Leichtathletik: DM
Bei Klosterhalfen läuft die Skepsis mit

Berlin -

Konstanze Klosterhalfen lief einen Deutschen Rekord über 5000 Meter, der den alten Bestwert um Längen unterbot. Skepsis ist bei solchen Leistungen automatisch mit im Paket. Unterdessen setzte die Ex-Münsteranerin Tatjana Pinto zum Triumphzug bei der DM in Berlin an. Und Christoph Harting haderte.

Sonntag, 04.08.2019, 16:16 Uhr aktualisiert: 04.08.2019, 16:30 Uhr
Konstanze Klosterhalfen (großes Bild) stellte einen Fabelrekord in Berlin auf.
Konstanze Klosterhalfen (großes Bild) stellte einen Fabelrekord in Berlin auf. Foto: dpa

Es war wohl der größte Moment der Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften, als Konstanze Klosterhalfen die Arme hochriss nach atemberaubenden 5000 Metern. So als könne sie kaum glauben, was da auf den zwölfeinhalb Runden zuvor passiert war. In einem ebenso einsamen wie erinnerungswürdigen und bemerkenswerten Rennen siegte der 48-Kilo-Floh von Bayer Leverkusen in neuer deutscher Rekordzeit. Vor exakt 20 Jahren hatte Irina Mikitenko die Bestzeit auf 14:42,03 Minuten geschraubt. Klosterhalfen gewann in 14:26,17 Minuten.

Sie hatte „so richtig was vor“, wie der Stadionsprecher schon nach der ersten Runde feststellte. Die wegen ihres Wechsels in die USA zum umstrittenen Trainer Alberto Salazar kritisch beäugte Athletin setzte sich fulminant vor ihrer vermeintlich stärksten Konkurrentin Alina Reh (SSV Ulm) ab. Nach 1000 Metern hatte sie schon rund 60 Meter Vorsprung – ein fantastisches Tempo legte die Leverkusenerin da vor. Keine mochte ihre Pace mitgehen, nach 2000 Metern stoppte die Uhr bei 5:49 Minuten, nach 3000 Metern (8:44 Minuten) setzte sie zu den ersten Überrundungen an. Eine Demonstration auf der blauen Laufbahn, das Publikum tobte – und wusste: Da bahnt sich eine neue Rekordzeit an.

Der letzte Kilometer wurde zum Rausch, das Olympiastadion stand Kopf und das Publikum vor Begeisterung auf. „Ich wollte einfach schnell laufen“, sagte Klosterhalfen noch im Stadion, vor Begeisterung etwas unbeholfen. „Die letzten zwei Runden gingen in die Beine, aber das Publikum hat mich getragen.“ Um 25 Sekunden hatte sie ihre persönliche Bestzeit gesteigert. Da kamen Fragen auf. Gegen ihren Trainer im Nike Oregon Projekt in den USA ermittelt die amerikanische Anti-Doping-Behörde. „Ich kann die Skepsis verstehen“, sagte Klosterhalfen nur. Ganz so, als wäre sie mit sich im Reinen.

Die DM im Olympiastadion warf natürlich auch Verlierer aus. Beispielsweise Christoph Harting . Der Diskus-Olympiasieger schaffte keinen gültigen Versuch, so wie bei der EM im Vorjahr – und überraschte anschließend mit dieser Aussage: „Das ist nur eine Deutsche Meisterschaft. Halb so wild. Hat einfach nicht sollen sein.“ Mut? Arroganz? Der 29-Jährige legte nach: „Jedes internationale Meeting hat ein höheres Niveau als die DM.“ Die Norm für die WM in Doha im Herbst hatte er zuvor schon erfüllt. „Ob ich starte?“ fragte er. „Gerade würde ich sagen: eher weniger.“ Hartings Absturz ins „untere Tabellendrittel“ seiner Disziplin machte die Tür auf für andere: Martin Wierig (Magdeburg) gewann mit 65,39 Metern. Zum ersten Mal seit 2006 heißt der Deutsche Meister nicht Harting. Bruder Robert dominierte lange die Szene.

Dagegen ist Tatjana Pinto (Paderborn) wieder obenauf. In starken 11,09 Sekunden gewann die Münsteranerin (ehemals SC Preußen und LG Brillux) das 100-Meter-Finale vor der Vize-Europameisterin Gina Lückenkemper (SCC Berlin, 11,20 Sekunden). „Man kann es als Comeback sehen nach den Aufs und Abs durch Verletzungen“, sagte Pinto. Im Frühjahr hatte sie sich von Coach Thomas Prange getrennt und sich Rana Reider angeschlossen.

Kommentar: Ein Fest – hoffentlich ohne Kater

Um satte zehn Sekunden hatte Konstanze Klosterhalfen ihren Deutschen Rekord über 5000 Meter verbessert. Um 25 Sekunden war sie nun in Berlin schneller als zuvor auf dieser Distanz. Respekt.Es liegt in der Sorgfaltspflicht des Beobachters, derartige Leistungssprünge zu hinterfragen. Das akzeptiert auch Klosterhalfen und vermittelt den Eindruck: Alles ist gut.Ist es das? In den USA ermittelt die dortige Anti-Doping-Agentur Usada seit Langem gegen ihren neuen Trainer – ohne Beweis und ohne Erfolg. Noch. Im Nike Oregon Projekt leben die Athleten beispielsweise schon mal in einem sauerstoffreduzierten Raum, um die roten Blutkörperchen im Körper zu aktivieren – mehr Kraft, mehr Ausdauer für die Sportler und Anwendung neuester sport- und biowissenschaftlicher Erkenntnisse. Um Höchstleistungen zu generieren, ist die Wissenschaft längst mit im Boot. Selbstverständlich auch in Deutschland. So weit, so sauber. Trotzdem fällt es schwer, derartige Steigerungen ohne Zweifel anzuerkennen, zumal in einer Sportart, die oft in Zusammenhang mit Doping steht.Die DM, aus der der Blick zur WM in Doha gerichtet wurde, hatte jedenfalls ihren Höhepunkt. Wie das gesamte Projekt Finals 2019 viele hatte. Sport in geballter Form, an unterschiedlichen Orten der Stadt in zehn Sportarten: ein Sport-Fest war das. Hoffentlich ohne Kater.

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