Fußball: WM-Qualifikation
Nach dem 6:0 gegen Norwegen: Das Ende der „Akte Werner“?

Stuttgart -

Die Stimmung hätte nach dem 6:0 gegen Norwegen kaum besser sein können bei den deutschen Nationalspielern, von denen einer besonders im Mittelpunkt stand. Timo Werner erzielte an alter Wirkungsstätte in Stuttgart zwei Tore und kam endlich einmal in den Genuss von positiven Sprechchören der Fans.

Dienstag, 05.09.2017, 17:09 Uhr

Glückwunsch: Mitspieler Joshua Kimmich (rechs) gratuliert Timo Werner zur zwei Toren und einer famosen Leistung.
Glückwunsch: Mitspieler Joshua Kimmich (rechs) gratuliert Timo Werner zur zwei Toren und einer famosen Leistung. Foto: dpa

Selbst Mario Gomez , der über eine Stunde lang auf der Bank schmorte, geriet angesichts des Traumfußballs, den seine Kollegen gerade vor der Pause zelebrierten, ins Schwärmen. „Wir haben gigantisch gespielt. Auch auf der Bank haben wir es richtig genossen“, sagte der Angreifer nach dem 6:0 (4:0) der DFB-Elf über Norwegen am Montag. Die Worte fielen dem Routinier leichter, weil er nach seiner Einwechslung auch noch per Kopf den Schlusspunkt gesetzt hatte. Doch im Kern trafen sie zu.

Das letzte Tor war ein passender Schlusspunkt des Abends voller Leckerbissen und perfekter Unterstützung von den Rängen. Denn fünf Ex-Stuttgarter, Antonio Rüdiger, Sami Khedira, Joshua Kimmich, Sebastian Rudy und eben Gomez, waren dran beteiligt. Der sechste frühere VfB-Spieler, Timo Werner , hatte seinen Arbeitstag da bereits beendet. Doch er war zweifellos der Mann des Abends. Wegen seiner beiden Tore, die wie alle vier anderen (auch Mesut Özil, Julian Draxler und Leon Goretzka trafen) wunderbar herausgespielt waren. Aber auch wegen seiner problematischen Vorgeschichte.

Deutschland - Norwegen - die DFB-Spieler in der Einzelkritik

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  • Marc-André ter Stegen: 

    Viel zu tun hatte der fehlerlose Keeper nicht. Selbst sein offensiver Spielstil war diesmal nicht gefordert.

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  • Joshua Kimmich:

    Kleine Ungenauigkeiten, aber immer wieder auf dem Weg nach vorn. Flanke zum 6:0.

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  • Antonio Rüdiger:

    Neu im Team und gleich voll da. Sachlich, unaufgeregt und fast unterfordert gegen erschreckend schwache Gäste.

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  • Mats Hummels: 

    Der Held von Prag verlebte diesmal einen etwas ruhigeren Abend. Chef der Defensive, seltene Ausflüge nach vorne.

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  • Jonas Hector:

    Unglaublich aktiv auf dem Weg nach vorne, leitete das 1:0 mit Übersicht, aber auch ohne Gegenwehr ein. Die Freiräume gefielen dem Kölner.

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  • Sebastian Rudy: 

    Erhielt den Vorzug vor Sami Khedira (l.) und fügte sich gut ein. Obwohl die Gäste wenig robust wirkten, bekam der 27-Jährige gut auf die Socken.

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  • Toni Kroos:

    Der Madrilene tauchte oft im Strafraum auf, ordnete gewohnt clever das Spiel. Die Glanzlichter überließ er anderen.

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  • Thomas Müller:

    Die Rückkehr auf die rechte Seite tat ihm gut. Zog konsequent nach innen, machte Kimmich Platz, bereitete zwei Mal vor. Vorzügliche Vorstellung, nur das Tor fehlte.

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  • Mesut Özil:

    Ihm behagt die Rolle im Zentrum mit allen Freiheiten. Diese gestattete ihm nicht nur der Bundestrainer, sondern auch der Gegner. Torschütze, Vorbereiter, Dreh- und Angelpunkt. Mit Sternchen. Deutschlands Bundestrainer Joachim Löw (l.) war sichtlich zufrieden mit ihm.

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  • Julian Draxler:

    Anfangs noch am unauffälligsten von allen Offensiven, dann aber ein eleganter Treffer und fortan viel besser ins Geschehen integriert. Nach der Pause überragend.

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  • Timo Werner:

    Was für ein Abend für den Ex-Stuttgarter. Zweifacher Knipser, stetiger Unruheherd und entgegen aller Befürchtungen vom Publikum gefeiert. Besser geht’s ja nicht.

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  • Leon Goretzka:

    Gerade drin und schon Torschütze direkt nach der Pause. Ohne Anpassungsprobleme.

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  • Sami Khedira:

    Zur Freude der Zuschauer nach einer Stunde eingewechselt. Gewohnt resolut.

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  • Mario Gomez: 

    Die Luft war raus, ehe er kam. Sein Tor ließ sich der gefeierte Routinier aber dann doch nicht nehmen.

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Sein Weggang aus dem Schwabenland verlief 2016 nach dem Abstieg nicht gerade reibungslos. Und in der Bundesliga wie in der Nationalmannschaft hatte der 21-Jährige bisher kein leichtes Standing. „Dass ich so herrlich begrüßt wurde nach der ganzen Geschichte, freut mich doppelt“, sagte der Blondschopf, der „ohne diese oder jene Erwartung“ angereist war. „Ich hatte hier ja auch viele schöne Jahre.“ Seine plumpe Schwalbe im vergangenen Herbst gegen Schalke und noch mehr der anschließende Umgang damit haben den Leipziger zum Buhmann gemacht. Sein ohnehin nicht beliebter Arbeitgeber RB spielte da sicher auch eine Rolle. Die Ballermann-Lachnummer „Ikke Hüftgold“ verschärfte die Lage mit einem eigenen Song noch mal auf peinliche Weise. Beim 2:1-Sieg in Tschechien am Freitag wurde er, wie schon in den Monaten zuvor von gegnerischen Fans, verhöhnt. Diesmal aber von deutschen Anhängern – die sich dort im Übrigen noch viel schlimmere Aussetzer erlaubten. Umso mehr freute ihn der warme Empfang in der alten Heimat. Gut möglich und wünschenswert, dass die traurige Akte „Werner-Bashing“ seit Montag geschlossen ist.

Der Jungstürmer wirkt nach außen nicht gerade locker, coole Sprüche kommen von ihm selten, eher austauschbare Analysen. Aber er stellt sich immer, auch in schweren Momenten. Sportlich gibt es sowieso keine Skepsis. Seine Art genügte einigen ehemaligen VfB-Kollegen dem Vernehmen nach einst, um ihn zu verspotten oder gar zu mobben. Die Flucht aus dem Ländle nach Sachsen war logisch. Nun dürften die Bayern bereits Lockversuche vorbereiten.

Denn Werner bringt einfach alles mit. „Er macht das, was dem Gegner wehtut. Das ist schwer zu verteidigen“, sagt Bundestrainer Joachim Löw. „Timo hat einen brutalen Zug zum Tor, seine Laufwege sind kaum zu stoppen. Die Unterstützung, die er diesmal bekommen hat, ist angemessen. Für uns hat er in wenigen Spielen schon viele Treffer erzielt.“ Genau sechs in acht Partien. Klingt, als habe da einer Gomez den Rang als Nummer eins im Sturm abgelaufen. „Nein, nein“, wiegelt das Supertalent ab. „Das noch nicht. Wir haben so viele gute Angreifer. Aber es ist schön, wie sich alles entwickelt.“ Deutschland ist um einen Hoffnungsträger reicher.

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