American Football: Interview
Ex-NFL-Star Sebastian Vollmer: „Ich bin super gerne Papa“

Münster -

Sebastian Vollmer musste 2017 seine Karriere beenden. Nun hat er ein Buch geschrieben und beobachtet den American Football aus der Distanz. Der einstige NFL-Champion blickt im Interview zurück auf eine bewegte Karriere, aber auch nach vorne.

Mittwoch, 19.09.2018, 12:10 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 18.09.2018, 16:04 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Mittwoch, 19.09.2018, 12:10 Uhr
Die NFL-Saison hat begonnen. Sebastian Vollmer ist nur noch Beobachter der Szenerie. Doch zu seinem Sport hat er weiter eine klare Haltung, und viele Themen begleiten ihn weiter.
Die NFL-Saison hat begonnen. Sebastian Vollmer ist nur noch Beobachter der Szenerie. Doch zu seinem Sport hat er weiter eine klare Haltung, und viele Themen begleiten ihn weiter. Foto: dpa

„This is Sebastian .“ Die Stimme am Telefon klingt sanft, herzlich. Hat gefühlt nichts mit einem 2,03 Meter großen Raubein der NFL gemein, der jahrelang als Offensive Tackle die „Drecksarbeit“ für Superstar Tom Brady bei den New England Patriots erledigte. Im Hintergrund kreischen Kinder. Annabel und Lucas. Sie sind der wundervolle Teil des neuen Lebens von Sebastian Vollmer, dem ersten und einzigen Super-Bowl-Gewinner aus Deutschland. Nach dem jähen Ende seiner Vorzeige-Karriere  2017 genießt der Sympathieträger mit dem prächtigen Holzfäller-Bart seine neue Rolle als Familienmensch, fühlt sich im Nordosten der USA in der Nähe von Boston sauwohl. Und so ganz nebenbei ist der 34-Jährige unter die Buchautoren gegangen. Seine Biografie „German Champion“ – Die Geschichte meiner NFL-Karriere“ ist taufrisch auf dem Markt. Unser Redaktionsmitglied André Fischer wählte einfach mal seine Nummer.

Sebastian, wann haben Sie den letzten Kaffee mit Tom Brady getrunken?

Vollmer: Den letzten Kaffee? Uh! Ich habe mit ihm telefoniert. Doch, vor zwei Wochen haben wir uns gesehen. Privat. Öffentlich ist das kaum möglich. Man kann sich vorstellen, wenn Tom Brady und Gisele Bündchen irgendwo bei Starbucks sitzen, dann dauert es nicht lange, bis der Mob auftaucht und es anstrengend wird.

Brady hat in Ihrer Biografie das Vorwort verfasst. Er adelt Sie, schreibt, er werde sein Leben lang für seinen großartigen Freund da sein. Was lösen derlei Worte in Ihnen aus?

Vollmer: Für mich ist Tom ein normaler Typ, ein Freund. Aber klar, es ist auch Stolz dabei. Als ich ihn fragte, ob er das Vorwort schreiben mag, hat er sofort zugesagt. Er macht alles mit. Ganz gleich ob du ihn für eine Wohltätigkeitsveranstaltung brauchst oder für eine Unterschrift auf einem Jersey. So wie gute Menschen halt sind. Er ist total unkompliziert.

Sie haben dem Superstar jahrelang als „Bodyguard“ den Rücken freigehalten, alles weggeblockt, was ihm zu nahekam. Wenn das nicht verbindet, was dann?

Vollmer: Auf jeden Fall. Aber in erster Linie will ich als Sportler meine Aufgabe so gut wie möglich erledigen, egal ob Tom Brady oder Brian Hoyer als Quarterback agieren. Wenn eine gute menschliche Beziehung dahinter steht, ist es tatsächlich ein zusätzlicher Ansporn, ohne Frage. Wenn etwas schief geht, dann tut es einem schon leid, wenn der Mann dahinter umgehauen wird und mit schmerzerfülltem Gesicht am Boden liegt.

Der gemeinsame sportliche Weg mit Brady endete 2017, als ihr Vertrag bei den Patriots im Meisterjahr nach diversen Verletzungen nicht verlängert wurde. Das Ende einer traumhaften Laufbahn?

Vollmer: Ja, es tut weh, wenn du verletzungsbedingt deine Karriere beenden musst. „Bitter sweet“ würden die Amerikaner sagen. Ich war Teil von drei Super Bowls. Alle waren sehr, sehr prägend. Da ist massenhaft Enttäuschung und Wehmut im Spiel. Aber die Entscheidung habe ich nach mehreren Schulter-Operationen selbst getroffen.

Sie haben sich in all den Jahren immer am Limit bewegt und dabei weder sich selbst, noch Ihren Gegenüber geschont. Haben Sie Ihrem Körper zu viel abverlangt?

Vollmer: Für mich gab es quasi nur 100 Prozent. Das beschreibe ich auch in dem Buch, wo das Mentale irgendwann über das Physische siegt. Wo man sich einredet, ich mach’ es trotzdem, ich kann es trotzdem und dann später nach der fünften oder zwölften Operation realisiert: Was ist denn hier los? Man lebt für den Moment, will gewinnen, nur das zählt.

Wen oder was haben Sie gesehen, als Sie nach großen Spielen in den Spiegel geblickt haben?

Vollmer: Manchmal einen alten Mann mit vielen blauen Flecken und umgeknickten Fingernägeln. Man fühlt sich dann schon erschöpft und glaubt ein paar Autounfälle in ein paar Stunden gehabt zu haben.

US-Studien haben die extreme Anfälligkeit von Footballern für Hirnschäden nachgewiesen. In einem Interview haben Sie von der Angst vor möglichen Spätfolgen gesprochen. Ist sie allgegenwärtig?

Vollmer: Das Thema ist präsent, ja. Die Angst auch. Nur kann ich jetzt nichts mehr dagegen tun. Ehrlich gesagt will ich mir die nächsten 50 Jahre nicht jeden Tag Gedanken darüber machen, was wäre wenn … Nur weil ich mal den Schlüssel im Auto vergesse, sage ich nicht gleich: Jetzt passiert es. Man hofft so ein bisschen, auf der guten Seite zu sein.

Sie hatten 145 Kilogramm Kampfgewicht in den besten Zeiten, waren gut in Futter bei etwa 5000 Kalorien täglich. Was haben Sie jetzt auf den Rippen?

Vollmer: Ich habe sehr, sehr viel abgenommen. Jetzt bin ich so bei 115 Kilo, schätze ich mal. Ich musste immer hart dafür arbeiten, so schwer zu sein. Wenn du die Erdnussbutter weglässt, auf die Haferflocken haufenweise und die Eiweißpulver samt löffelweise Öl verzichtest, dann geht das schon. Ich achte jetzt total auf meine Ernährung, treibe viel Sport und fühle mich mit mir im Reinen. Ich habe ja auch keinen Grund mehr, super stark zu sein.

Kochen Sie selbst? Oder überlassen Sie das Ihrer Frau Lindsay?

Vollmer: Ich selbst bin eher der Outdoor-Mensch, stehe gern am Grill, dafür bin ich immer zu haben. In der Küche teilen wir uns den Job, wer gerade Zeit und Lust hat, wird aktiv. Wichtig ist uns, gesund zu essen. Süßigkeiten und Cola gibt es kaum, und wenn überhaupt in Maßen.

Was vermissen Sie in Amerika?

Vollmer: Frisches deutsches Brot, das gibt es nicht an jeder Ecke. Dafür muss man mitunter weit fahren. Dafür haben wir hier reihenweise abgepacktes Toastbrot. Muss man mögen. Wenn ich in Deutschland bin, führt mein erster Weg zum Bäcker.

Annabel (2) und Lucas (sechs Monate) bereichern Ihr Leben. Der Familie widmen Sie ein ganzes Kapitel.

Vollmer: Es ist der Wahnsinn. Wir lieben die beiden heiß und innig. Ich bin super gerne Papa, tobe und albere rum. Mit 18 sind sie aus dem Haus, und dann sieht man sie Weihnachten wieder. Also genieße ich die Zeit.

Boston ist Ihre zweite Heimat. Ist eine Rückkehr nach Deutschland irgendwann denkbar? In Ihrer Geburtsstadt Düsseldorf ist in der Altstadt immer ein Altbier gezapft für Sie.

Vollmer: Meine Eltern und meine Schwester leben noch in Kaarst. Deutschland liegt mir am Herzen. Wir kommen regelmäßig rüber, und mein Wunsch ist es, dort viel öfter den Sommer zu verbringen. Es ist auf keinen Fall ausgeschlossen, dass wir uns dort niederlassen. Und wenn ich mich mal in der Düsseldorfer Altstadt tummle, muss man echt nicht lange warten, bis jemand vorbeikommt mit einem Bierchen. Das kann ich mir jetzt nach meiner Karriere ab und an sogar gönnen.

Die NFL-Saison hat begonnen. Was erwarten Sie von Ihrem (alten) Kumpel Tom Brady?

Vollmer: Er ist immer noch extrem ehrgeizig und will letztlich der Welt mit einem möglichen sechsten Super-Bowl-Sieg beweisen, dass er der beste Spieler ist, der dieses Spiel jemals gespielt hat. So lange er sich so fit fühlt wie jetzt, wird er auch weiterspielen. Bleibt nur abzuwarten, wie lange seine Familie den ganzen Stress noch mitmacht.

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