Coronavirus-Zeiten
Vorteil Einzelsportler und die Frage der Motivation

Keine Lust, kein Antrieb. Auch für Sportler stellt die Corona-Krise eine enorme Herausforderung dar. Was zählt mehr: die Medaille im Ziel oder die Lust auch am Trainieren? Gegenüber Mannschaftssportlern ergeht es den Solisten aber noch besser.

Sonntag, 05.04.2020, 10:48 Uhr aktualisiert: 05.04.2020, 10:50 Uhr
Christopher Linke belegte bei der WM den vierten Platz über 20 Kilometer Gehen.
Christopher Linke belegte bei der WM den vierten Platz über 20 Kilometer Gehen. Foto: Michael Kappeler

Berlin (dpa) - Es ist eine Frage der Motivation. In Corona-Zeiten erst recht. «Ich bin kein Athlet, der gerne ohne Ziele trainiert», erklärte jüngst  Christopher Linke .

Der 31-jährige aus Potsdam ist kein Hobbysportler. Ganz im Gegenteil. Linke ist der WM-Vierte über 20 Kilometer Gehen. Motivation und Moral seien bei ihm komplett weggebrochen, berichtete Linke neulich. Und sagte auch noch das: «Ich gehe nicht zum Training, weil es mir so besonders viel Spaß macht, sondern weil ich weiß, dass es zu einer Topleistung dazugehört.» Jetzt wisse er nicht mehr, wofür er trainieren solle.

Ob Hochleistungssportler oder Hobby-Läufer: Das Problem bleibt das gleiche. Wettkämpfe und Rennen sind abgesagt. Wann es wieder losgeht, keiner weiß es wirklich. Trainingsplanung auf den vermeintlichen Saison-Höhepunkt - dahin. Dazu kommen die weiteren besonderen Umstände durch die weltweite Ausbreitung des Virus Sars-CoV-2. Training in Gruppen - schon mal völlig unmöglich. Fußballer, deren Ligen zwar ohnehin pausieren trifft das besonders. Nicht mal in kleinen Gruppen auf der Wiese ist das Kicken erlaubt.

Zwischen Einzel- und Mannschaftssportlern hat Sportpsychologe Oliver Stoll daher auch einen «ganz großen Unterschied» ausgemacht in der aktuellen Situation. Auch Individual-Leistungssportler könnten derzeit nicht auf die gewohnten Infrastrukturen zurückgreifen, sagte Stoll, der unter anderem seit 2008 sportpsychologischer Betreuer der deutschen Nationalmannschaft Wasserspringen ist. Schwimmerinnen und Schwimmern stehen die Bäder nicht zur Verfügung, um ihre Bahnen zu ziehen oder Salti vom Turm zu üben, den Läufern fehlen die Bahnen in den Stadien.

«Viel Schlimmer sind aber Mannschaftssportler dran. Bei denen geht jetzt gerade ja gar nichts. Außer, dass sie online oder im Kreis der Familie im Garten spielen können», betonte Stoll. Ob die Spielzeiten noch beendet werden, Meister und Absteiger ermittelt werden - auch hier herrscht Ungewissheit. Auf unbestimmte Zeit ruht beispielsweise der komplette deutsche Amateur-Fußball.

Warum dann also fit halten und trainieren? «Die Frage ist, warum mache ich Sport? Wenn ich intrinsisch motiviert bin, mache ich es der Tätigkeit wegen, weil ich sie liebe. Dann spielt die Belohnung erstmal keine Rolle», erklärt Stoll. «Wenn ich extrinsisch motiviert bin, mache ich es wegen des Ergebnisses, wegen der Konsequenz.» Sprich die Belohnung: der Aufstieg, die Siegesfeier, ein Finisher-Shirt, eine Medaille oder auch die Prämie, auch um den Sport weiter zu finanzieren.

In der jetzigen Phase sei es günstig, «wenn man intrinsisch motiviert ist und sportlich aktiv ist, weil man es liebt, ohne auf eine spezifische Belohnung zu achten, die unmittelbar damit verbunden ist», betonte Sportpsychologe Stoll. Der 57-Jährige, der es 1988 auch schon mal zum Ironman auf Hawaii als Athlet schaffte, geht selbst einmal am Tag eine Stunde Laufen in Leipzig. Nur in der Wohnung würde er es auch nicht aushalten. Und weil ihm Sport einfach Spaß macht.

Es sei ja auch möglich, einen Marathon zu laufen ohne einen Wettkampf, erklärte Stoll mit Blick auf diejenigen, die sich auf ein Rennen über 42,195 Kilometer vorbereitet, sich eine Zielzeit gesetzt haben und unter der Absage der Frühjahrsläufe leiden. «42 Kilometer laufen zu wollen, ist ein Ziel, das man haben kann. Wenn es einem wichtig ist, zu beweisen, dass man 42 laufen kann, braucht man dafür keinen Wettkampf. Wenn ich das will», erklärte Stoll.

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