Tennis: Noventi Open
Turnierdirektor Weber im Interview: „Wir wollten keinen Wettanbieter aus Malta“

Halle/Westfalen -

Das vergangene Jahr war turbulent. Mit dem insolventen Modekonzern Gerry Weber mehrten sich auch die Schlagzeilen rund um das Rasenevent in Halle. Inzwischen heißt es Noventi Open. Turnierdirektor Ralf Weber schildert im großen Interview, wie es gelang, die Veranstaltung wieder auf gesunde Füße zu stellen und warum er die Zukunft überaus positiv bewertet.

Freitag, 07.02.2020, 16:55 Uhr aktualisiert: 07.02.2020, 17:00 Uhr
Ralf Weber
Ralf Weber Foto: OWL Sport & Event

Durch die Insolvenz des Modekonzerns, gleichzeitig Namensgeber, gerieten 2019 auch die Gerry Weber Open in die Schlagzeilen. Die Zukunft schien gefährdet. Im Vorjahr firmierte das ATP-Rasenturnier, das jährlich über 115 000 Besucher anlockt, kurzfristig und erstmals unter neuem Namen (Noventi Open). Der aber hat nun Zukunft. Weitere positive Signale aus Halle machen zudem Hoffnung: Verlängerung des Kontrakts mit dem Hauptsponsor Tennis-Point sowie ein neuer Name für die Arena, den ein Zusammenschluss von Unternehmen der Region ermöglicht hat. Darüber und über die Zukunft des Turniers, das vom 13. bis 21. Juni seine 28. Auflage erfährt, spricht Turnierdirektor Ralf Weber (55).

Mit Blick auf die positiven Signale muss Ihre Stimmung doch derzeit großartig sein, oder?

Ralf Weber: Ja, das ist auch so. Im letzten Jahr haben wir versucht, die Weichen für die Zukunft zu stellen. Als die ganzen Themen über uns hereingebrochen sind, waren wir uns im Klaren, dass wir das Engagement des früheren Sponsors auf mehrere Schultern verteilen müssen. Ich bin sehr erleichtert, dass wir den Rückhalt der Firmen aus der Region spüren. Aber auch sie haben ein Gespür. Noventi, der Namensgeber, hatte vor dem ersten Engagement im vergangenen Jahr nichts mit Tennis zu tun, ist vom Feedback dann aber förmlich überrannt worden. Im Zuge des Turniers verzeichnete der Gesundheitsdienstleister 600 Millionen Kontakte. Auch deshalb hat er sich nun dafür entschieden, die Zusammenarbeit weiter fortzusetzen.

Wie muss man sich das vorstellen? Neue Namen, aber bekannte Personen?

Weber: In das reine Tennisturnier ist Noventi nicht eingebunden, sondern ein reiner Namensgeber. Der Sponsor hat Flagge gezeigt. Gut, dass es ein Unternehmen ist, das bekannt ist. Wir wollten ja schließlich keinen Wettanbieter aus Malta. Die weißen Apotheker und der weiße Sport haben sich da ganz gut die Bälle zugeworfen. Das ist die eine Schiene. Die andere ist, eine Allianz aus Unternehmen zu schmieden. Das betrifft ja die jetzige OWL-Arena als Ganzes. Dabei haben wir schon festgestellt, dass es schwierig ist, dass eine Firma das Namensrecht übernimmt. Die Aussagen aber waren schnell deutlich, als gesagt wurde:Da machen wir mit, das Konzept stimmt. Das hat dann einige Monate gedauert, ist uns aber gut gelungen. Wir haben großen Rückhalt gespürt. Es ist schön, dass man sich auf die Unternehmen der Region verlassen kann.

Zur Person

Ralf Weber wurde am 2. Februar 1964 in Halle/Westfalen als Sohn von Gerhard Weber, einem der beiden Gründer des Unternehmens Gerry Weber International AG, geboren. Beim Rasentennis-Turnier (seit 2019 die Noventi Open, vormals Gerry Weber Open), fungiert Ralf Weber seit der Premiere im Jahr 1993 als Turnierdirektor. Sein Vater Gerhard war Initiator des Turniers. Ralf Weber ist seit dem 14. Januar 2020 Geschäftsleiter der OWL Sport & Event GmbH & Co. OHG (Nachfolge-Gesellschaft der Gerry Weber World)

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Wie wichtig ist der Stadionname? Ursprünglich hatten Sie hierfür auf ein Unternehmen aus der Region gehofft.

Weber: Klar, das war die Idee. Es hat sich aber schwierig gestaltet, hätte noch länger gedauert. Wir wollten ein tragfähiges Konzept, das zum Jahresende stehen sollte. Als wir relativ schnell gemerkt haben, dass die Firmen es nicht alleine, wohl aber mit mehreren machen wollten, ist die Entscheidung gefallen. Auch die IHK und das Ostwestfalen-Marketing haben uns dabei mit Begleitschreiben und Beurteilungen unterstützt. Da waren schnell die ersten sieben, acht Firmen zusammen. Jetzt fehlen uns noch zwei Unternehmen. Wir hoffen, dass wir auch das bis Ende März zu einem Abschluss bringen. Wir wollen 16, also 15 plus eins, wobei Arminia Bielefeld der 16. ist. Als sportlicher Partner und Nachbar. Mehr als 16 wird es nicht geben. Darauf haben wir uns mit allen verständigt.

Wie weh tat Ihnen die Umbenennung?

Weber: Für mich war das mehr eine Erleichterung, nachdem ich ja auch lange Zeit mit den Problemen zu kämpfen hatte. Daher war mir schnell klar, dass auch hier eine andere Lösung her musste. Neue Partner waren notwendig, auch um die Trennung mit dem Unternehmen Gerry Weber komplett abzuschließen. Jetzt heißt es nach vorne schauen, einen Neuanfang starten. Wir sind in einer guten Stimmung, alles positiv umgesetzt zu haben.

Wie ordnen Sie vor allen Dingen den Zusammenschluss der Unternehmer ein?

Weber: Das ist ja nicht nur ein wirtschaftlicher Zusammenschluss. Wir hören immer wieder heraus, dass das Thema Networking sehr wichtig ist. Da schaffen wir eine super Plattform mit dem Legendclub. Das ist ein komplett neuer Raum, der jetzt entsteht. Das ist wie ein großer VIP-Raum, eine Loge, in die die Firmen ihre Gäste einladen können. Den gibt es in der Region nicht ein zweites Mal. Hinzu kommt eine Veranstaltung im Jahr, bei der auch ein gewisser Austausch entsteht. Der auch gewünscht ist. Es geht für uns auch darum, dass die Region zusammenrückt.

Das ist ja in der Außenwirkung auch ein Signal …

Weber: Ja, das war auch den Firmen wichtig. Sie wissen auch das langjährige Engagement zu schätzen, das mein Vater bei Arminia Bielefeld geleistet hat. Daher sagen viele: Wir unterstützen jetzt euch. Es ist wie ein Rückpass.

Ist das Thema Erweiterung der Anlage vom Tisch?

Weber: Wir hatten ja vor fünf Jahren darüber nachgedacht, ob wir Damen mit integrieren. Aber es hat sich relativ schnell abgezeichnet, dass wir mit den Männern eine so gute Auslastung haben. Als dann die Kommissare der WTA kamen, ging es los. Sie wollten die Hälfte der Hotelzimmer haben, die Hälfte der Spiele auf dem Center Court auch. Sie wollten ein Damen-Turnier überhaupt nicht unter den Herren einordnen, wollten eine Gleichberechtigung wie bei anderen Turnieren. Da habe ich erhebliche Zweifel bekommen. Sicher ist es möglich, den Court eins und die Außenplätze zu erweitern. Aber wir haben Nein gesagt, uns auf die Erweiterung des bewährten Turniers konzentriert. Das hat ja, auch in Sachen Preisgeld und TV-Zeiten eine rasante Entwicklung genommen. Deshalb haben wir den Gedanken verworfen.

Hand aufs Herz. Haben Sie vor oder auch nach dem letztjährigen Turnier an einer Zukunft gezweifelt?

Weber: Habe ich eigentlich nicht. Weil ich weiß, dass wir uns seit 2015, als wir zum 500er-Turnier wurden, nach vorne gearbeitet haben. Auch was TV-Reichweite und Kartenverkäufe angeht. Viele Dinge sind einfach einzigartig. Der Rasen, das Dach, das in 88 Sekunden schließt. Mir war immer klar, dass wir für so ein starkes Produkt andere Partner finden würden. Aber auch mit Blick auf die anderen Veranstaltungen. Wir sind in diesem Jahr so gut ausgelastet wie noch nie. Das sprach und spricht für die Veranstaltungsstätte. Ich war immer positiv. Na ja, ein paar unruhige Nächte gab es natürlich schon.

Wie lange läuft noch die Lizenz mit der ATP?

Weber: Es ist eine unbefristete Lizenz. Sie wurde uns und auch Queens – wir sind ja die Turniere zwölf und 13 der 500er-Kategorie – erteilt. Es gibt gewisse Kriterien, die man einhalten muss. Eine gewisse Anzahl von Sitzplätzen und Besuchern sowie eine funktionierende Organisation gehören dazu. Solange nichts gegen diese Auflagen der ATP verstößt, ist sie fortlaufend.

Roger Federer wird mit Blick auf sein Alter nicht mehr ewig spielen. Wie wichtig aber ist ein Gesicht des Turniers?

Weber: Er ist unser Gesicht, unser Botschafter. Da hatten wir 2008 einen guten Riecher. Er hat sogar eine Straße bekommen, womit wir schneller waren als die Schweizer. Roger ist für uns eine bedeutende Person, die wir über seine aktive Zeit einbinden möchten. Es ist aber schon eine gewisse Abhängigkeit da. Das erinnert mich an 1993. Da kam kein Boris Becker, kein Michael Stich . Da hatten wir Zweifel. Wenn Roger nicht mehr spielt, müssen wir versuchen, genügend Top-Stars am Start zu haben. Es kann sein, dass es dabei eine leichte Delle gibt. Aber zum totalen Einbruch wird es nicht kommen. Natürlich müssen wir frühzeitig darüber nachdenken, wie wir die Weichen stellen wollen. Dazu gehören ältere, jüngere und auch deutsche Spieler. Da geht es dann um die Gesamt-Mixtur.

Wie laut haben Sie, zumindest innerlich, Beifall geklatscht nach dem guten Abschneiden von Alexander Zverev bei den Australien-Open?

Weber: Es ist für ihn ganz wichtig, dass er sich nicht nur sportlich, sondern auch als Mensch weiterentwickelt. Er ist 22 Jahre, ist sehr emotional. Er arbeitet ja auch mit einem neuen Management. Auch daran ist Roger Federer beteiligt. Sie werden ein Interesse daran haben, dass er an seinen Sympathiewerten feilt. Da gibt es eine positive Tendenz, die er weitertragen muss. Auch in Halle. Er ist für mich ein Hoffnungsträger.

Der Kontrast zwischen seinem letzten Auftritt vor Melbourne und dann bei den Australian Open war schon sehr deutlich …

Weber: Ja, wohl auch, weil Boris Becker mit ihm gesprochen. Zudem auch das neue Management. Vielleicht greift das. Natürlich gibt es Bad Guys wie Nick Kyrgios, die sich dadurch einen Namen machen. Aber nur die Schläger einfach zerhacken, das macht man nicht.

Eine deutsche Karte, auf die gerne in Halle gesetzt wurde und wird, ist Jan-Lennard Struff. Aber auch er ist schon 29 Jahre alt …

Weber: Er steht momentan so hoch wie noch nie. Er hat jetzt auch mal eine Runde gewonnen, ist reifer geworden. Ob er aber bis 34 oder 35 spielt, weiß man nicht. Ich wünsche mir, dass von unten eine neue Generation heranwächst. Früher hatten wir Tommy Haas und Nicolas Kiefer, davor Becker und Stich.

Aber Tennis spielen allein reicht nicht, oder?

Weber: Ja, auch Charisma und Emotionen gehören dazu. Aber die Deutschen werden immer noch einmal ganz anders von den Medien und den Fans begleitet. Sie haben immer die Sympathien, haben einen Heimvorteil. Bei uns besonders. Eine Woche vor dem Turnier können sie bei uns wohnen. Wir machen für sie schon die Trainingsplätze auf. Die deutsche Karte ist und bleibt für die Zukunft der Noventi Open wichtig.

Wie beurteilen Sie die wachsende Konkurrenz? Die Rasenturniere nehmen mit Stuttgart bei den Herren sowie Berlin und Bad Homburg bei den Damen zu. Gut für Halle?

Weber: Die Rasensaison ist aufgewertet worden. Dazu zählt auch, dass das Turnier in Stuttgart auf Rasen gegangen ist. Wir sehen das nicht als Konkurrenz. Es tut sich wieder etwas. Die Spieler sind in Deutschland. Sicher ist das Damenturnier in Berlin parallel zu uns. Ich glaube aber nicht, dass es uns einen Abbruch tut. Auch das ist vielmehr für den gesamten deutschen Tennismarkt positiv. Es gibt ja einige Turniere, die längst verschwunden sind. Da tut eine Renaissance gut.

Apropos Veränderung: Wie gut gefällt Ihnen das neue Format im Davis Cup?

Weber: Es sind ja viele Mannschaften beteiligt. Einige mussten auf Nebenplätzen spielen. Zudem fehlt so etwas wie der frühere Pokalcharakter. Sicher tut sich was, wenn man auch an den Laver- oder den ATP-Cup denkt. Ich glaube aber, dass man den Davis Cup noch einmal überdenken muss.

Zurück nach Halle. Neben Federer und Zverev haben auch Karen Khachanov, Kei Nishikori und Borna Coric für dieses Jahr zugesagt. Wie zufrieden sind Sie mit den Zusagen?

Weber: Wir wollen noch weitere Qualität verpflichten. Da laufen Gespräche. Wir hatten bei Juan Martin del Potro angefragt. Leider musste er sich einer weiteren Knie-OP unterziehen. Mit Andrej Rublev haben wir so gut wie abgeschlossen. Auch David Goffin und Gael Monfils sind ein Thema. Rafael Nadal und Novak Djokovic werden einfach diese Woche nicht spielen. Sie müssen auch ihrem Alter Tribut zollen, weil sie bei den French Open meistens sehr weit kommen. Die muss man außen vor lassen. Die vier Top-Ten-Spieler werden wir zum Turnier bringen. Das muss auch so sein.

Gibt es noch Wünsche und Visionen? Für 2020 und für die kommenden Jahre?

Weber: Aktuell erleben wir im Tennis eine neue Begeisterung. Unser Turnier ist dabei an einem Top-Level angekommen. Dazu gehören die TV-Präsenz sowie die 115 700 Zuschauer im Vorjahr. Wir wären zufrieden, wenn wir das halten. Farbtupfer wird es immer geben. So wird Padel-Tennis ebenso eine Bereicherung sein wie die One-Tennis-Point-Weltmeisterschaft. Ansonsten will ich nichts ausschließen.

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