Interview: Doping
Wilhelm Schänzer: „Keine Absolution für niemanden“

Köln -

Wilhelm Schänzer steht kurz vor dem Ruhestand. Der ausgewiesene Doping-Experte von DSHS Köln hat viel zu erzählen über seine Arbeit in den vergangenen Jahrzehnten. Und zu allem einen klaren Standpunkt. Im Interview bezieht er auch Stellung zu Dieter Baumann, Jan Ullrich und Usain Bolt.

Freitag, 11.08.2017, 17:08 Uhr

Ikone im Kampf gegen Doping: Professor Wilhelm Schänzer kontrolliert im Labor für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Urinproben.
Ikone im Kampf gegen Doping: Professor Wilhelm Schänzer kontrolliert im Labor für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Urinproben. Foto: Imago

An der Deutschen Sporthochschule (DSHS) Köln gilt Wilhelm Schänzer als eine Koryphäe. Kein Wunder nach vier Jahrzehnten im Dienst. Nach seinem Urlaub in den Alpen tritt der wohl renommierteste Doping-Experte Deutschlands in den Ruhestand. Zeit, um mit dem 65-Jährigen über die Geschichte des Anti-Doping-Kampfes, Analyse-Methoden, den „Fall“ Ben Johnson und seinen berühmten Vorgänger, Manfred Donike, zu sprechen. Das Interview führten Christoph Fischer und unser Redaktionsmitglied Jürgen Beckgerd.

Das Kölner Labor und Doping im Spitzensport sind in aller Munde, auch dank Ihnen. Sie sind so etwas wie eine Ikone im Anti-Doping-Kampf.

Schänzer: Ich habe mich gewundert über die Artikel in den Zeitungen. Sagenhaft. Und immer ging es um mich, um einen Wissenschaftler.

Fast 40 Jahre ...

Schänzer: 1978 habe ich bei Manfred Donike angefangen.

Hatten Sie viele schlaflose Nächte?

Schänzer: Nein, eigentlich nie. Aufgeregt war man immer, aber schlaflos? Nein. Auch nicht bei spektakulären Fällen. Es war aber auch nicht immer angenehm.

Zur Person

Fast 40 Jahre war Wilhelm Schänzer an der Deutschen Sporthochschule Köln. 21 Jahre und elf Monate leitete er das Institut für Biochemie, gleichzeitig auch eines der beiden deutschen Doping-Kontroll-Labore, die von der Welt-Anti-Doping-Agentur akkreditiert wurden. Während seiner Promotion hatte sich Schänzer auf den Nachweis von Dopingmitteln spezialisiert. Im Zuge seiner Tätigkeit als Institutsleiter machte der heute 65-Jährige u. a. mit der Überführung des gedopten südafrikanischen Boxers François Botha (1996) von sich reden, außerdem geriet er im Zuge der Doping-Affäre um den deutschen Leichtathleten Dieter Baumann 1999/2000 in die Schlagzeilen

...

Aber Druck war doch immer da?

Schänzer: Mich hat immer belastet, dass man sich keinen einzigen Fehler leisten konnte. Die Überprüfung durch die Welt-Antidoping-Agentur ist hart. Es passiert schnell, dass die Akkreditierung entzogen wird.

Köln war aber nie bedroht?

Schänzer: Nein, wir sind immer ganz gut gefördert worden. Und wir haben in der Analytik manche Entwicklung angestoßen, Vieles ist schon unter Manfred Donike entwickelt worden. Er war seit 1980 Mitglied der Medizinischen Kommission des IOC . Die ständige Qualitätskontrolle der 34 Laboreinrichtungen weltweit geht letztlich auf Donike zurück.

Sie müssten Ben Johnson eigentlich dankbar sein.

Schänzer: Warum?

Weil seitdem der Kampf gegen Doping, seit Olympia 1988 in Seoul, endgültig in den öffentlichen Fokus gerückt ist.

Schänzer: Und dafür sollen wir dankbar sein? Anabolika sind 1974 verboten worden, Stimulanzen wie Amphetamine erst seit 1972. Das IOC hat gesagt, wir können Dinge erst dann verbieten, wenn wir sie nachweisen können. 1976 in Montreal, 1980 in Moskau, 1984 in Los Angeles ist danach gefahndet worden, wir haben vor Ort die Labore eingerichtet. In den Kellern der Olympiastadien. In LA ist erstmals auf Testosteron getestet worden, obwohl es dagegen in den USA erbitterten Widerstand gab. Ben Johnson war dann der Grund für die Eta­blierung von Dopingtests außerhalb des Wettkampfes: Trainingskontrollen, wie sie Donike immer gefordert hat.

Was ist heute die große Herausforderung?

Schänzer: Weltweit wird immer noch intensiv mit Anabolika gearbeitet, vor allem da, wo nicht kontrolliert wird. 98 Prozent der Positivfälle in Peking 2008 und London 2012 sind Anabolikafälle. Die Nachkontrollen haben im Grunde nur gezeigt, in welchen Ländern es ausgesprochen schlechte und wenig entwickelte Kon­trollsysteme gibt. Das gilt insbesondere auch für Länder in Osteuropa. Wenn die Langzeitlagerung von Proben früher eingeführt worden wäre, hätten wir wesentlich mehr positive Fälle nachweisen können. Vor allem auch im Radsport ...

... der immer wieder mit Epo in Verbindung gebracht werden muss.

Schänzer: Epo hat Eigenblutdoping Ende der 80er abgelöst und wurde massiv eingesetzt. Erst als es von uns ab 2000 nachweisbar war, sind in Frankreich Proben von 1998 und 1999 nachanalysiert worden. Von 70 Tests 1998 waren 40 Epo-positiv, von 80 Proben 1999 waren in der Nachanalyse aber nur noch zwölf positiv. 2005 wurde dann bekannt, dass von diesen allein sechs Lance Armstrong betrafen. Wahnsinn. Die Abschreckung war da, aber ihn hat das wenig beeindruckt. Er wusste immer, was er tun konnte, ohne aufzufallen.

Was ist aktuell das Hauptproblem der Analytik?

Schänzer: Körpereigene Substanzen sind grundsätzlich im Nachweis immer schwieriger. Das gilt für Testosteron, für die Wachstumshormone, auch für Epo. Nachweiszeiten sind geringer, Manipulationsmöglichkeiten höher. Grundsätzlich kann die Analytik immer nur so gut sein wie die Güte der angelieferten Proben. Wenn das Labor manipulierte Kontrollen bekommt, nutzt die beste Analytik nichts. Es gibt Länder, da wissen die Athleten, wann die Kontrolleure kommen. Wir wissen auch, dass Proben ausgetauscht werden. Das Labor in Moskau hat positive Befunde zudem gar nicht weitergegeben.

Analytik bedingt Kontrollen. Das heißt, nur was die Analyse hervorbringt, kann auch kontrolliert werden. Nun sagen Sie, die Kontrollen bereiten Probleme. Erklären Sie das?

Schänzer: Ich habe nie verstanden, dass das IOC nicht zur Startauflage bei Olympia macht, dass die Athleten über Jahre konsequent getestet wurden. Geld ist dafür da, es fehlt am Willen. Aber ich bin kein Sportpolitiker. Das Dopingpro­blem ist nur mit einer Ausweitung von weltweiten Trainingskontrollen wirksam zu bekämpfen. Steroidprofile und Trainingskon­trollen hat Donike schon vor mehr als drei Jahrzehnten gefordert. Aber es mussten erst riesige Arbeitsgruppen bei der Wada eingerichtet werden, um das Realität werden zu lassen.

Was halten Sie vom neuen Anti-Doping-Gesetz?

Schänzer: Donike hat auch schon ein Anti-Doping-Gesetz gefordert. Jetzt haben wir es, ich bin kein Freund davon. Anti-Doping-Gesetz hört sich besser an als Arzneimittelgesetz Paragraf 6a. Aber es verschafft den Staatsanwaltschaften natürlich einen besseren Zugriff. Im Ernst: Wie viel Fälle wurden denn aufgeklärt? Auch, was den Schwarzmarkt betrifft. Das Gesetz war eine politische Entscheidung.

Es soll aber auch eine abschreckende Wirkung haben. Ziel erreicht?

Schänzer: Wir haben in Deutschland nicht so ein Dopingproblem. Die Positiven kommen aus Osteuropa, aus Ländern, die im Training unzureichend kontrollieren.

Das Gesetz ist also auch ein Aktionismus?

Schänzer: Die Idee dahinter war ja, den Schwarzmarkt einzudämmen ...

Wo steht denn die Analytik heute? Der Anti-Doping-Kampf – ein Rennen, das gewonnen werden kann?

Schänzer: Ich bin sehr zufrieden mit dem, was wir in zwei Jahrzehnten analytisch erreicht haben.

Sind Sie eigentlich schon mal um „Gefälligkeiten“ gebeten worden, Ergebnisse auch mal „unter den Tisch“ fallen zu lassen?

Schänzer: Nein. Ich kann mich nur einen Fall erinnern aus Osteuropa, als einer gefragt hat nach einem Positivbefund, ob daran noch etwas zu machen sei (lacht). Nein, habe ich gesagt, nichts zu machen. Schlimm ist es immer wieder, die Verzweiflung der Athleten mitzubekommen. Im Institut. Da geht es um Existenzen.

Was sind die Renner?

Schänzer: Anabole Steroide – nach wie vor.

Zurzeit wird die Spitzensportreform in Deutschland heiß diskutiert. Ihre Meinung dazu?

Schänzer: Ich bin kein Freund von einer Förderung, die sich ausschließlich an Medaillen orientiert. Aber ich denke, die Spitzensportförderung in Großbritannien vor und nach den Olympischen Spielen 2012 funktioniert sehr gut. Warum machen wir es nicht genauso?

Sind Sie überhaupt noch ein Freund des Spitzensports angesichts der vielen Betrugsfälle?

Schänzer: Ja, ich schaue Sport. Ich mag Sport, weil es spannend ist. Nach wie vor.

Sie erinnern sich bestimmt an den Fall Dieter Baumann . Der 5000-Meter-Olympiasieger von 1992 war positiv getestet worden. Er sagte, man habe ihm das Mittel in die Zahnpastatube geschmuggelt. Baumann bestreitet bis heute die wissentliche Einnahme der Mittel. Sie waren mit dem Fall betraut.

Schänzer: Unglaublich, wie nervenaufreibend das war. 1999 ging es um Nahrungsergänzungsmittel, großes Thema. Prohormone fluteten den Markt, die wurden verboten. Baumann hatte einen Nandrolon-Befund. 20 Nanogramm haben wir gefunden, wir und zwei Wochen später auch die in Kollegen in Kreischa. Baumann hat nicht mehr zu Hause gegessen, blieb aber positiv. Wir haben alles gesammelt, Bettwäsche in Tübingen, wir waren über die Produktion aller Metzgereien in und um Tübingen informiert. Und dann haben wir in der Zahnpasta das Prohormon gefunden. Wir wussten, dass das Mittel über Mundschleimhäute aufgenommen wurde. Mir war früh klar, dass es sich nur um eine Kontamination handeln konnte. Und wir wussten von Anschlägen dieser Art in der ehemaligen DDR. Dieter Baumann tut mir heute noch leid.

Haben Sie das Vertrauen in die Sportler verloren?

Schänzer: Den Fall Jan Ullrich habe ich nicht für möglich gehalten, gerade auch, weil er von einer Universität betreut wurde. Usain Bolt bewundere ich, ihn laufen zu sehen, ist wunderschön. Aber ich glaube selbst ihm nicht, der schon seit 15 Jahren läuft. Ich erteile niemand im Sport die Absolution.

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