Fußball
Voetbal totaal – die Niederlande sind wieder auf der Überholspur

Münster -

Bei der Europameisterschaft 2016 sowie zwei Jahre später bei der Weltmeisterschaft in Russland war die Elftal nur Zuschauer. Eine bittere Erfahrung, aus der die Niederländer ihre Lehren gezogen haben – und dadurch wieder auf der Überholspur sind.

Freitag, 22.03.2019, 19:04 Uhr aktualisiert: 23.03.2019, 13:13 Uhr
Von der Lachnummer zur Partytruppe: Der niederländische Fußball hat die Talsohle überwunden und ist gewaltig auf dem Vormarsch.
Von der Lachnummer zur Partytruppe: Der niederländische Fußball hat die Talsohle überwunden und ist gewaltig auf dem Vormarsch. Foto: dpa

Wenn Ronald ­Koeman auf seine nun einjährige Amtszeit als Bonds­coach zurückblickt, beschwört er das niederländische Mirakel. Er kann die Nations League gar nicht hoch genug bewerten als Gruppensieger gegen den amtierenden Weltmeister Frankreich. Doch noch wichtiger, wesentlich bedeutender für den Umschwung bei der Elftal ist etwas anderes: „Die Ergebnisse gegen Deutschland haben bei unseren Spielern Wunder bewirkt.“ Der 3:0-Triumph im Hinspiel sowie das 2:2 – nach 0:2-Rückstand – im zweiten Aufeinandertreffen in Gelsenkirchen interpretiert der 55-Jährige als Entwicklungsmeilensteine, als positive Schlüsselerlebnisse.

Die Niederlande sind im Fußball, nach zwei mehr oder weniger desaströsen Nicht-Qualifikationen für die EM 2016 in Frankreich sowie die WM 2018 in Russland, wieder wer. Dabei hatte der Sportjournalist Pieter Zwart eine bemerkenswerte Analyse verfasst, die gleichermaßen den Niedergang des holländischen Fußballs beschrieb wie die Vorzüge des deutschen verklärte. Vom „totalen Fußball“, vom Voetbal totaal, war Oranje Anfang 2018 weiter entfernt denn je.

Koeman lockert die Ketten

Johan Cruyff , die verstorbene höchste Fußballinstanz des Landes, hatte sein beim FC Barcelona als Spieler und Trainer weiterentwickeltes 4-3-3-System zum einzig wahren Konzept erklärt. Alternativlos praktisch. Erst die Qualifikationsdebakel und Koeman lockerten die Ketten von Übervater Cruyff. Bereits 2014 sollte Koeman Nationaltrainer werden, doch Guus Hiddink bekam den Vorzug. Nach dem Aus von Dick Advocaat übernahm er mit Verspätung, die Faust in der Tasche lockerte sich.

„Das Team hat jetzt eine Hierarchie, ganz klar, und Koeman ist der Boss“, erklärt Peter Hyballa . Der 43 Jahre alte Fußballlehrer, in Rotterdam aufgewachsen und mit der Lehre von Cruyff als Trainer sozialisiert, kommentiert als TV-Experte für DAZN die Partien von Oranje. Virgil van Dijk, der Innenverteidiger des FC Liverpool, ist für ihn die Instanz auf dem Feld schlechthin. Ein unumstrittener Leader in der Ära nach den gleichermaßen filigranen wie empfindlichen Arjen Robben, Wesley Snijder oder Robin van Persie. Koeman und van Dijk, Anführer – das deutsche Team sucht da noch nach Ankern.

Jungstars als Profiteure

Hollands Jungstars sind zudem Profiteure der Misere, sie durften spielen. Matthijs de Ligt debütierte mit 17 Jahren gegen Bulgarien, ein Desaster. „Er und auch Frenkie de Jong wurden mit 18 oder 19 Jahren in der Nationalelf einfach weitergebracht“, so Hyballa, der in der Slowakei Tabellenzweiter mit Dunajska Streda in der Meisterrunde ist. De Ligt und de Jong stehen beim FC Barcelona oder Bayern München auf der Wunschliste, rund 140 Millionen Euro dürfte Ajax Amsterdam für das Duo kassieren. Der Club demonstrierte unlängst in der Champions League beim 4:1 bei Real Madrid, was mit einem passenden jugendlichen Mix voller Supertalente geht. Vieles.

Oranjes Fußball ist auf der Überholspur, plötzlich Favorit gegen den vierfachen Weltmeister. „Zum jetzigen Zeitpunkt schon“, macht sich DFB-Teammanager Oliver Bierhoff klein. Doch der niederländische Fußball neigt seit jeher zur Überheblichkeit. Man halte sich schnell für unschlagbar, so wie 1974, als das WM-Finale von München eine sichere Sache für Cruyff und seine Komparsen schien. Deutschland gewann mit 2:1.

„Es ist wohl so“, sagt Hyballa, der Trainer-Grenzgänger zwischen Deutschland und Holland, augenzwinkernd, „dass die deutschen Trainer die schlausten sind, die niederländischen aber die oberschlausten.“

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