die Clubs sind Wirtschaftsunternehmen. Punkt. Es geht um Gewinn und Verlust. Im Grunde genommen habe ich die Faszination am Fußball während meiner Karriere verloren.“ Die Strategien der Boulevardpresse: „Die habe ich früh durchschaut. Ich hatte nie den Drang, mich darzustellen.“ 

Ich hatte den Willen, es gab ja einige Anfragen, aber die konnte ich nicht bedienen. Ich bin nicht an der Motivation gescheitert, sondern an meinem Körper.

Christian Pander

Das Private lief geräuschlos ab. Nach dem tollen Wembley-Tor „rief mich mein Berater an: ‚Pass auf, was jetzt auf dich hereinprasselt‘“. Pander passte auf – und arbeitet an seiner Zukunft, studiert Sportmanagement und hängt sich rein. „Da ist ja keiner, der auf mich als Trainer oder Manager wartet“.

Der Mann ist mit sich im Reinen: „Ich bin glücklich, wie es gelaufen ist. Trotz der Verletzungen: Alles ist gut. Ich bin keiner, der der Vergangenheit hinterherläuft. Und vielleicht ist es ja so, dass die schönste Zeit wirklich nach der Karriere kommt.“ Kein Groll, keine Abrechnung. Mit nichts und niemandem.

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