«Überlebensgroße Gestalt»
Abschied vom PS-Ritter: Motorsport trauert um Stirling Moss

Stirling Moss war bekannt als der «ewige Zweite». Doch der PS-Ritter war eine Ikone im Motorsport, obwohl ihm der Weltmeister-Titel in der Formel 1 verwehrt blieb. Moss ist nun gestorben. Die Motorsport-Welt verneigt sich vor einer britischen Legende.

Montag, 13.04.2020, 10:37 Uhr
Sir Stirling Moss war am Ostersonntag gestorben.
Sir Stirling Moss war am Ostersonntag gestorben. Foto: Alan Crowhurst

London (dpa) - Selbst Sir Stirling Moss war auf einem seiner selten gewordenen öffentlichen Auftritte vor Sebastian Vettels Humor nicht sicher.

Vor dem Hintergrund seiner versagten Krönung zum Formel-1-Champion sagte die britische Motorsport-Legende auf einer Gala, bei der der Deutsche 2013 geehrt wurde, mit einem Lächeln im Gesicht: «Ich habe es 15 Jahre lang versucht und keinen gewonnen. Das ist nicht fair.» Vettel entgegnete dem Mann mit der glanzvollen Rennfahrer-Karriere spitzbübisch: «Ich habe vielleicht mehr Weltmeisterschaften erobert, aber er hat ganz bestimmt mehr Frauenherzen erobert und gebrochen.»

Schallendes Gelächter brach im Publikum aus. Moss, ganz der englische Gentleman, schmunzelte und schwieg. Der einstige Lebemann ist nun am Sonntag nach langer Krankheit im Alter von 90 Jahren gestorben. Seine Frau Susie sagte nach Angaben der englischen «Daily Mail»: «Er starb, wie er gelebt hat: wundervoll aussehend.» Moss habe einfach seine «wunderschönen Augen geschlossen, und das war es.»

Was für ein Rennfahrerleben dieser Stirling Moss geführt hatte! Er galt als einer der besten Formel-1-Piloten, selbst wenn ihm die verdiente Krönung als Weltmeister versagt blieb. Viermal WM-Zweiter, dreimal Dritter - immer wieder stand der Brite so dicht vor der Erfüllung seines Lebenstraums, ehe er ihn nach dem Horror-Unfall von Goodwood 1962 aufgeben musste. «Er übertraf die Bezeichnung Legende. Seine Fähigkeiten in Rennwagen aller Art waren wirklich außergewöhnlich», sagte Formel-1-Sportchef Ross Brawn.

Der spätere Sir Stirling wurde am 17. September 1929 in London geboren. Dem Rausch der Geschwindigkeit verfiel er schon als Teenager. Sein Vater war Hobby-Rennfahrer, seine Mutter machte sich als Rallye-Pilotin einen Namen. «Eine Kurve mit Vollgas zu durchfahren, ist schwierig. Aber dieselbe Kurve mit Vollgas zu nehmen, wenn auf der einen Seite eine Mauer und auf der anderen ein Abgrund ist, das ist eine echte Leistung», sagte Moss später einmal. Schon mit 15 durfte er dank einer Sondergenehmigung den Führerschein machen, den er später wegen seiner rasanten Fahrweise allerdings mehrfach wieder abgeben musste.

Auch auf der Rennstrecke machte ihn sein Bleifuß berühmt. Taktisches Fahren war nicht die Sache des Stirling Moss, stattdessen ging der ungestüme Zahnarzt-Sohn stets mit Leidenschaft ans Limit. Auf viele Siege in unteren Klassen folgte 1951 das Formel-1-Debüt in der Schweiz. In unterlegenen britischen Autos blieb Moss zunächst jedoch chancenlos. Erst nach seinem Wechsel zu Maserati holte er 1954 seine ersten Punkte bei einem Grand Prix, bevor er im Mercedes 1955 beim Heimrennen in Aintree seine Siegpremiere feierte.

Nach drei Vize-Weltmeisterschaften hinter Juan Manuel Fangio in Serie ging Moss nach dem Rücktritt des Argentiniers 1958 als Favorit ins Titelrennen. Bis zum vorletzten Grand Prix der Saison führte er die WM-Wertung an. Beim Finale in Portugal gab er dem strauchelnden Rivalen Mike Hawthorn im Vorbeifahren Tipps, wie er seinen Rennwagen wieder zum Laufen bekommen könnte. Hawthorn fuhr noch in die Punkte und wurde am Ende mit einem Zähler Vorsprung Champion vor Moss.

Für Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff war Moss eine «überlebensgroße Gestalt», die man für ihren «tadellosen Sportsgeist» in Erinnerung behalten werde. Weltverbandschef Jean Todt kondolierte: «Er war eine wahre Legende im Motorsport und er wird eine für immer bleiben.» Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton behält nicht zuletzt die gemeinsamen Gespräche mit Moss in Erinnerung. «Auf Wiedersehen zu sagen, ist niemals einfach und kann traurig sein, aber er wird immer hier in unseren Gedanken und stets ein großer Teil des britischen Motorsport-Erbes sein», erklärte der Engländer.

Wirklich zutreffend aber war der Ruf des «ewigen Zweiten» nicht. In 66 Grand Prix überquerte Moss 16 Mal als Erster die Ziellinie. Von 529 Rennen in allen Klassen gewann er 212. Doch 1962 raste Moss in Goodwood am Ausgang der St. Marys Corner in einen Erdwall. Fast einen Monat lag der Fahrer im Koma, für Wochen war er halbseitig gelähmt. «Ich dachte, ich könnte noch 20 Jahre Rennen fahren. Ich war wirklich auf dem Höhepunkt meiner Karriere», erinnerte sich Moss.

Ein Comeback-Versuch ein Jahr später scheiterte. Moss' Reflexe hatten gelitten, sein Sehvermögen war eingeschränkt. Also stürzte sich der Lebemann in das Leben nach der Formel 1. Er wurde erfolgreicher Immobilienmakler, «weil man dafür nichts können muss».

Ganz ohne Motoren und schnelle Autos kam Moss aber nicht aus. In einem James-Bond-Film fuhr er den Fluchtwagen der Bösewichte. Für eine Trickfilm-Serie lieh er «Roary, dem Rennauto» seine Stimme. Bei Oldtimer-Rennen war er bis ins hohe Alter am Start. «In Bewegung komme ich zur Ruhe», verriet Moss, der im März 2000 zum Ritter geschlagen wurde.

Sogar bei den Motorsport-Festivals in Goodwood war der PS-Senior noch lange ein regelmäßiger Gast - und raste ohne Seelenschmerz durch die Fordwater-Kurve. «Wenn ich da vorbeikomme, wird mir klar, wie viel schneller ich fuhr, als ich jung war», sagte Moss.

Anfang 2018 zog er sich schließlich nach einem monatelangen Krankenhausaufenthalt vom öffentlichen Leben zurück und wurde daheim von Krankenschwestern gepflegt. Bei Feierlichkeiten zu seinem 90. Geburtstag im September 2019 nahm seine Ehefrau Susie ohne ihn teil. In seinen letzten Stunden war sie bei ihm.

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