2. Liga
HSV-Glücksfall Hecking

Dieter Hecking strahlt beim HSV Ruhe und Gelassenheit aus. Daran hat auch die zuletzt sportlich nicht mehr ganz so erfolgreiche Phase beim Tabellenzweiten der 2. Liga nichts geändert. Zumal der 55 Jahre alte Routinier weiß, dass er in Hamburg unumstritten ist.

Samstag, 28.12.2019, 10:41 Uhr aktualisiert: 28.12.2019, 10:44 Uhr
Der Hamburger Trainer Dieter Hecking im Fernsehinterview.
Der Hamburger Trainer Dieter Hecking im Fernsehinterview. Foto: Hasan Bratic

Hamburg (dpa) - Er schießt keine Tore - aber er ist die wichtigste Neuverpflichtung des Hamburger SV in dieser Saison. Trainer Dieter Hecking hat den einstigen Bundesliga-Dino wieder in die richtige Spur geführt, an deren Ende die Rückkehr ins Fußball-Oberhaus stehen soll.

Dahin wollte der HSV eigentlich schon in der Vorsaison, doch der damals limitierte Kader gab es nicht her. Der Einbruch in der Rückrunde unter dem unerfahrenen und am Ende verzweifelten Trainer Hannes Wolf («Ist Scheiße gelaufen») legte das Problem offen: Personelle Veränderungen mussten her.

Mit der Personalie Hecking haben die HSV-Verantwortlichen den Grundstein gelegt. Der später geschasste Sportvorstand Ralf Becker fädelte die Trainer-Verpflichtung ein, Nachfolger Jonas Boldt vollendete sie. «Ein bisschen Ruhe reinbringen, hoffentlich den Erfolg zurückbringen. Das sind die Hauptaugenmerke, die wir jetzt angehen werden», beschrieb Hecking seine vorrangigen Aufgaben bei Amtsantritt.

Dass der 55-Jährige, der mit Borussia Mönchengladbach in die Europa League gestürmt war, zum Krisenverein HSV mit dem schwindelerregenden Trainerverschleiß in die 2. Liga wechselte, erstaunte viele. «Es ist der Reiz, nicht wieder das zu machen, was man so oder so machen könnte, sondern was zu machen, was aus der Reihe fällt», begründete er sein Engagement an der Elbe. Raus aus der ersten Reihe, rein ins zweite Glied, lautet Heckings neue Perspektive. «Das ist mir lieber als Beamtenfußball, wo ich nur verwalte. Hier kann ich gestalten.»

Sohn Aaron Hecking ist vom Lebenswerk seines Vaters angetan. «Ich denke, es sagt viel aus, dass er mittlerweile so weit ist, dass er das machen kann, worauf er Lust hat und nicht auf jeden Zug aufspringen muss. Wenn man so weit ist im Fußballgeschäft, dann hat man sehr, sehr viel erreicht und ist auf einem hohen Niveau», sagte Hecking junior jüngst im NDR-Fernsehen.

Beim HSV, das macht Hecking deutlich, hat er das Sagen im sportlichen Bereich. Mit Boldt und Sportdirektor Michael Mutzel entscheidet er, welcher Spieler kommen, welcher gehen soll. Da lässt er sich weder vom Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann noch vom Aufsichtsrat reinreden. Hecking hat sich den Respekt in seiner fast 20-jährigen Trainerkarriere, in der er mit dem VfL Wolfsburg auch zwei Titel holte (DFB-Pokal 2015, Supercup 2015), redlich erarbeitet.

Der fünffache Vater, der seit rund 20 Jahren im niedersächsischen Bad Nenndorf wohnt, sieht als eine seiner Stärken die Gelassenheit. Auch in sieglosen Phasen, wie zuletzt in acht HSV-Auswärtsspielen. «Dafür bin ich wirklich zu lange dabei, dass ich mich von zwei Niederlagen aus der Ruhe bringen lasse», sagte er nach den verlorenen Spielen in Osnabrück (1:2) und gegen Heidenheim (0:1).

Hektik und Aktionismus sind dem gebürtigen Westfalen, der beim Skilaufen mit der Familie in der norwegischen Einsamkeit Entspannung findet, fremd. Was von außen auf seine Mannschaft einprasselt, versucht er abzufangen. Beispielhaft gelang ihm das in der Causa Bakery Jatta. Heckings Parteinahme für den Gambier bei dessen Identitätsprüfung hat seine Stellung im Team noch weiter gefestigt und auch die Mannschaft zusammengeschweißt.

Heckings Vertrag in Hamburg läuft vorerst bis Saisonende. Geht es zurück in die 1. Liga, wird der Kontrakt verlängert. Bei Verbleib in der 2. Liga ist ein Abschied möglich, aber nicht zwingend. Manch jüngerer Laptop-Trainer mag ihm die Kenntnis aller möglichen Leistungsdaten weltweit tätiger Profis voraus haben. Hecking ficht es nicht an, wie er auf nachfolgende Coach-Generationen angesprochen, passend anmerkte: «Erfahrung scheint doch ganz erfolgreich zu sein.»

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