Handball: Weltmeisterschaft
Die menschliche Mauer – Wiencek, Pekeler und Lemke sind das Herzstück der DHB-Auswahl

Köln -

Ein Kämpfer vor dem Herrn, ein Einpeitscher, unbequem – aber irgendwie doch ganz lieb. Patrick Wiencek bildet zusammen mit Hendrik Pekeler und Finn Lemke das Herzstück der gefürchteten deutschen Abwehr. Die Isländer haben das am eigenen Leib erfahren.

Sonntag, 20.01.2019, 15:06 Uhr aktualisiert: 22.01.2019, 09:22 Uhr
Die erste Hürde ist genommen: Jannik Kohlbacher, Finn Lemke, Patrick Wiencek und Uwe Gensheimer (von links) feiern. Zum „Man of the match“ wurde Steffen Fäth (kleines Bild, Mitte) gewählt. Er traf sechsmal gegen die körperlich unterlegenen Isländer.
Die erste Hürde ist genommen: Jannik Kohlbacher, Finn Lemke, Patrick Wiencek und Uwe Gensheimer (von links) feiern. Zum „Man of the match“ wurde Steffen Fäth gewählt. Er traf sechsmal gegen die körperlich unterlegenen Isländer. Foto: dpa

Das Spiel ist keine drei Minuten alt, da wird der „weiße Riese“ zum Monster-Blocker. Patrick Wiencek , genannt „Bam Bam“ in Anlehnung an Barney Geröllheimers Sohn aus der Comic-Serie „Familie Feuerstein“, der schon als Baby kräftig, aber äußerst liebevoll wirkt, baut sich vor dem „Wikinger“ Arnor Gunnarsson auf, packt zu. Die Meute tobt. Deutschland führt 2:1 gegen Island. Was dann passiert, symbolisiert den ersten Hauptrunden-Auftritt der DHB-Auswahl an diesem denkwürdigen Abend in der Kölner Lanxess Arena. Wiencek, dieser liebevolle Haudrauf, wendet sich zum Publikum, klopft sich auf die Brust, breitet die Arme aus und animiert die Masse. Zeichen von Stärke. Willenskraft. Und, ja, ein Stück weit Unbesiegbarkeit. Sie tragen den Weltmeister von 2007 zum 24:19.

Wiencek. Die personifizierte Angst für jeden Gegner. Über 110 Kilogramm schwer, manchmal leicht pummelig wirkend. Nach rund 20 Minuten befördert er Olafur Gudmundsson bei einer Abwehraktion beinahe über die Bande. Alles sauber. Aggressiv ja, brutal nein. So hat es Bundestrainer Christian Prokop ihm ins Buch geschrieben. Einem, der bei der letzten Heim-WM zarte 17 ist, es als gebürtiger Duisburger nicht mal in die Niederrheinauswahl schafft. Und doch Karriere macht. Gut für Deutschland.

Wiencek unverwüstlich

So furchteinflößend der 29-Jährige auf der Platte rüberkommt, so sanft ist der Koloss neben dem Parkett. „Ich will erst mal hier durch, duschen und dann etwas schlafen“, sagt er, als er sich nach dem Spiel an all den wartenden Journalisten vorbeischlängelt. Höflich wie selbstverständlich jede Frage beantwortet. Voll lieb irgendwie.

Deutschland schlägt Island mit 24:19

1/9
  • Bundestrainer Christian Prokop klatschte begeistert Beifall, als sich seine Schützlinge nach dem Traumstart in die WM-Hauptrunde von den begeisterten Fans feiern ließen.

    Foto: Marius Becker
  • Mit dem 24:19 (14:10) gegen Island haben die deutschen Handballer ihre Medaillenchance in der Gruppe 1 gewahrt und die Euphorie bei der Heim-Endrunde auf ein neues Level ansteigen lassen.

    Foto: Federico Gambarini
  • Beflügelt von der begeisternden Stimmung auf den Rängen legte die DHB-Auswahl einen guten Start hin. Beim 5:2 (7. Minute) gelang die erste Drei-Tore-Führung.

    Foto: Marius Becker
  • Zudem steigerte sich Torwart Andreas Wolff.

    Foto: Marius Becker
  • Vor 19 250 Zuschauern in Köln waren Rückraumspieler Steffen Fäth mit sechs Toren und Kapitän Uwe Gensheimer (5) die besten Werfer.

    Foto: Marius Becker
  • So ging es mit einem Vier-Tore-Polster in die Pause, in der die Zuschauer dem 78er Weltmeister Joachim Deckarm ein Ständchen zum 65. Geburtstag sangen: «Happy Birthday».

    Foto: Marius Becker
  • Danach ging es in Hochstimmung weiter. Auch wenn nicht alles rund lief, baute das deutsche Team den Vorsprung beim 16:11 (36.) erstmals auf fünf Treffer aus.

    Foto: Federico Gambarini
  • Doch es blieb vorerst eng, weil die Isländer in der Abwehr beherzt zupackten und der deutschen Offensive kaum Lücken boten.

    Foto: Marius Becker
  • Auch wenn nicht alles rund lief, baute das deutsche Team den Vorsprung beim 16:11 (36.) erstmals auf fünf Treffer aus. Doch die Isländer ließen erst einmal nicht locker.

    Foto: Marius Becker

Deutlich zu sehen: die Blessur an der Lippe. Getrocknetes Blut. Spuren eines großen Kampfes. „Ich habe das nicht mal gemerkt, gesteht der Abwehrrecke. Als Prokop ihn gegen Ende der ersten Hälfte drauf anspricht und seinem Backup Finn Lemke signalisiert, das Trikot auszuziehen, schüttelt sich Wiencek kurz – und huscht wieder aufs Feld. Unverwüstlich.

Island kein Gradmesser

Wie die gesamte Defensive, das Prunkstück. „Was Finn, Bam Bam und Peke da im Innenblock geleistet haben, war phänomenal“, so Torhüter Andreas Wolff. Mit spektakulären Paraden und Flugeinlagen selbst ein Symbol für den deutschen Aufschwung. Gemeint sind freilich die drei Spezialisten Lemke, Wiencek und Hendrik Pekeler, die gegen Island, einwohnermäßig übrigens fast exakt so groß wie das ostwestfälische Bielefeld, auf Weltklassniveau agieren. Nur 19 Gegentore sind Ausdruck beherzten Zupackens und enger Kommunikation. Es wird viel geredet. Verantwortung weitergegeben. Jeder kann sich auf den anderen verlassen in der Mauer aus Fleisch und Blut. Ein Luxusgut. Das Wissen um die funktionierende Abwehr erlaubt es den Fans, vom Halbfinale zu träumen. Vielleicht von mehr.

Deckarm: Ständchen zum 65.

Seine Augen funkeln, wirken neugierig, das Lächeln ist etwas schief. Als Joachim „Jo“ Deckarm am Samstag während der Halbzeitpause beim Duell mit den Isländern in seinem Rollstuhl in die Halle geschoben wird, erhebt sich das Volk. Und was dann passiert, geht unter die Haut. 19 250 Menschen singen der lebenden Legende ein Geburtstagsständchen zum 65. Ehrentag. In einem Lichtermeer. Deckarm genießt den Moment sichtlich. Er lässt sich feiern. Er, der nur ein Jahr nach dem Weltmeistertitel 1978 durch einen tragischen Unfall zum Pflegefall wird. Und zum Kämpfer, zum Vorbild – für alle. Im Schlepptau hat er sämtliche Helden von einst. Jene Jungs, die sich mit dem „Wunder von Kopenhagen“ in das Gedächtnis des deutschen Handballs eingebrannt haben. Schnauzbart und Freund Heiner Brand mit Model-Maßen, Horst Spengler, Dieter „Jimmy“ Waltke oder Arno Ehret. DHB-Präsident Andreas Michelmann überreicht symbolisch ein Trikot mit der Nummer 65, dazu eine Torte. „Simply the best“ von Rock-Oma Tina Turner läuft im Hintergrund. Das Rampenlicht kann in diesem Augenblick nicht hell genug sein. Eine tolle Geste für einen großen Sportler, einen besonderen Menschen.

...

Nur eines ist klar: Die Isländer sind kein Gradmesser. Mit den Kroaten rollt am Montag ein ganz anderes Kaliber auf die DHB-Auswahl zu (20.30 Uhr/ZDF). Superstars wie Ex-Welthandballer Domagoj Duvnjak (THW Kiel) und Luka Stepancic, Teamkollege von Uwe Gensheimer bei Paris St. Germain, gilt es an die Kette zu legen. „Wir werden wieder aggressiv und clever verteidigen, versuchen, die Zuschauer mit unseren Emotionen mitzunehmen“, verspricht Pekeler. Und Kai Häfner, am Freitag für den jungen Franz Semper nachnominiert und zweifacher Torschütze, kündigt frech an: „Wir haben vor niemandem Angst.“

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