Anti-Doping-Kampf
Nach Dopingprozess: Experten fordern bessere Teststrategien

Strafrechtlich hat der Dopingprozess gegen den Mediziner Mark S. ein Urteil ergeben. Nun sollen die Erkenntnisse des Verfahrens auch in den Anti-Doping-Kampf einfließen. Zwei Experten, die als Sachverständige in München dabei waren, haben konkrete Vorschläge.

Mittwoch, 20.01.2021, 11:38 Uhr aktualisiert: 20.01.2021, 11:40 Uhr
Leiter des Doping-Kontrolllabors in Kreischa: Detlef Thieme.
Leiter des Doping-Kontrolllabors in Kreischa: Detlef Thieme. Foto: Robert Michael

München (dpa) - Detlef Thieme und Wolfgang Jelkmann saßen im Prozess gegen den Doping-Arzt Mark S. an allen Verhandlungstagen im Gericht und wurden immer wieder aufs Neue überrascht.

Als Sachverständige sind die beiden zwar Insider im Anti-Doping-Kampf. Manches Gebaren der Betrügergruppe um den Erfurter Mediziner, seine Helfer und die involvierten Sportler aber verblüffte auch die Wissenschaftler.

Thieme, der Leiter des Doping-Kontrolllabors in Kreischa, spricht im Interview der Deutschen Presse-Agentur von «gemischten Gefühlen», wenn er an das Verfahren vor dem Landgericht München zurückdenke. Einerseits sei die landläufige Vermutung, dass ohnehin alle Spitzensportler dopen, nicht bestätigt worden. «Ich würde mutmaßen, dass das Ausmaß der Katastrophe geringer ist als am Anfang vermutet.»

Auf der anderen Seite aber seien große Defizite bei der Jagd nach Betrügern im Sport aufgedeckt worden. Thieme findet es «hochgradig befremdlich», wie Lücken im System der Doping-Fahndung «professionell und gnadenlos ausgenutzt werden konnten». Mark S. wusste, wie man sich von Kontrolleuren nicht erwischen lässt. Aufgeflogen ist das Netzwerk dann auch nicht durch Tests, sondern erst nach Ermittlungen als Folge eines TV-Interviews des gedopten Langläufers Johannes Dürr.

Mal sollte ein Teamarzt einem Athleten mit auffälligen Blutwerten nachträglich eine Krankheit attestieren, häufig wurden Reisetage - in denen keine Überraschungskontrollen befürchtet werden mussten - just für Bluttransfusionen genutzt. Auch erhielten vor allem die Langläufer meist ganz kurz vor den Wettkämpfen ihr aufbereitetes Blut wieder injiziert, wenn ebenfalls keine Tests mehr anstanden. «Hier trat ein Defizit zutage, das ich mir so nicht vorstellen konnte», sagt Thieme über das penible Zeitmanagement des Mediziners.

Mark S. wurde als Drahtzieher zu vier Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt. Strafrechtlich wird die Causa nach einer Revision des Mediziners wohl demnächst an den Bundesgerichtshof gehen.

Für die Dopingbekämpfung wollen die beiden Sachverständigen Lehren ziehen. Der Lübecker Professor Jelkmann fordert: «Zur Steigerung der Effektivität der Tests müssen die Probenabnahmen zielgerichteter erfolgen.» Er schlägt vor, sich auf einschlägige Sportarten zu fokussieren, vermehrt Trainingskontrollen anzusetzen und - recht simpel - im Kampf gegen Blutdoping bei Sportlern die Armbeugen nach Veneneinstichen zu untersuchen. In dem Prozess hatten mehrere Athleten ausgesagt, dass dies nie passiert sei. «Bei jedem Fixer schaut man da hin!», meinte Richterin Marion Tischler dazu. Thieme geht davon aus, dass die Wada sich dieses Problems annimmt.

Das war nur einer der Momente, der bei den Beobachtern des Verfahrens für Kopfschütteln sorgte. «Erschreckt hat mich die Naivität, mit der sich die Athleten mit Blutpräparaten und Wirkstoffen behandeln ließen, ohne ernsthaft zu hinterfragen, ob die Behandlung gesundheitliche Schäden verursachen könnte», sagt Jelkmann. Der Gipfel war eine Mountainbikerin, die sich ein Präparat spritzen ließ, das nur für Forschungszwecke und nicht für Menschen bestimmt war.

Mark S. hatte die Chemikalie mit einem anderen Mittel verwechselt, das angeblich wie Wunder-Doping hätte wirken sollen. Überhaupt sei man in der Szene ständig auf der Suche nach Super-Substanzen. Beim Stichwort Gen-Doping kam das Mittel Repoxygen zur Sprache, das laut einem führenden Wissenschaftler aber lange verworfen wurde. Das ließ sich Jelkmann vom Oxforder Entwickler persönlich nochmal bestätigen.

Ein Trend aber lässt sich erkennen: Doper scheinen den Fahndern oft mindestens einen Schritt voraus. Thieme gibt sich überrascht, wie schnell Neuigkeiten aus dem Anti-Doping-Kampf in der Betrügerszene die Runde machten. Er fordert, dass es neben der formellen Kommunikation zwischen den Anti-Doping-Stellen («eine lange Befehlskette») auch einen schnellen und unbürokratischen Austausch von Informationen geben müsse. Von der Welt-Anti-Doping-Agentur über Testorganisationen, Sportverbände und Juristen bis hin zu Laboren müssten die Absprachen wesentlich flotter erfolgen als aktuell.

Denn eines zeige sich seit Jahren, resümiert Thieme: «Wenn Substanzen auf die Verbotslisten kommen, hab ich das Gefühl, sind schon alle Messen gesungen, dann ist es schon Schnee von gestern.»

© dpa-infocom, dpa:210120-99-95298/3

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