Deutschland führt beim 2:2 gegen die Niederlande bis zur 85. Minute 2:0
Doppelschock in der Schlussphase

Gelsenkirchen -

Das absolute Minimalziel zur Uraufführung der Nations League war zum Greifen nah. Doch die deutsche Nationalelf verschenkte eine beruhigende Führung gegen die Niederlande zum Finale des neuen Wettbewerbs ohne Not. Nach dem 2:2 (2:0) muss der bereits in die Division B abgestiegene Tabellenletzte auf eine polnische Niederlage in Portugal am Dienstag hoffen, um nicht aus dem Topf 1 der Gruppenköpfe bei der Auslosung der EM-Qualifikation herauszurutschen. 

Dienstag, 20.11.2018, 08:05 Uhr
Veröffentlicht: Montag, 19.11.2018, 23:04 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 20.11.2018, 08:05 Uhr
Starke Leistung: Der Torschütze zum 2:0, Leroy Sané (2. v. l.), lässt sich von seinen Mannschaftskameraden Nico Schulz, Thilo Kehrer, Serge Gnabry und Timo Werner (v. l.) feiern.
Starke Leistung: Der Torschütze zum 2:0, Leroy Sané (2. v. l.), lässt sich von seinen Mannschaftskameraden Nico Schulz, Thilo Kehrer, Serge Gnabry und Timo Werner (v. l.) feiern. Foto: Imago

Zudem verpasste der Gastgeber nach einem in Summe schlimmen Kalenderjahr auch ein halbwegs gutes Gefühl. Der Neubeginn ist dennoch in vollem Gange. Ein anderer Spielstil, so die Eindrücke der November-Partien, kann diese Mannschaft womöglich sogar schneller beleben als zuvor gedacht.

Dreimal wechselte Bundestrainer Joachim Löw im Vergleich zum 3:0 gegen Russland im jüngsten (und bedeutungslosen) Test. Neben Nico Schulz, der den angeschlagenen Jonas Hector links ersetzte, durften auch die Routiniers Mats Hummels und Toni Kroos wieder mitwirken. Ihnen mussten Matthias Ginter und auch Supertalent Kai Havertz weichen. Marco Reus meldete sich zwar fit, blieb aber zunächst auf der Bank.

Passen Hummels und Kroos mit ihren 29 und 28 Jahren noch zum vielfach geforderten Umbruch? Löw blieb bei seiner Haltung, dass eine verjüngte Elf auch Leitwölfe braucht. Aber nur, wenn sie in besserer Form sind als die Youngster. Das bekam Thomas Müller zu spüren, der draußen blieb und 65 Minuten auf sein 100. Länderspiel wartete.

Einzelkritik: Gute Noten für deutsches Offensivtrio

1/14
  • Manuel Neuer: Kaum gefordert, gute Strafraumbeherrschung. Eine gute Parade, dann machtlos. Note: 3

    Foto: Ina Fassbender
  • Niklas Süle: Aufmerksamer Aufritt. So einige Brände gab’s zu löschen, das tat er mit viel Ruhe. Note: 2,5

    Foto: Ina Fassbender
  • Mats Hummels: Nicht fehlerlos, aber robust und mit einigen Impulsen nach vorn. Doch ein Anführer. Note: 3

    Foto: Federico Gambarini
  • Antonio Rüdiger: Unaufgeregt, sachlich, taktisch clever. Die Premier League schadet ihm nicht. Note: 3

    Foto: Friso Gentsch
  • Thilo Kehrer: Macht sich als Flügelspieler immer besser. Ließ nicht mit sich spaßen, dosierte Vorstöße inklusive. Baute nach der Pause ein wenig ab. Note: 3

    Foto: Federico Gambarini
  • Toni Kroos: Nicht der richtige Mann für Konterfußball? Seine Steilpässe können das Umschalten noch immer toll beschleunigen. Läuferisch nicht am Limit. Note: 3

    Foto: Friso Gentsch
  • Joshua Kimmich: Überließ diesmal Kroos den Taktstock und war weniger auffällig als sonst im Mittelfeld. Note: 3,5

    Foto: Ina Fassbender
  • Nico Schulz: Internationale Klasse verkörpert er noch nicht. Dafür aber viel Leidenschaft. Ein echter Antreiber auf links, auch wenn nicht alles gelingt. Note: 3

    Foto: Marius Becker
  • Timo Werner: Distanztore zählen nicht zwingend zu seiner Expertise. Das 1:0 war aber herrlich. Auch sonst ein Gefahrenherd. Hätte öfter treffen können. Note: 2

    Foto: Ina Fassbender
  • Serge Gnabry: Viel Dampf über die Seiten, toller Wegbereiter der Führung. Pech, dass seine Abschlüsse nicht saßen. Note: 2

    Foto: Tim Groothuis (Witters)
  • Leroy Sané: Lange ein unglücklicher Nationalspieler, nun sein zweites Tor binnen vier Tagen. Viel unterwegs, sein Tempo war oft zu viel für Kenny Tete und dessen Kollegen. Note: 2

    Foto: Ina Fassbender
  • Marco Reus (in der 63. Minute für Timo Werner eingewechselt): Beim BVB in Top-Form. Bei Joachim Löw eher zögerlich.

    Foto: TimGroothuis
  • Thomas Müller (67. für Gnabry): Als Typ weiter wichtig und gefragt. Im 100. DFB-Spiel aber, trotz großer Bemühungen glücklos wie seit vielen Monaten.

    Foto: Marius Becker
  • Leon Goretzka (80. für Sané): Bei seinem Kurzauftritt verschuldete er den späten Gegentreffer mit einem plumpen Ballverlust – das hatte fatale Folgen.

    Foto: Ina Fassbender

Viele Lücken im Stadion

Seine beiden Weltmeister-Kollegen bewiesen, dass sie keine Auslaufmodelle sind. Sie brachten Zweikampfstärke und Auge ein. Ein Hummels-Ballgewinn und ein Kroos-Pass auf Serge Gnabry, der die Kugel direkt weiterspielte, leiteten die Führung ein. Timo Werner nahm sich ein Herz und zog aus fast 25 Metern ab, ehe ihn Matthijs de Ligt attackieren konnte – drin, 1:0 (9.).

Die Arena war alles andere als voll, auch der Gästeblock wies viele Lücken auf. Stimmung kam nicht sofort auf bei diesem Klassiker. Doch sobald der Ball im Netz zappelte, wurde es laut. Zum zweiten Mal passierte das nach einem echten Klassezuspiel von Kroos. Leroy Sané nahm das Leder an, verstolperte fast, löste sich aber dann elegant in die Drehung schloss ab – und über die Hacke von Kenny Tete zischte sein Schuss abgefälscht zum 2:0 in den Kasten (19.).

Schnell war klar: An diesem Abend machen die Deutschen die Preise. Thilo Kehrer (nach 26 Sekunden), Werner (11.) und Gnabry (30., 40.) besaßen vor der Pause weitere, nett herausgespielte, Chancen, während der Abwehrblock wenig bis nichts zuließ, obwohl Oranje wesentlich mehr Ballbesitz generierte. Das neue Konzept (Zauber- und Modewort „Umschalten“) griff nun auch gegen einen nominell ordentlich besetzten Gegner in einem Pflichtspiel.

Müllers 100. Länderspiel-Einsatz

Kunstpausen blieben den 42.186 Zuschauern nicht erspart, gerade nach der Pause. Doch eine Wechselorgie, die gegen Russland im zweiten Durchgang gleichbedeutend mit dem Ende jedes Spielflusses war, kam nicht vor. Der Ex-Weltmeister agierte recht schnörkellos. Werner (46., 62.) hätte erhöhen können. Dann machte er Reus Platz. Auch Müller bekam noch seinen Auftritt. Applaus für den Bayern-Star zu seinem Jubiläum – auch wenn ihm andere den Rang abgelaufen haben.

Sané (72.) und Nico Schulz (81.) hätten den Sack zumachen können, hinten parierte Keeper Manuel Neuer noch gegen Memphis Depay (79.). Dann das Unfassbare: Den Anschluss von Quincy Promes (85.) verschuldete Leon Goretzka. Beim Ausgleich durch Virgil van Dijk (90.+1) schlief die Deckung einmal komplett. Deutschland muss bangen, Holland jubelte als Gruppenerster und spielt um die Krone der Nations League. Was für eine seltsame Wendung...


KOMMENTAR

WM als Makel?

Das war also das Länderspieljahr 2018. Für den DFB und Joachim Löw zweifellos ein katastrophales. Sechs Niederlagen gab’s für eine deutsche Auswahl noch nie. Das klägliche WM-Aus rechtfertigt jede Kritik, das was danach folgte, bewegte sich allerdings nicht selten auf Stammtischniveau.

Der Slogan lautete: „Die Zeit der Weltmeister ist abgelaufen.“ Nicht völlig falsch. Aber nur noch sieben Spieler aus dem Aufgebot von 2014 kommen überhaupt in Frage. Bis auf Torwart Manuel Neuer ist keiner älter als 30. Toni Kroos (28) aussortieren im Jahr seines dritten Champions-League-Triumphs in Serie? Julian Draxler mit 25 oder Matthias Ginter mit 24 aufs Altenteil schieben? Mats Hummels vertrösten, selbst wenn er zu alter Form findet?

Ein bisschen differenzierter muss es schon zugehen. Natürlich gilt für Thomas Müller oder Jerome Boateng das Leistungsprinzip. Aber das Attribut „Weltmeister“ darf nicht automatisch zum Makel werden.

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