Strobl-Vorschlag
Fan-Organisation gegen personalisierte Tickets

Die Organisatoren des Profifußballs wollen natürlich so schnell wie möglich wieder Zuschauer im Stadion haben. Die Fans wiederum möchten nicht nur als Kulisse für das Milliaden-Geschäft herhalten und wehren sich gegen ein Dauerthema.

Sonntag, 14.06.2020, 15:52 Uhr
Baden-Württembergs Minister für Inneres, Digitalisierung und Migration: Thomas Strobl (CDU).
Baden-Württembergs Minister für Inneres, Digitalisierung und Migration: Thomas Strobl (CDU). Foto: Sebastian Gollnow

Stuttgart (dpa) - Die Hoffnungen von Fußballfans, in absehbarer Zeit wieder in die Stadien zurückkehren zu dürfen, sind groß - aber auch die Sorgen.

Gerade Ultra-Szenen befürchten, dass die Corona-Krise dazu benutzt wird, um quasi durch die Hintertür personalisierte Tickets einzuführen und Daten zu sammeln. Diese Debatte befeuerte am Wochenende Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl ( CDU ).

«Es geht ja auch darum, ob die Zuschauer nur als Kulisse herhalten sollen oder ob man Fan-Kultur ermöglichen will», sagte Helen Breit von der Interessensgemeinschaft «Unsere Kurve» am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur . «Neben dem Gesundheitsschutz ist bei der Diskussion um die Wiederzulassung von Zuschauern die Fanperspektive entscheidend», erklärte die Freiburgerin weiter. «Man muss dabei folgende Aspekte sehen: Auf Sitzplätzen sind Abstandsregeln eher möglich. Aber der Stehplatz-Fan will zurück in die Kurve, wo Enge herrscht, wo Emotionen ausgelebt werden können. Was bedeutet das für Fankultur, wenn alles kontrolliert wird?»

Vergangene Woche hatte die Lockerungsdiskussion auch die Bundesliga erfasst, die bis zum Saisonende im Geisterspiel-Modus läuft. «Ich habe schon die Zuversicht im Herzen, dass wir in der neuen Saison nach und nach wieder Publikum zulassen können», sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) in einem Interview für die Zeitungen der Funke Mediengruppe. «Nicht sofort, nicht wie vor dem Corona-Ausbruch, aber mit reduzierten Zuschauerzahlen und so, dass die Abstände zwischen den Stadionbesuchern eingehalten werden.»

Bei der anstehenden Konferenz der Innenminister in Erfurt und der nächsten Sportministerkonferenz gehe es laut Bayerns Innen- und Sportminister Joachim Herrmann (CSU) um die Frage, wie es insgesamt mit dem Fußball weitergehe. «Es wird darüber zu sprechen sein, inwieweit wir ab Herbst wieder schrittweise mit großen Abständen wenigstens wieder einige Zuschauer wieder in die Stadien lassen können, natürlich mit 1,5 Meter-Sicherheitsabstand in alle Richtungen», sagte Herrmann der Deutschen Presse-Agentur.

Fan-Organisationen und Verbände beraten derzeit in einer Arbeitsgruppe mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) und dem DFB darüber, wie bei einem Ende der Geisterspiele wieder eine reduzierte Zahl von Zuschauern in die Stadien kommen könnte. Laut Rainer Vollmer, wie Breit Sprecher von «Unsere Kurve», gibt es keine einheitliche Meinung in der Szene: «Die Mehrheit ist vielleicht sogar dafür, erst wieder mit einer Vollauslastung zu starten. Denn wie will man da eine Auswahl treffen?»

Vor der Innenministerkonferenz hatte Strobl personalisierte Tickets angeregt, um Täter nach Schmähgesängen besser ermitteln zu können. «Es ist absolut inakzeptabel, wenn bei Fußballspielen Rassismus offen zutage tritt, wenn völlig unschuldige Menschen traktiert werden, nur weil sie anderer Herkunft oder Hautfarbe sind», sagte der CDU-Minister.

Die Innenminister müssten darüber sprechen, ob Eintrittskarten in den Profiligen künftig nur noch personalisiert ausgegeben werden dürften, so Strobl. Allerdings gibt es - auch auf Betreiben vieler Ultra-Szenen - bei Bundesliga-Spielen im Vergleich zu früheren Zeiten nur noch selten rassistische Vorfälle.

Die Fan-Gruppen PRO Waldhof, Supporters Karlsruhe 1986 und Supporters Crew Freiburg sprachen in einer gemeinsamen Stellungnahme von einem schwer zu ertragenden Populismus Strobls. «Wir lehnen die Instrumentalisierung der dringend notwendigen und angezeigten Debatte über Rassismus in unserer Gesellschaft für restriktive Sicherheitsmaßnahmen entschieden ab», heißt es in dem Schreiben. Rassismus werde nicht dadurch bekämpft, «indem man den bereits sehr ausgeprägten Sicherheitsapparat im Fußball weiter ausbaut und damit erneut tausende Fußballfans pauschal unter Verdacht stellt sowie deren Freiheitsrechte einschränkt».

Massive Beleidigungen hatte es vor der Saisonunterbrechung gegen Mäzen Dietmar Hopp vom nordbadischen Erstligisten TSG 1899 Hoffenheim gegeben. Der Milliardär ist für viele Anhänger im Kampf gegen die Kollektivstrafe für Vereine bei Fanvergehen zu einem Hass-Symbol geworden. Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes hatte die Verfahren aber allesamt eingestellt, um in der Corona-Pandemie die Clubs nicht mit Geldstrafen weiter zu belasten.

Gegen Strobls Vorstoß gibt es auch außerhalb Baden-Württembergs starken Widerstand. «Unsere Position ist unverändert: Wir sind gegen personalisierte Tickets», sagte Vollmer. Er befürchte auch, dass man die Corona-Krise «dazu missbrauchen könnte, um personalisierte Tickets einzuführen».

Ein Problem bei Straftaten im Stadion ist häufig, dass sich Täter vermummen und deshalb nur schwer oder gar nicht identifiziert werden können. Die Fanszenen sehen aber auch personalisierte Tickets nicht als Lösung.

© dpa-infocom, dpa:200612-99-406430/7

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