Prozess in München
«Operation Aderlass»: Doping-Helferin packt über Mark S. aus

Sie fuhr für Mark S. quer durch Europa, um Sportlern Blut abzunehmen und wieder zuzuführen. Das passierte auf Hotelzimmern, aber auch Orten wie Autorückbänken. Im Dopingprozess gegen den Erfurter Arzt hat eine Gehilfin ausgesagt und ihre Beweggründe genannt.

Freitag, 18.09.2020, 15:26 Uhr aktualisiert: 18.09.2020, 15:28 Uhr
Journalisten und Passanten stehen vor Prozessauftakt vor dem Gerichtsgebäude in München.
Journalisten und Passanten stehen vor Prozessauftakt vor dem Gerichtsgebäude in München. Foto: Peter Kneffel

München (dpa) - Diana S. war nicht wohl bei der Sache. Der Sportler, dessen echten Namen sie nicht kannte und der am späten Abend hinter ihr im Auto saß, wollte endlich sein Blut bekommen. In der Dunkelheit leuchtete die Krankenschwester mit den Handy und legte dem Langläufer die Spritze.

Den daran angeschlossenen Beutel griff der Sportler und drückte sich einen halben Liter seines zuvor abgenommenes Blutes selbst in die Adern. Lieber hätte Diana S. ausführlicher den Arm nach der idealen Stelle untersucht, aber der Sportler war schwer genervt, «wenn man da nicht sticht, wo er das möchte», wie sie sagte.

Am zweiten Verhandlungstag des Doping-Prozesses gegen den Erfurter Arzt Mark S. hat eine seiner Helferinnen ausgesagt und detailliert ihre Beziehung zum Hauptangeklagten und den Ablauf ihrer Treffen mit den Sportlern geschildert. Diana S. sprach leise, öfter stockte sie, vor allem wenn es um private Aspekte und ihre drei Kinder ging.

«Ich schäme mich dafür und würde es gerne rückgängig machen, was leider nicht geht. Es tut mir sehr leid, das auch meinen Kindern angetan zu haben», sagte sie nach ihrer langen Erklärung und weinte.

Oberstaatsanwalt Kai Gräber hatte beim Prozessauftakt in höchster Sprechgeschwindigkeit die fast 150 Dopingvergehen des angeklagten Quintetts aufgezählt. Am Freitag berichtete Diana S. nun ausführlich über die sie betreffenden Ereignisse und auch ihre angeblichen Beweggründe: Schuldgefühle und Geld. 200 Euro habe ihr Mark S. pro Tag verheißen. Allerdings nur, wenn sie an dem Tag auch Blut abnahm oder zurückführte; An- und Abreisetage etwa nach Skandinavien oder nach Österreich ohne Sportlertreffen zählten nicht.

Mark S. saß im Gerichtssaal direkt vor Diana S. und reagierte immer wieder auf die Schilderungen seiner Komplizin, mal mit einem leichten Kopfschütteln, einmal auffallend nickend. Ganz oft plauderte er mit seinem Anwalt auf dem Stuhl daneben, dann grinsten beide.

Schon bei der ersten Aussage einer Beteiligten in einem der größten Dopingprozesse der deutschen Sportgeschichte wurde deutlich, wie umfangreich der Betrug organisiert war. Laut Diana S. bekam sie minuziöse Anweisungen auf ihr Handy, wann sie mit welchem Auto wo hinfahren musste, wen sie wann und wo treffen sollte, wer wie viel Blut zu bekommen hatte. Wenn sie eine Maschine zur Blutaufbereitung nicht verstand, dann leitete sie Mark S. am Telefon an.

2017 sei sie von Mark S. rekrutiert worden. Beide kannten sich vom Job, sie freundeten sich an. Der Arzt habe ihr bei großen privaten Problemen spontan geholfen, auch finanziell. Dies habe danach dazu geführt, dass sie zwar aussteigen wollte, aber sich dabei stets schlecht gefühlt habe. «Als ich sagte, ich will das nicht, ich kann nicht, dann war da immer das Argument, dass ich Geld brauchen würde und dass er mir ja auch geholfen hat», erzählte sie.

Also fuhr die alleinerziehende Mutter quer durch Europa. Nicht immer klappte alles wie geplant. Einmal hatte sie falsches Equipment dabei, in Schweden vergaß sie ihren Führerschein, konnte deshalb das vorbestellte Mietauto nicht abholen und musste öffentlich zu einem Wettkampf fahren. Bei der Rückreise sei sie dann gemeinsam mit den Sportlern in einem «Mannschaftsbus» zum Flughafen gebracht worden.

Laut Staatsanwaltschaft hat Mark S. seit mindestens 2011 Blutdoping an Spitzensportlern durchgeführt. Der 42-Jährige äußerte sich zunächst nicht vor Gericht. Allerdings deutete sein Anwalt Alexander Dann auf eine Frage von Richterin Marion Tischler an, dass eine Aussage für Ende September oder Anfang Oktober möglich sei. «Es ist so geplant, dass es so terminlich stattfinden soll», sagte er.

Am nächsten Dienstag geht es mit dem dritten Verhandlungstag weiter.

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