Dokumentation über DDR-Agenten
Die Stasi in Münster

Münster -

Die DDR-Staatssicherheit versuchte in den 70-er und 80-er Jahren auch an der Universität Münster, Agenten zu gewinnen. Eine Filmdokumentation zeigt Beispiele. Und an der Universität werden die Stasi-Umtriebe erforscht.

Dienstag, 22.03.2016, 06:03 Uhr

In der Universitätsbibliothek arbeitete einer der Bibliothekare bis in die 1980er Jahre für die Stasi.
In der Universitätsbibliothek arbeitete einer der Bibliothekare bis in die 1980er Jahre für die Stasi. Foto: Matthias Ahlke

Der aktuelle Forschungsprojekt von Dr. Sabine Kittel , wissenschaftliche Mitarbeiterin am Histo­rischen Seminar der Universität Münster , offenbart abs­truse Welten. Ein Bibliothekar der hiesigen Uni-Bibliothek sammelte über Jahrzehnte Informationen über Wissenschaftler, Studenten, das akademische Leben an der Universität – um es der Staatssicherheit der DDR zu übermitteln.

Die Unterlagen des „IM Park“, so der Deckname des Mannes, waren 1990 kurz vor der Wiedervereinigung durch die damals noch existierende Stasi nicht vernichtet worden, sagt Sabine Kittel.

Ob die Universität Münster ein Schwerpunkt der Spionage-Tätigkeit der Stasi war, vermag sie nicht zu sagen. Fest stand aber: „Es gab großes Interesse von Seiten der DDR, hier Informationen zu gewinnen. Die Uni Münster mit ihrer großen, renommierten Juristischen Fakultät galt in der DDR als eine Kaderschmiede des Kapitalismus“, so Kittel.

Die Stasi interessierte sich für Lebensläufe von Wissenschaftlern, für Publikationen von Studentengruppen, für Unterschriftenlisten beispielsweise der Friedens­bewegung. Sabine Kittel: „Alles Informationen, die man heute mühelos googeln könnte.“

Kittel ist auch Gesprächspartnerin des Filmautors Carsten Günther. Er hat über die „Westagenten für die Stasi“ einen Dokumentarfilm gedreht, den der WDR in seinem Fernsehprogramm am Mittwoch (23. März) um 23.25 Uhr ausstrahlt. Carsten Günther stieß bei seinen ­Recherchen auch auf einen ehemaligen Münsteraner, der sehr intensiv für die Stasi arbeitete. Der Mann heißt Peter Wolter – und ist ausdrücklich nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen langjährigen Vorsitzenden des ADFC Münster.

Ex-Stasi-Agent Peter Wolter, Jahrgang 1947, lebt heute in Berlin als Mitarbeiter der marxistischen Zeitung „Junge Welt“. Er war aktuell wegen einer längeren Reise für unsere Zeitung nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Dieser Peter Wolter, Sohn eines Kommunisten, wuchs in Münster auf, machte hier 1966 Abitur und sympathisierte früh mit der DDR. Im Film sagt er, er habe schnell gemerkt, dass er mehr tun müsse „als bloß Flugblätter zu verteilen“ – und sich 1973, nachdem er von der Uni Münster an die FU Berlin gewechselt war, der Stasi selbst als Mitarbeiter angeboten. Als Journalist von Nachrichtenagenturen, unter anderem im Bonn der 80er Jahre, und zuletzt als Chef vom Dienst bei Reuters versorgte er regelmäßig die Stasi mit Informationen, er kopierte meist geheime Dokumente, etwa des Verfassungsschutzes. Nach der Wende wurde er enttarnt und 1991 zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. 1994 trat Wolter noch einmal in Münster in Erscheinung – als einer der Mitbegründer der Obdachlosenzeitung „Draußen“.

Die Filmdokumentation zeigt neben Wolter noch Ex-Stasi-Agenten aus anderen Städten. Die Regel sei, so Autor Carsten Günther, dass sie ihr Tun nach der Wende bereuten, als sie realisierten, einer Diktatur gedient zu haben. Nicht so Peter Wolter: Er sagt vor laufender Kamera, dass er eher bereue, nicht noch mehr für die Stasi getan zu haben – „einmal Kommunist, immer Kommunist.“

In Sabine Kittels Forschungen taucht der Stasi-Agent Peter Wolter nicht auf: Sie ermittelte aber andere Details aus der bizarren Welt der DDR-Spionage: Der Stasi-Spitzel in der Uni-Bibliothek erhielt etwa den Auftrag, zu ermitteln, ob es Sinn mache, in Münster einen Stasi-betriebenen Buchladen zu eröffnen, in dem kritische Besucher angesprochen werden könnten. Das Ergebnis: „IM Park“ riet ab. Es gab bereits genügend linke Buch­läden in Münster. Der 1916 geborene Uni-Bibliothekar wurde übrigens nie strafrechtlich belangt. Er war Jahre vor der Wende pensioniert worden, seine Stasi-Tätigkeit kam erst durch Kittels Forschungen ans Licht.

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