Schwimm-WM in Gwangju
Der Weg von Weltmeister Wellbrock: Coolness beim Gold-Double

Florian Wellbrock gelingt bei der Schwimm-WM etwas, was vor ihm noch niemand geschafft hat. Der Magdeburger ist in seiner Jugend nicht immer den leichtesten Weg gegangen. Davon profitiert er jetzt. Beim Erfolg spielt auch ein «Betriebsgeheimnis» eine Rolle.

Montag, 29.07.2019, 17:24 Uhr aktualisiert: 29.07.2019, 17:28 Uhr
Ein kurzer Jubel, das war es auch schon: Florian Wellbrock hat mit dem Sieg über 1500 Meter Freistil das Double geschafft.
Ein kurzer Jubel, das war es auch schon: Florian Wellbrock hat mit dem Sieg über 1500 Meter Freistil das Double geschafft. Foto: Bernd Thissen

Gwangju (dpa) - Die Kontrolle hat Florian Wellbrock schnell wiedergewonnen. Cool, klar, fast schon auffallend sachlich ging Deutschlands neuer Schwimm-Champion kurz nach dem historischen Gold-Double mit seinem WM-Meisterstück um.

Groß Partymachen? «Nee», stattdessen Tasche packen, zurückfliegen. Im Flieger gab's am Montag Beifall für Wellbrock und seine in Gwangju ebenfalls erfolgreiche Freundin Sarah Köhler - und eine Extra-Gratulation von Kapitän und Crew via Bordmikrofon.

Der doppelte WM-Triumph ist für den ehrgeizigen Magdeburger Wellbrock eine «große Nummer». Doch ausruhen will er sich darauf nicht. Das nächste große Ziel heißt Olympia . Deshalb: fokussierter Blick nach vorn, nicht nur stolzer Blick zurück.

«Die Karten werden nächstes Jahr wieder neu gemischt», sagt der 21-Jährige. «Die anderen Jungs schlafen nicht, die wollen mir nächstes Jahr wieder einen reindrücken.» Die anderen Jungs - das sind vor allem Olympiasieger Gregorio Paltrinieri aus Italien und der Ukrainer Michailo Romantschuk, die sich mit Wellbrock in Gwangju einen packenden Dreikampf um die Krone über 1500 Meter lieferten. Kopf an Kopf, in einer eigenen Liga, 14:36,54 Minuten lang.

Wellbrock schlug an, es brach kurz aus ihm heraus. Triumphierend streckte er beide Arme in die Luft, deutete mit den Zeigefingern steil Richtung Hallendecke, als wollte er sagen: Da bin ich, ganz oben.

Um dahin zu kommen, ist Wellbrock früh seinen Weg gegangen. Er wollte immer unbedingt schwimmen. Das wollte er auch weiterhin, nachdem seine 13-jährige Schwester Franziska nach einem Schwimm-Rennen starb. Er selbst war damals acht Jahre alt.

Schule war nicht so das Ding des gebürtigen Bremers. «Das hat sich irgendwann verstärkt, und irgendwann habe ich es dann mit der Schule gelassen», erklärt er. Mit 17 ging er von zu Hause weg, zog nach Magdeburg. Erst ins Internat, kurz darauf in eine Drei-Mann-WG. Statt zur Schule zu gehen, machte er eine Ausbildung zum Immobilienkaufmann, die er kurz vor der WM erfolgreich abschloss.

Die Anfangszeit in der neuen Umgebung war nicht leicht. Sie prägte ihn. Wellbrock dachte viel nach über sein Leben und darüber, was er damit anfangen wollte. Musik gab ihm Kraft. «Genieß dein Leben ständig, du bist länger tot als lebendig» – die Zeile aus dem Lied «Fühl dich frei» von Rapper Sido ließ er sich über die linke Brust tätowieren. Der Satz erinnert ihn daran, nicht alles so ernst zu nehmen. In Magdeburg habe Wellbrock selbstständig werden müssen, erklärte Vater Bernd, der in Südkorea auf der Tribüne mit seinem Sohn mitfiebert, dem ARD-Hörfunk. «Dieses Selbstbewusstsein und das positive Auftreten kommen auch daher.»

Selbstbewusst, positiv und ziemlich cool. Genauso tritt Wellbrock zu Beginn der Schwimm-WM auf. Gold im Freiwasser über zehn Kilometer, die Olympia-Quali locker in der Tasche, besser hätte es nicht losgehen können. Wellbrock hat alles unter Kontrolle, doch plötzlich kommt der Bruch. Über 800 Meter springt er als Medaillenkandidat vom Startblock und klettert als tief enttäuschter Sportler aus dem Becken. Rang 17, Vorlauf-Aus. Was ist passiert?

Die Frage beschäftigt unter anderen Teamchef Bernd Berkhahn, Trainingswissenschaftler und eine Sportpsychologin. Das Team wird fündig, doch Wellbrock möchte auch nach seinem Mega-Comeback nicht über die Ursache für die wohl rätselhaftesten 800 Meter sein Lebens sprechen. «Man kann es Betriebsgeheimnis nennen», sagt er und lächelt.

Viel spricht dafür, dass der Kopf, der «Druck» der Öffentlichkeit, von dem Berkhahn immer wieder spricht, eine Rolle gespielt haben. «Jetzt ist wieder das Selbstbewusstsein da, und er hat gemerkt, er hat die Kontrolle», sagt Wellbrocks Coach nach der erleichternden Qualifikation für das große Finale.

Dort ist die Coolness zu spüren, das Vertrauen in die eigene Stärke. Die ist wichtig, denn wenn es im Becken drauf ankommt, ist Wellbrock auf sich allein gestellt. Der «Härteste» und der «Stärkste» habe er in der Endphase des Rennens sein müssen, sagt Wellbrock. «Und das habe ich geschafft.» Er ist stolz, als Erster bei einer WM im Becken und im Freiwasser Gold geholt zu haben. «Ich habe jetzt gezeigt, dass ich auf großer Bühne schwimmen kann, und dann machen wir nächstes Jahr Beste draus.»

Das Beste - das wäre Gold in Tokio. Wellbrock habe «eine klare Medaillenchance», sagte Britta Steffen. Die Doppel-Olympiasiegerin gewann 2008 in Peking die letzten deutschen Beckenmedaillen bei Sommerspielen. Wellbrock kann nun die lange Durststrecke beenden. Zunächst präsentiert sich der Weltmeister am kommenden Wochenende seinen Fans bei den deutschen Meisterschaften in Berlin - völlig ohne Druck.

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